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  27.08.2009   12:41   +Feedback

Die Revisionisten aus Neukölln

„Es geht uns darum, die Perspektiven der Minderheiten sichtbar zu machen“, sagte vor einiger Zeit schon, als sie ihr neues Programm vorstellte, Philippa Ebéné, seit einem Jahr Leiterin der „Werkstatt der Kulturen“ in Berlin-Neukölln.

Sie merken, der Plural ist wieder am Werk. Ohne Plural geht in der westlichen Welt nichts mehr. Das kommt daher, dass man den Plural mit dem Pluralismus verwechselt, und das ist ein Problem. Denn wenn man Pluralismus noch als Meinungsverschiedenheit deuten kann, und gleichzeitig auch als Umgangsform damit, so ist beim Plural nichts mehr zu richten. Der Plural steht fest.

Und fest steht auch, dass eine Ausstellung, die sich mit der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt, im Haus von Frau Ebéné nicht gezeigt wird. Wegen der arabischen Minderheit in Berlin-Neukölln. Mit wem aus dieser Bevölkerungsgruppe sich die Kennerin der Perspektive konsultiert hat, wissen wir nicht. Und ehrlich gesagt, wir wissen auch nicht, was eine arabische Minderheit in Neukölln ist, man kennt dort Einwanderer mit deutschem Pass und ohne deutschen Pass, deutschsprechende und arabischsprechende. Und das ist auch alles.

Umso mehr aber weiß man über den berüchtigten Mufti von Jerusalem, der den Weltkrieg in Berlin verlebte, wo er zu den eifrigsten und nützlichsten Kollaborateuren gehörte. Er hat die Muslime vom Balkan in die Waffen-SS eingebracht, und später in Ägypten, wohin er nach Kriegsende fliehen konnte, weiter für die Sache der Palästinenser gefochten. Durch seine Verbindungen zur Kairoer Politik sind zahlreiche Nazi-Kriegsverbrecher in den arabischen Staaten untergekommen. Man kann durchaus von einer zweiten „Rattenlinie“ sprechen.

Das aber wollte die gut gelaunte Veranstalterin des „Karnevals der Kulturen“ wohl vermeiden, und weil die Ausstellungsmacher es nicht akzeptierten, den Mufti aus der Kollaborationsliste zu entfernen, findet die Ausstellung nicht statt. Jedenfalls nicht in der Werkstatt der Kulturen.

Wo früher einmal in Grenzfällen an die gute alte Toleranz appelliert wurde, ist jetzt nichts als die tägliche Meßlatte des politisch Korrekten, die Gebetsmühle des Humanisten aus der Schule der französischen Revolution, die bekanntlich der Deklaration der Menschenrechte mit Hilfe der Guillotine Popularität zu verschaffen suchte. 

Der Toleranzersatz politische Korrektheit dient zur Aushebelung der westlichen Werte und zur Duldung und sogar zur Legitimation der Missachtung von Freiheit und Menschenrechten. Es wird noch so weit kommen, dass man in den Fernsehnachrichten ein tägliches Verhaltens-Barometer einführen wird. Wo früher der Knigge genügte, braucht man jetzt die Hirnwäsche.

Vor dem Hintergrund unserer politisch korrekt aufgestellten Öffentlichkeit haben Begriffe wie „Kultur“ und „Minderheit“ eine ungute Bedeutungsverschiebung erfahren. So wird alles, was rational nicht fassbar ist, als Kulturausdruck bezeichnet. Aber nicht der Einfachheit halber, wie es früher der Fall war, sondern um rechtlich und moralisch unhaltbare Positionen unangreifbar zu machen. Man kann nicht akzeptanzfreudig von Kulturen sprechen, wo die Grundrechte von deren Imperativ ausgehebelt werden. Jenseits der Kulturen gibt es eine Zivilisation.

Eine weitere fatale Bedeutungsverschiebung hat mit dem Begriff „Minderheit“ zu tun. Früher gab es die Minderheitenrechte. Diese waren dazu da, um die kulturelle, aber auch ökonomische und administrative Eigenständigkeit einer Gruppe gegen die Ignoranz der Mehrheit zu verteidigen. Heute erscheinen Minderheiten als von vornherein im Recht. Sie werben nicht mehr um Verständnis für ihre Belange, sie versuchen vielmehr ihre Positionen der Mehrheit aufzuzwingen. Die Spielregeln der Demokratie, und vor allem die Werte, auf denen diese Spielregeln gründen, gelten damit nur noch für die Mehrheit. Für das Goethe-Institut, nicht für die Werkstatt der Kulturen.

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Kategorie(n): Inland  Kultur 

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