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  19.03.2010   08:59   +Feedback

Die Nackte auf dem Misthaufen. Über Missbräuchliches

Wenn ich von „Projekten“ höre, steigen in mir die hoch komischen Siebziger auf. Damals ging ich gern ins „Arbeiterbuch“, die Buchhandlung des „Kommunistischen Bundes“ nahe der Hamburger Uni. Ulkiger Laden! Nicht nur wegen des Namens - wohl niemals hat sich ein Arbeiter dorthin verirrt -, sondern auch, weil er eine Fundgrube war für den gedruckten Irrsinn, den die zahlreichen linken, in ideologische Haarspaltereinen verstrickten Sekten produzierten. Auch diverse so genannte Projekte hatten hier ein Forum, zum Beispiel Antifa-Kämpfer, Windkraftschwärmer (ja, die gab´s bereits), Kinderlädenbetreiber, Dritte-Welt-Apostel, radikale Lesben etc.. Auf den Tischen stapelten sich auch die Projektbeschreibungen von Landkommunen…

In einer Broschüre stellte ein Typ, der sich „der stärkste Typ von Mittelfranken“ nannte, sein Projekt vor. Einen gammeligen Bauernhof, auf dem er irgendwas zu tun vorgab. Was genau es war, weiß ich nicht mehr. Erinnerlich ist mir aber ein Foto. Es zeigte ein ziemlich junges Mädchen, das nur mit Gummistiefeln bekleidet auf einem Misthaufen stand, Forke in der Hand, und kess grinste. Es war, glaube ich, als Blatt für einen Kalender gedacht. Sozusagen der Pirelli-Kalender für Landkommunarden.

Der Selbstdarstellung des stärksten Mittelfranken war zu entnehmen, dass sein Hof nebenbei zu einem Geheimtipp für Ausreißerinnen avanciert war, die von zu Hause oder aus Erziehungsheimen abgehauen waren. Der Typ schwafelte von den armen Dingern, die Opfer der repressiven bürgerlichen Erziehung geworden seien und bei ihm Unterkunft und Zuwendung fänden. Wofür sie sich natürlich nützlich machen mussten – auch schon mal im Evaskostüm, wie man sah. Ich brachte das Blatt in meine Redaktion mit, und wir lachten uns schlapp über den Sermon.

„Der zieht die Mädels durch wie nix Gutes,“ sabberten die Kollegen.
„Und dafür müssen die auch noch seinen Saustall ausmisten.“
„Schlaues Kerlchen!“

Wir waren damals etwas zynisch – wie man halt so wird, wenn man jahrelang Linke, Aussteiger, Antiautoritäre, Körnerfredys und andere Friedens- und Fortschrittsfreunde journalistisch begleitet. Die Zeiten waren sexualisiert. „Freie Liebe“? Was denn sonst? Ehe und Kleinfamilie? Reaktionärer Spießerquatsch. Missbrauch? Kein Thema. Der Staat, die Bonzen, die Institutionen waren es ja, die Menschen unterdrückten, ausbeuteten und missbrauchten. Sie und keiner sonst waren das Schweinische am Schweinesystem. Niemand war pervers, abgesehen vom System.

Gegen Ende des Jahrzehnts begannen auch Pädophile - Pädosexuelle, wie sie sich nun nannten - ihr Coming-out. Etwa die „Nürnberger Indianerkommune“ oder die „Kinderbefreiungsfront Karlsruhe/Pforzheim“. Es waren Mitschnacker, wie man im Norden Kinderschänder nennt, aber welche mit Überbau. „Zärtliche Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen auf freiwilliger Basis“ predigten sie, als sei so etwas möglich. Mit ihren Forderungen nach straffreiem Kindervögeln setzte sich sogar der „Spiegel“ ernsthaft auseinander, O-Ton 1980:

