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  06.01.2009   16:31   +Feedback

Die Qual der Wahl im fernen Bengal

Während in Gaza die Hamas eins über die Rübe kriegt und sich die Amerikaner vor ihren neuen digitalen Flachbildschirmen räkeln, um die Kampfszenen aus dem Nahen Osten (hier Middle East genannt) mit der Fernbedienung wegzudrücken und sich an der tollpatschigen Krimikomödie um Blagojevich, den korrupten Gouverneur von Illinois, zu ergötzen (Blago wollte nach dem zwangsläufigen Rücktritt Barack Obamas von seinem Senatorenposten unter der Hand die restlichen zwei Jahre dieser politisch prächtigen Pfründe an den Meistbietenden verscherbeln und wurde, bereits wegen anderer Korruptionsmanöver unter Verdacht, dabei vom FBI abgehört), weicht die Knallerei auf dem indischen Subkontinent (die Massenmorde von Mumbai, das indisch-pakistanische Säbelrasseln, die Regierungsdeckelei aufständischer Tamilen in Sri Lanka, der mutmaßlich weiterhin in pakistanischen Höhlen ausbaldowerte Al-Qaida-Terror) bereits wieder—und weiter—zurück in unsere vergeßlichen westlichen Hinterköpfe.

Dabei fanden vor ein paar Tagen in Bangladesh endlich die vor zwei Jahren wegen damaliger Unruhen verschobenen Wahlen statt, bei der die Awami-Liga mit knapp fünfzig Prozent der Stimmen fast neunzig Prozent der Parlamentssitze eroberte; so kann’s bei einem wahlbezirksbedingten Mehrheitswahlrecht halt passieren. Damit ist die vor dem 2007 erklärten Ausnahmezustand sechs Jahre lang regierende Nationalpartei mit ihren nur noch zehn Prozent der Sitze zunächst so gut wie ausgeschaltet. Wie sich das auf die innenpolitisch grassierende, fast schon traditionelle Korruption und auf außenpolitische Allianzen auswirken wird, bleibt abzuwarten.

Aber wen interessiert es groß im Abendland, was bei den Bengalen los ist—vor allem in ihrem bettelarmen Staat Bangladesh, der wenig Einfluß auf die Weltwirtschaft und auf Stammtischmeinungen hat? Zwar leben dort über hundertfünfzig Millionen Einwohner, also hundertmal soviele wie in Gaza; zwar kostete der Unabhängigkeitskrieg gegen Pakistan 1971 Millionen Zivilisten das Leben (man stelle sich den Horror vor: allein die Legionen massakrierter Kinder...), zwar flohen zehn bis zwanzig Millionen Hindus—genauen Zahlen ist hier schwer beizukommen—vor ethnisch-religiöser Volksverhetzung nach Indien (obwohl der Unabhängigkeitskrieg zwischen dem damaligen Ost- und Westpakistan eigentlich ein moslemischer “Bruderkrieg” war, ausgelöst, weil nach demokratischen Wahlen dem Westpakistaner Zulfikar Ali Bhutto die Parlamentsmehrheit der ostpakistanischen Awami-Liga nicht paßte) —aber was geht uns das an? Bei den dunkelhäutigen Bangladeshis lassen sich nicht so leicht falsche Fuffziger an dummdreisten Analogien zwischen Nazis und Zionisten auf den Meinungsmarkt bringen; schon damals, vor siebenundreißig Jahren, interessierte z.B. die baader-meinhofschen Hohlköppe ein Leiden, für das man nicht mit dem Finger auf den Kapitalismus im allgemeinen und den westlichen Imperialismus im besonderen zeigen konnte, einen feuchten Dreck; schon damals erschnupperten manche deutschen Linksextremisten trotz vieler Lippenbekenntnisse weniger den Blutgestank der Unterdrückungsschlachtfeste in der Dritten Welt als vielmehr die völkische Fährte ihrer Väter, indem sie der falschen Spur eines Antizionismus nachhechelten, der die Palästinenser zu Opfern und die Israelis zu Tätern stilisierte. Dabei waren die Sechstage- und Jom Kippurkriege doch, mal ganz abgesehen von Ursache und “Schuld”, nur kleine Scharmützel im Vergleich zu Biafra, Vietnam, Bangladesh… und was es sonst noch so an Gemetzeln gab und gibt. (Jaja, ich weiß, wir protestierten gegen die Amis in Vietnam; aber Gaza ist längst kein Vietnam.)

