14.06.2012   21:02   +Feedback

Die talkende Klasse (Teil 7, von Scholl-Latour bis Theweleit)

Eine alphabetisch geordnete Auswahl von Weisheiten der politischen und kulturellen Eliten. Sätze aus der großen Zeitgeistfabrik, wie sie Tag für Tag in den Nachrichten, in den Krimis, in den Soaps und ganz besonders häufig in den Talkshows hergesagt werden.

Peter Scholl-Latour, Journalist
„Das ist doch alles gelogen, was dort gewesen ist.“
(2009 - über den 11. September)
„Eine glatte Verletzung der pakistanischen Souveränität.“
(2011 - über den Tod von Osama bin Laden)

Jörg Schönenborn, Chefredakteur des WDR
„Was ist das für ein Land, das eine Hinrichtung derart bejubelt? Zivilisierte Nationen haben einst das Völkerrecht geschaffen. Sie verständigten sich darauf, dass Verbrecher vor Gericht gestellt und nicht einfach getötet werden.“
(2011 - über freudige Reaktionen auf den Tod von Osama bin Laden)

Gerhard Schröder, ehem. Bundeskanzler
„Nach vierzig Jahren Bundesrepublik sollte man eine neue Generation in Deutschland nicht über die Chancen einer Wiedervereinigung belügen. Es gibt sie nicht.“?
(1989)
„Amerika (beherbergt) politisch betrachtet sowohl finsterste Reaktion als auch aufgeklärteste Demokratie. Also, um es mal so zu sagen: auf der einen Seite die Tea-Party-Bewegung um Sarah Palin, auf der anderen Seite die aufrechte Demokratin und leider viel zu früh gestorbene Susan Sontag.”
(2010)

Alice Schwarzer, Journalistin
„Respekt vor anderen ist unteilbar. Wer diesen Respekt nicht vor dem Tier hat – und zwar vor jedem Tier! auch vor Ratten und Kakerlaken! -, der hat ihn auch nicht vor den Menschen.“
(1994)
„Sie hat ihren Mann entwaffnet. Eine hat es getan. Jetzt könnte es jede tun. Der Damm ist gebrochen, Gewalt ist für Frauen kein Tabu mehr. Es kann zurückgeschlagen werden. Oder gestochen. Amerikanische Hausfrauen denken beim Anblick eines Küchenmessers nicht mehr nur ans Petersilie-Hacken. Es bleibt den Opfern gar nichts anderes übrig, als selbst zu handeln. Und da muss ja Frauenfreude aufkommen, wenn eine zurückschlägt. Endlich!“
(1994 - Gemeint ist Lorena Bobbit, die ihrem schlafenden Mann den Penis abgetrennt hatte)
„Mein Großvater hat vorwiegend die Arbeit gemacht mit der Kindererziehung und hiermit gezeigt, dass auch Männer Menschen sein können.”
(1998)

Karl Ludwig Schweisfurth, Mäzen des Biolandbaus
„Biolandwirtschaft ist reine Natur.“
(2006)

Horst Seehofer, Ministerpräsident von Bayern
„In Bayern bin ich gegen Gentechnik.“
(2008)
„Markt pur ist Wirtschaft pervers. Markt pur ist der pure Wahnsinn.“
(2011)

Peter Sloterdijk, Philosoph
„Wir haben immer noch nicht verstanden, dass die westliche Demokratie jene Lebensform ist, in der man für seinen Feind verantwortlich ist - weil dieser die eigene Praxis widerspiegelt.”
(2001)
„Wenn mir jemand versichert, dass er nach dem 11. September im Bereich der Philosophie anders denkt als vorher, streiche ich ihn aus der Liste der ernst zu nehmenden Personen. Ich glaube, die Katastrophenlandschaft der 20. Jahrhunderts einigermaßen zu überblicken. Der 11. September gehört da eher zu den schwer wahrnehmbaren Kleinzwischenfällen.”
(2002)

„Der Spiegel“
„Der Storch wird nach Ansicht von Fachleuten in Deutschland die Jahrtausendwende nicht überleben.“
(1994)
„Wir stehen vor einem ökologischen Hiroshima.“?
(1983 - über das „Waldsterben“)

„Süddeutsche Zeitung“
„Der deutsche Wald stirbt. Wissenschaftler zweifeln, ob auch nur fünf Jahre Zeit bleibt, dies zu verhindern.“?
(1982)

Karlheinz Stockhausen (1928–2007), Komponist
„Also was da geschehen ist, ist natürlich - jetzt müssen Sie alle Ihr Gehirn umstellen - das größte Kunstwerk, was es je gegeben hat. Dass also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch, für ein Konzert. Und dann sterben. Und das ist das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen Sie sich das doch vor, was da passiert ist. Das sind also Leute, die sind so konzentriert auf dieses eine, auf die eine Aufführung, und dann werden fünftausend Leute in die Auferstehung gejagt. In einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts, also als Komponisten.“
(2001 über den 11. September)

Klaus Theweleit, Schriftsteller
„Was dabei gerne übersehen wird, ist, dass ausgerechnet jemand wie Bush die Wahlen nur mit den Stimmen aus dem Bible Belt gewinnen konnte: den Stimmen von fundamentalistischen Amerikanern, von religiösen Fanatikern. Bush wundert sich dann, wenn aus anderen Teilen der Welt die religiös-bewaffneten Antworten zurückkommen.“
(2001)

Fortsetzung folgt

(Michael Miersch)


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Kategorie(n): Kultur 

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