01.09.2012   11:10   +Feedback

Die Kunst-StaSi, einst und jetzt

1977 auf der documenta 6 sollte erstmals Kunst aus der DDR in einem international bedeutenden Rahmen zu sehen sein. In der BRD gab es, gefördert durch einige umtriebige Galeristen, Sammler und Kunstkritiker, eine gewisse Nachfrage nach figürlicher Malerei, im altväterlichen Stil deutscher Malerschulen. Um diese Kunst mit gutem Gewissen genießen zu können, musste man nur ihren aktuell- parteipolitischen Charakter übersehen, und schon konnte man – mit etwas gutem Willen - Beckmann, Slevogt oder gar Dürer in ihr wiederfinden. Die Interessen der DDR waren ganz andere. Aus Sicht der SED galt es, die Parteiline zur Kunst rein und ungestört zu präsentieren. Diese lautete: „national in der Form, sozialistisch im Inhalt.“

Für die Genossen lief alles prima, als die künstlerische Leitung der documenta die „großen Vier“ der DDR- Staatskunst erwählte: Willi Sitte, Bernhard Heisig, Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer. Probleme bereitete die Wahl des Dresdners A.R. Penck, der mit seiner, von der SED als „dekadenter Formalismus“ verschrienen Malerei nicht auf Parteilinie lag. Das rief die Staatssicherheit auf den Plan, das „sozialistisch im Inhalt“ war bedroht. Man berief den damals bedeutendsten Kunsthistoriker der DDR, Lothar Lang, zum Leiter der DDR- Delegation. Er war für alle Gespräche und Medienkontakte in Kassel zuständig, als IM Schreiber und IM Friedrich meldete er der Staatssicherheit.

Als die documenta dann eröffnete, waren die Bilder Pencks zwar im Katalog abgedruckt, hingen aber nicht in der Ausstellung. Der künstlerische Leiter der documenta war Manfred Schneckenburger. Er hatte kein Problem, die selbst in weiten Teilen der DDR als „Politporno“ verschrienen Schinken von Willi Sitte in das Fridericianum zu hängen. Sitte war hauptberuflich Vorsitzender des Verbandes Bildender Künstler und interpretierte die putzige Parteilinie zur Kunst mit allerlei derb- nackt- schwitzenden Arbeitrinnen und Arbeitern. Die eher abstrakten Gemälde von Penck hingegen waren für Schneckenburger zum Problem geworden. Sie fanden irgendwie keinen Platz im Ausstellungsgebäude. So erklärte er es Pencks Galeristen Michael Werner. Einfach nicht genug Platz. Werner antwortete, Schneckenburger solle ihn nicht „verarschen“, eine dümmere Ausrede gäbe es ja wohl kaum. So stellt es Werner dar. Schneckenburger sagt, ja, es sei um die Hängung und die Gewichtung zwischen den „großen Vier“ und Penck gegangen, aber, nein, Platz wäre natürlich schon da gewesen, es sei Werner gewesen, der die Bilder zurückgezogen hätte. Er kann sich an die Details nicht mehr genau erinnern, er meint, es sei eine unangenehme Sache gewesen und er hätte manches vielleicht verdrängt. Klar ist jedoch, das Gespräch mit Werner endete im Unfrieden.

Höchst erfreut war indes der Führungsoffizier von Lothar Lang, dass es mit Hilfe eines hessischen Parlamentariers gelang, Einfluss auf die Ausstellungsmacher zu nehmen. Der SPD- Politiker erklärte Lang „…verschmitzt lächelnd, dass er der DDR doch keinen Ärger machen wolle.“ Im selben Geiste äußerte sich, laut StaSi- Akten, der damalige Oberbürgermeister von Kassel, Hans Eichel. Er hatte im Gespräch mit Lang auf dem Eröffnungsempfang der documenta 6 „mit dem IM Schreiber eine völlig übereinstimmende Meinung“ als es darum ging, die Ausbürgerung Wolf Biermanns (sieben Monate zuvor) gutzuheißen.

In dieser geistig-politischen Gemengelage sollte auch ein Ausstellungsmacher keine Schwierigkeiten machen und gelangte, was die Hängung der Bilder betrifft, letztlich zu einer mit der DDR-Führung übereinstimmenden Kunstauffassung. Die StaSi war am Ziel: Penck war abgehängt und Bernhard Heisig grinste feist in die westdeutschen Fernsehkameras. Gefragt, ob Kunst denn derart politisch sein müsse, antwortete er: „Kunst ist immer politisch, ob Sie das nun wahr haben wollen oder nicht.“