Zugegeben, ich war damals ähnlich ungebildet wie die meisten Europäer und Amerikaner, wenn zufällig mal die Sprache auf Bangladesh kam—eine ferne Welt ohne persönliche Bezüge, auf die man kaum ein Auge warf. Ich bilde mir auch heute noch nicht ein, einen Überblick über die dortige Situation zu haben. Ich war nie im Land und kenne intim weder die dort herrschenden Mentalitäten und Machtverhältnisse, noch sind mir die komplexen geschichtlichen Zusammenhänge vertraut. Aber: Ich habe seit anderthalb Jahrzehnten einen persönlichen Bezug.

Vor einem Monat, Anfang Dezember, erhielten meine Frau und ich einen Anruf aus dem zwei Autostunden entfernten Washington; unsere Freundin Hasna, seit April 2007 im Exil und seit Frühjahr 2008 Visiting Scholar an der George Washington University, wollte uns mit der Freudenbotschaft überraschen, ihr Mann sei gerade aus dem Gefängnis in Dhaka entlassen worden, um bei den bevorstehenden Parlamentswahlen kandidieren zu können. Sie selber würde in den nächsten Tagen, nachdem sie sich zuerst mit ihrem Sohn und ihrer Tochter in London träfe, zurück in die Heimat Bangladesh fliegen, möchte uns aber gerne vorher nochmal sehen.

Erstmals trafen wir die Dichterin und Küstenentwicklungsforscherin Hasna Moudud, die in den Sechzigern an US-Universitäten studiert hatte, 1994 bei einem Kongreß in Morelia, Mexico, wo sie uns wegen ihres lockeren, freundlichen, extrovertierten Verhaltens auffiel. Drei Jahre später, als ihr Ehemann, der in England ausgebildete Jurist und Politiker Moudud Ahmed, ein Semester lang in Washington Gastvorlesungen hielt, durften wir Hasnas Kochkünste bewundern. Die beiden lebten verhältnismäßig bescheiden in einem Vorort der amerikanischen Hauptstadt; umso überraschter waren wir, als wir die Geschichte von Moudud Ahmeds Leben erfuhren: Er hatte sich im Kampf um die Unabhängigkeit seines Landes für demokratische Institutionen nach westlichem Vorbild eingesetzt, hatte während der ersten autokratischen Phase als Verteidiger politische Gefangene vertreten, bis er selbst ins Gefängnis gesperrt wurde, war dann im bewegten Wechselspiel der Machtergreifungen von einer säkularen Partei zur anderen gehüpft und hatte sich doch immer wieder bei den Parlamentswahlen in seinem Heimatwahlkreis durchgesetzt, war Attentaten entgangen, denen Spitzenpolitiker fast regelmäßig zum Opfer fielen, hatte Ministerposten bekleidet, war in den Achtzigern Vizepräsident und eine Zeitlang Premierminister von Bangladesh. Dazwischen lagen, wenn sich das Fähnlein mal wieder wendete, weitere Verhaftungen und Gefängnisaufenthalte. Nun fühlte er, der einstmals mächtigste und gelegentlich ohnmächtigste Mann einer Nation von einhundertfünfzig Millionen, sich zwar wohl in seinem fast anonymen amerikanischen Professorendasein, aber nur auf Zeit—er strebte wieder heim, um weiter mitzumischen bei den Herausforderungen und den Schicksalsschlägen der Bengalen.

Vier Jahre später, 2001, nachdem seine Nationalpartei die Wahlen gewonnen hatte, wurde Moudud zur Abwechslung Justizminister. Wir korrespondierten gelegentlich mit seiner Frau, und gemeinsam mit der amerikanischen Botschaft in Dhaka gab es mehrere Versuche, uns zum Besuch in Bangladesh zu verlocken. Wir widerstanden—mal waren es Termingründe, mal gesundheitliche. Außerdem waren uns die eskalierenden islamistischen Anschläge nicht geheuer, und die opportunistische Regierungskoalition der säkularen Nationalpartei mit zwei islamistischen Parteien klang nicht gerade vertrauenerweckend. Nachdem im Anlauf auf die zunächst für Januar 2007 angesetzten Parlamentswahlen dieser Regierung unter schweren Korruptionsvorwürfen die Luft ausging und dann auch die Wahlen selbst verschoben wurden, wobei sich das Militär als Garant der Staatsräson präsentierte, erledigten sich diese Pläne sowieso. Eine von der Armee gestützte Übergangsregierung versprach dem Volk, den Stall voll selbstbereichernder Politiker auszumisten, und bezichtigte neben hunderten von Staatsdienern auch den ehemaligen Justizminister Moudud der Rechtsbrechung—in seinem Fall wegen Steuerhinterziehung, ein Vorwurf, der sich nie erhärten ließ. Nun wieder mal ohne Amt und Würden, nahm Moudud fürs Frühjahr 2007 eine Gastprofessur in Heidelberg an. Hasna reiste vierzehn Tage im voraus nach Deutschland, um die Bleibe vorzubereiten, da kam am 13. April 2007 die Nachricht: Fünfundzwanzig Soldaten waren in ihr Haus in Dhaka eingedrungen, hatten es durchsucht und Moudud ins Gefängnis geworfen. Diesmal lautete die Anklage auf Besitz alkoholischer Getränke—man habe einige Flaschen Wein und Bier im Haus gefunden. Nicht, daß es sich beim Militär und der provisorischen Regierung um radikalislamische Saubermänner gehandelt hätte, im Gegenteil; man brauchte halt einen Vorwand und war dabei auf legitimisierende Augenwischerei bedacht, denn das Porzellan demokratisch anmutender Gerichtsbarkeit wollte man nicht ganz zerdeppern—wohl auch, um ausländische Kredite nicht zu gefährden.

