Dirk Maxeiner 20.02.2012 12:24 +Feedback
Die Rache der Technik
Katastrophen sind häufig die unbeabsichtigen Folgen frühe¬rer Problemlösungen. Der amerikanische Historiker Edward Tenner hat in seinem Klassiker “Die Tücken der Technik” eine bemerkenswerte Sammlung von Fallbeispielen zusammen¬getragen. Er ist den so genannten “Racheeffekten” nachge¬gangen und dabei auf eine Vielzahl verblüffender und häufig auch kurioser Phänomene gestoßen. Ein einfaches Beispiel für so einen Racheeffekt sind die starren, eng anliegenden Skistiefel, die die Zahl der Knöchel und Schienbeinbrüche erfolgreich gesenkt haben. Allerdings mit einem kleinen Nachteil: Der Fortschritt geht nun auf Kosten des vorderen Kreuzbandes im Kniegelenk. Unfallchirurgen in den Skigebieten können dieser Tage wieder ein Lied davon singen. Der Geschichts-Professor Tenner legt sein Augenmerk, wie das Beispiel zeigt, weniger auf die seltenen großen Katastrophen als vielmehr auf die allgegenwärtigen chronischen Desaster, mit denen wir uns längst abgefunden haben. Seien es Klimaanlagen, die für Erkältung sorgen, oder Computerprogramme, deren Beherrschung mehr Zeit kostet als sie angeblich einsparen. Solche unvorhergesehenen Effekte des Fortschritts verderben uns regelmäßig die Freude am Umgang mit moderner Technik. Technologischer Optimismus erfordert deshalb in der Praxis, dass wir unangenehme Überraschungen schnell genug erkennen, um etwas gegen sie unternehmen zu können.
So galt das aus faserförmigen Silikat-Mineralen gewonnene Asbest dereinst als Segen der Menschheit. Es versprach Schutz bei Feuer und Explosionen, im 19. Jahrhundert benutzte man es zur Isolierung der Dampfkessel in den Lokomotiven. Bald wiesen dann selbst Theaterbesitzer stolz darauf hin, dass der Bühnenvorhang mit Asbest verstärkt sei und das Publikum vor der archetypischen Tragödie des 19. Jahrhunderts schütze, dem Brand hinter der Bühne. Als sich vor 30 Jahren dann herausstellte, dass die Faser lungengängig ist und dort Krebs auslösen kann, war sie praktisch allgegenwärtig. Asbest stieg zu einem solchen Symbol der Bedrohung auf, dass man es mit Milliardenaufwand aus Gebäuden entfernt. Die Wunderfaser von gestern ist plötzlich der Sondermüll von heute.
So ähnlich könnte es auch mit vielen Materialien gehen, die gegenwärtig im Hausbau als der letzte Schrei gelten. Was den Theaterbesitzern im vorletzten Jahrhundert ihr Asbest war, sind den Klimaschützern des 21. Jahrhunderts dicke Hartschaumplatten, mit denen die Fassaden von alten und neuen Häusern eingehüllt werden. Das spart Energie und soll so helfen die globale Erwärmung zu stoppen. Doch dieser Fortschritt hat auch seinen Preis: Beherztes Dämmen alter Bauten führt - besonders wenn nicht richtig gelüftet wird - im Inneren häufig zu Schimmelbildung und damit verbunden Erkrankungen der Bewohner. Doch das ist womöglich das geringere Problem: Bei Versuchen der Materialprüfungsanstalt Braunschweig fingen solche Platten schon nach wenigen Minuten Feuer und wirkten als „Brandbeschleuniger“. Ein brennender Mülleimer vor einem Haus in Delmenhorst entzündete kürzlich die Fassade und gleich fünf Mehrfamilienhäuser brannten aus. Das Feuer kletterte in kürzester Zeit zum Dachstuhl hoch.
Und dort lauert der nächste Tücke moderner Effizienz-Technik: Das Solarpanel. Egal ob Schule oder Rathaus, Bauernhof oder Reihenhaus, immer mehr Gebäude werden mit den Stromerzeugern bestückt. Doch sie haben einen vielen Bewohnern bislang nicht bekannten Nachteil: Die Feuerwehr kann sie im Brandfall nicht löschen. Sie produzieren Gleichstrom und das nicht zu knapp - selbst kleinere Anlagen auf Einfamilienhäusern. Und das auch bei bedecktem Himmel, es braucht keine Sonne sondern nur Licht. In der Nacht reicht sogar die Einsatzbeleuchtung der Feuerwehr um die Stromproduktion einzuleiten. Löscht die Feuerwehr die Solaranlage mit Wasser, leitet es, und setzt alles unter Strom - die Retter und die Bewohner eingeschlossen. Der Einsatz von Schaum bringt nicht viel, weil er von den Schmutz abweisenden Beschichtung abrutscht. Und die noch schlechtere Nachricht: Die Anlagen sind nicht abschaltbar. Auch die Leitung zwischen den Modulen und dem Wechselrichter steht - selbst bei gezogener Hauptsicherung - weiter unter Strom. Ein Ratgeber für Feuerwehren empfiehlt daher ein Vorgehen wie bei „Hochbrand“ und „Hochspannung“. Das heißt in der Regel ein „kontrolliertes“ abbrennen lassen, denn „Stand heute gibt es keine sinnvolle Methode um im Ernstfall eine Photovoltaikanlage auszuschalten.“ Es ist ein kleines Wunder, dass beispielsweise Eltern, deren Kinder eine mit solchen energetischen Finessen ausgerüstete Öko-Schule besuchen, nicht beunruhigt sind.
Bei Windrädern gibt es da schon erheblich mehr Bedenken, weil es sich nicht besonders schön darunter wohnt. Noch nicht herumgesprochen hat sich, dass die Windnutzung der Welt ein wachsendes Atommüll-Problem beschert. Die fortschrittlichsten Anlagen arbeiten mit so genannten Permanentmagneten und dafür brauchen die Hersteller das Metall Neodym, eine so genannte „seltene Erde“. Bei der Abtrennung vom Gestein entstehen radioaktive Stoffe wie Uran und Thorium. Allein nahe der mongolischen Stadt Baotou, einer großen Fundstätte, lagern bereits jetzt etwa 90.000 Tonnen Thorium in einem riesigen Auffangbecken. China ist Lieferant für fast 100 Prozent des weltweit verbrauchten Neodyms, von dem der größte Teil für den Bau von Windrädern benötigt wird. Bis eine Lösung gefunden ist, produziert der Wind massenweise radioaktiven Abfall. Racheeffekte schließen nicht aus, dass wir vorankommen, aber sie mahnen uns ständig auch zurückblicken, weil uns die Wirklichkeit immer wieder einholt. Und das gilt eben auch für grüne Technologien.
Erschienen in der Baseler Zeitung vom 16.2.2012
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Kategorie(n): Wissen


