02.08.2007   21:56   +Feedback

Die Sportifizierung der Gesellschaft

Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 03.08.2007

Brauchen wir Gesetze gegen Drogenmissbrauch beim Radfahren? Werden bald Sportler in Handschellen aus den Stadien geführt, weil sie ihre Muskeln mit pharmazeutischen Mitteln aufgepumpt haben? Uns erscheint diese Debatte um Anti-Doping-Gesetze bizarr. Es geht den Staat nichts an, welche Dummheiten erwachsene Menschen mit ihrem eigenen Körper anstellen.

Die Aufregung um die Tour de France ließ uns wohl deswegen so kalt, weil wir Fossilien aus einer anderen Zeit sind. Einer Zeit, da dachte man bei „Doping auf Rädern“ an Leute, die bekifft auf dem Hollandrad Schlangenlinien im Stadtpark fuhren. Damals sind wird mit einem völlig anderen Verhältnis zum Sport aufgewachsen. Reck, Barren und Aschenbahn waren sowas von uncool, dass nur die schlimmsten Spießer in der Klasse den Sportunterricht nicht schwänzten. Disziplinierte Leibesübungen galten als faschistoid und sexualfeindlich. Miersch entdeckte kürzlich in seinem Bücherregal ein verstaubtes, gelbes Bändchen des März-Verlages aus dem Jahre 1972: „Sport und Sexualität“. Darin argumentiert der Autor Ulrich Dix, dass Sport „Aggressionen unvorstellbaren Ausmaßes züchtet“, „Jugendliche von ihrer Sexualität abzulenken versucht“ und durch Sport „unreflektiert und ahnungslos der Nährboden vorbereitet wird, auf dem die Herrschenden säen und ernten.“ Die hessische Naturfreundejugend forderte „Vögeln statt Turnen!“ und die Bildzeitung alarmierte ihre Leser: „Schüler wollen Liebe in der Turnhalle!“ Temps perdu.

Neulich saßen wir bei Fittness-Salat und Power-Drink mit Wolfram Eilenberger, einem Experten für Philosophie und Fußball, zusammen. Er sprach von der „Sportifizierung“ der Gesellschaft und gab damit unserer hilflosen Verwunderung endlich einen Namen. Ja, genau das haben wir in den vergangenen Jahrzehnten durchgemacht: Die Sportifizierung von allem. Wer die Siebziger nicht erlebt hat, kann sich kaum vorstellen wie stark das öffentliche und private Leben seither versportlicht wurde. Es begann mit der „Trimm-dich-Bewegung“, die 1970 vom Deutschen Sportbund ausgerufen wurde, weil nur noch 17 Prozent der Westdeutschen in Sportvereinen organisiert waren. Jedes Dorf baute einen Waldweg zum „Trimm-Dich-Pfad“ um. Überall klebte nun das kleine Trimm-Dich-Männlein. Die Kampagne hatte Erfolg: Zehn Jahre später waren 28 Prozent der Bevölkerung in Sportvereinen organisiert. Heute sind es fast drei Viertel der Kinder zwischen drei und zehn Jahren. Und warum? Es ist zwar erwiesen, dass Bewegungsmangel ungesund ist.  Aber es gibt bis heute keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Sport gesund ist.

Mit der anschwellenden Sportpropaganda explodierte auch das Angebot für Spezialausrüstungen aller Art, von der Knallbunten Wursthaut der Radfahrer bis zu albernen Stöcken für verbissenes Spazierengehen. Tennisarme und andere neue Krankheiten kamen auf. Trainingsanzüge waren vorher schmerbäuchigen Männern vorbehalten, die ihr Bier am Kiosk trinken. Nun wurden sie zur Alltagskleidung, ebenso wie Turnschuhe. Menschen die studiert haben, um nicht körperlich arbeiten zu müssen, martern sich in Fitnessstudios. Politiker lassen sich beim Joggen fotografieren. Journalisten nehmen die Welt immer mehr durch die Brille des Sports wahr, und stellen bei jeder Gelegenheit Ranglisten und Charts auf. Filme glänzen mit Stunts statt mit Handlung.

Damals haben wir das kleine Trimm-Dich-Männlein nicht ernst genommen. Wir ahnten nicht, was es vorhat. Es veränderte die Welt viel gründlicher als alle, von denen wir das erwartet hatten. Jetzt haben wir den Fitness-Salat. Das Gegenteil von „Vögeln in Turnhallen“ hat gesiegt: Heute ist viel eher Leistungsturnen in Schlafzimmern angesagt. Wir wollen nicht abseits stehen und kämpfen dafür, dass Foul-Lenzing und Red-Wining endlich als Trendsportarten anerkannt werden.


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