Als wir uns vor ein paar Wochen, am Tag vor ihrer Abreise aus den USA, mit Hasna zum Lunch in einem der feineren Restaurants Washingtons trafen, gab sie sich erstaunlich gelassen. Wie immer westlich schick gekleidet, bekannte sie, sie hätte sich in den Jahrzehnten ihrer Ehe an das Auf und Ab einer Politikergattin gewöhnt und sei sich längst der Gefahren bewußt—auch der Lebensgefahr. Sie schaue immer vorwärts, und deshalb sorge sie sich momentan hauptsächlich darum, daß ihrem Mann nur drei Wochen für den Wahlkampf zur Verfügung stünden und wie man in so kurzer Zeit eine effektive Kampagne organisieren könne.

2007 waren auch die Führer der zwei großen Volksparteien, der Awami-Liga und der Nationalpartei, von den Militärs unter Korruptionsverdacht eingesperrt worden, beide Frauen: bei der Awami-Liga Sheikh Hasina, die Tochter des Staatsgründers und ersten Präsidenten Sheikh Mujibur Rahman (1975 samt Frau und Söhnen bei einem Militärputsch ermordet), und bei der Nationalpartei Khaleda Zia, die Witwe des 1981 ebenfalls bei einem Militärputsch ums Leben gekommenen zweiten Staatspräsidenten Ziaur Rahman. Von 1990 bis 2006 hatten sich die beiden Damen, von launischen Wählern zahlenmäßig hin und her geschleudert, alle paar Jahre als Ministerpräsidentinnen abgewechselt. Wie Moudud wurden auch sie rechtzeitig freigelassen bzw. durften aus dem Ausland zurückkehren, um am 29. Dezember an den verschobenen Parlamentswahlen teilzunehmen. Diesmal gewann haushoch die Awami-Liga mit ihrer strikt säkularen Plattform. Und heute, am 6. Januar 2009, wurde Sheikh Hasina zum zweitenmal Premierministerin ihres dichtbesiedelten, armen, öfters von katastrophalen Zyklonen und riesigen Überschwemmungen heimgesuchten Landes. Ob sie und ihre Leute den Versuchungen der Selbstbereicherung diesmal zu widerstehen vermögen, wird die Zukunft zeigen, ebenso, ob sie ihre Versprechen halten können, den Islamisten den Garaus zu machen und das relativ neue Unwesen der Selbstmordattentäter auszumerzen.

Unser Freund Moudud Ahmed, einst enger Weggefährte von Hasinas Vater im Unabhängigkeitskrieg und heute ihr politischer Gegner, verlor zum erstenmal seinen Wahlbezirk, wenn auch knapp, und bleibt in Parlament und Regierung nun draußen vor. Wenigstens sitzt er nicht mehr im Knast. Hasna schreibt uns, sie überlege sich, ihre Erfahrungen als Wahlkampfmanagerin ihres Mannes literarisch zu reflektieren. Sie beklagt sich über “election engineering”, und sie macht sich Sorgen, was die siegreichen Widersacher den parteitreuen Nationalen antun könnten. “Hoffe, ihr werdet uns besuchen,” schließt sie ihre Email. Hmm, eigentlich haben wir keine Ahnung, was uns in Bangladesh erwarten würde—oder reichen Wikipediawissen und Googleinformationen? Wir können ja nichtmal beurteilen, auf welche politische Seite wir uns schlagen sollten—persönliche Freundschaft hin oder her. Ist das nun Abschreckung oder Herausforderung? Sicher bin ich mir da nicht…

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