„Die Wurzeln der “sexuellen Deviation” (Abweichung) reichen auch beim Pädophilen offenbar weit zurück in die Kindheit. Gleichwohl hat ein Pädophilie-Spezialist, der niederländische Sexual-Psychologe Frits Bernard, schon 1972 nachweisen können, daß pädophile Menschen, abgesehen von den Folgen ihrer gesellschaftlichen Diskriminierung, nicht neurotischer sind als Durchschnittsbürger.
Ihre Zuneigung zu Kindern äußert sich meist als Freundschaftsbeziehung, wozu freilich auch Schmusen und Streicheln gehört. Die Genitalien bleiben nicht ausgespart. Zum Geschlechtsverkehr kann es kommen, doch wird er von Pädophilen angeblich weder von vornherein angestrebt noch je erzwungen.“ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14316199.html)

In jenen Jahren stieß ich beim Lesen der „Zeit“ öfters auf Hartmut von Hentig, den Guru der Reformpädagogik und Gründer der „Laborschule Bielefeld“. Sehr interessierte mich seine Arbeit nicht. Der Mann verströmte eine altbackene idealistische Aura, deren Gebrauchsfestigkeit ich mir im schnöden Schulalltag, außerhalb von elitären Leuchtturmprojekten, nicht recht vorstellen konnte. Er war kein wirklicher Linker, doch in jeder Beziehung à jour: Berater von Willy Brandt, Freund der Weizsäckers, aktiv in der Friedensbewegung, Mitglied der „Humanistischen Union“ – ein Sinnbild des grundgütigen Citoyen mit Charakterkopf und Gelehrtenfliege.

Was mich jetzt fasziniert, da Missbrauch durch Priester und Pädagogen ein Top-Thema geworden ist, hat gewissermaßen mit dem Vormärz der aktuellen Skandale zu tun. Also, während von Hentig in seiner wirkungsstärksten Phase feinsinnigen Bildungsbürgern seine Projekte erläuterte („Kinder und Schüler sollen über selbstbestimmtes Handeln und Verantwortung die Voraussetzung für das Verstehen und Umgehen mit komplexen Verhältnissen gewinnen“), stellten Typen, die sich vielleicht auf Wilhelm Reich und Herbert Marcuse beriefen, randständige Gören nackt auf ihre Misthaufen-Projekte; nervten die Indianerkommunarden auf grünen Versammlungen (die seltsamen Kinderfreunde wussten genau, wo sie nicht gleich achtkant vor die Tür gesetzt wurden) mit ihrem durchsichtigen Projekt „Man-darf-Kindern-nicht-die-Sexualität-stehlen!“

Und der Lebensgefährte von Hentigs, der zeitweise hoch gerühmte Schuldirektor Gerold Becker, soll in diesen Jahren Schüler einer berühmten Lehranstalt befummelt haben (von Hentig selbst wird dessen nicht beschuldigt). Geschehen über eine lange Zeit in der altehrwürdigen, reformpädagogisch ausgerichteten Odenwald-Schule in Hessen, wo außer Klaus Mann, Wolfgang Porsche, Amelie Fried, Daniel Cohn-Bendit und anderen ironischerweise auch mal Beate Uhse die Bank gedrückt hat.

Die Anstalt war 1963 zur „Unesco-Projektschule“ geadelt worden.

Was immer da noch raus brät, man wird den Eindruck nicht los: es liegt ein Fluch über allem, was sich Projekt nennt.

Siehe auch: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Maenner-die-zu-sehr-lieben/story/28774168

Und: Muschg über seinen Freund Becker
Ich entschuldige Gerold Becker nicht – das wäre die reine Anmaßung. Ich habe aber auch keinen vernünftigen Zweifel daran, dass „Missbrauch“ das letzte Wort ist, das zu seiner Praxis als Lehrer passt. Nähe ist ein Lebensmittel, kein Missbrauch. Wenn er damit Schülern nahegetreten sein sollte, kann ich mir dafür keinen strengeren Richter denken als ihn. Den Schuldspruch des Vorurteils hat er nicht verdient; seine Anprangerung hat eine intelligente Öffentlichkeit nicht nötig. http://www.tagesspiegel.de/meinung/anderemeinung/Missbrauch-Reformpaedagogik;art22196,3057113

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Kategorie(n): Inland 

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