35 Jahre später muss keine Geheimbehörde einer Ausstellungsleitung noch Einflüsterungen verabreichen. Nichts ist so geheimnislos geworden wie die zeitgenössische Kunst, denn ihr offenstes Geheimnis heißt: Zugang und Behauptung am Kunstmarkt. Und da es hier um viel Geld geht, diktiert die Kunst der Politik, was zu tun sei, nicht umgekehrt. Besonders in einer so großen Stadt wie Kassel. Unter dem ewig neu zu benennenden Marketingslogan „Positionen der Ausstellungsmacher“ gilt es Novizen ins Verkaufssystem einzuschleusen und den Halbetablierten ihre Wertsteigerung zu sichern. Bekannte, etablierte Künstler müssen schon tot sein, um auf der documenta 13 gezeigt werden zu dürfen. Die „Neuen“ sind die Brut der Ausstellungsmacher, die Verteidigung des eigenen Ausstellungskonzeptes trägt daher stutenbeißerische Züge des Sippenschutzes.

Es erstaunte deswegen überhaupt nicht, dass die Leiterin der d13, Carolyn Christov- Bakargiev, sich von der Präsenz zweier etablierter und hoch geschätzter Künstler in zwei Parallelausstellungen „bedroht“ fühlte. Sie warf den Künstlern „Trittbrettfahrerei“ vor. Auch meinte sie, es sei für die Besucher zu verwirrend, wenn documenta- fremde Kunstpositionen ihr Konzept verwässerten. Denn sie wollte auf dem Platz die Themen Ökologie und Feminismus darstellen. So viel zu ihrer Einschätzung der Intelligenz der Ausstellungsbesucher. Der Geschäftsführer der documenta, Bernd Leifeld, sprach davon, die Trittbrettfahrer seien „schädlich für das Unternehmen documenta.“ Wenigstens ehrlich.

Die Ausstellung von Gregor Schneider in der evangelischen Karlskirche konnte Frau Bakargiev verhindern. Herr Leifeld schrieb einen Brief, und er oder Frau Bakargiev, das ist nicht ganz klar, rief einfach ’mal den Bischof an, das genügte. Herr Leifeld schreibt in seinem Brief an die evangelische Kirche TheologInnen brav- politisch korrekt mit großem i, um sodann, im nächsten Satz, zu sagen: „Ich will bewusst keine juristischen Regelungen zur Nutzung des öffentlichen Raumes diskutieren, es ist mehr eine Frage des Bewusstseins und des Miteinanders.“ Drohen und Schleimen in einem Satz - so spricht die StaSi 2.0. Kurz danach betonte die Evangelische Landeskirche, in geübtem Kriechgang, man wolle das gute Verhältnis zur documenta nicht „nachhaltig“ beschädigen. Sie brach mit ihrer eigenen Tradition der Parallelausstellungen zur documenta in innerstädtischen Kirchen seit den 80er Jahren. Man wollte keinen Ärger machen und sagte die Ausstellung, schon ein Jahr vor ihrer Eröffnung, ab.

Die katholische Kirche zeigte mehr Rückgrat. Anders als die evangelische fragte sie bei der Ausstellungsleitung nicht um Erlaubnis und sagte die Ausstellung von Stephan Balkenhol in der Elisabeth- Kirche, nahe des Fridericianums, auch nicht ab. Auch hier übte Bakargiev Druck aus, sie rief Balkenhol an und sprach von der „gewaltsamen Wirkung“ seiner Holzskulptur, einer 3 Meter großen Skulptur in 30 Meter Höhe. Sie sprach von „Trickserei“ und „unethischem Verhalten.“ Besonders pikant war der Versuch der documenta- Leitung, die Absage der Balkenhol-Ausstellung mit der bereits erfolgreichen Absage der Schneider- Ausstellung zu befördern, man sagte „die evangelische Landeskirche habe sich doch auch einsichtig gezeigt.“ Später stritt Frau Bakargiev alles ab, in beiden Fällen irgendwie Einfluss, gar Druck ausgeübt zu haben. „I don’t know anything about Schneider,“ sagte sie auf einer Pressekonferenz. Das war etwas plump gelogen, denn die Hosen – äh, tragen Postfeministinnen eigentlich Hosen? – egal: die Hosen waren schon längst unten: sie war mindestens ab März 2011 über das Projekt Schneiders informiert und verlangte seitdem ja nicht weniger, als die Ausstellungshoheit über die gesamte Stadt Kassel während der 100 Tage documenta. L’art, c’est moi.

Auch ihr Kunstbegriff trägt totalitäre Züge. Ganz im flow der Modeweltanschauungen (Dekonstruktion, otherness, Queer- Theorie) und der post- Bewegungen (Postfeminismus, Postkolonialismus, etc. pp.) stellt Bakargiev die Werke von Tieren und Pflanzen neben menschliche Kunstwerke. „Die kulturelle Produktion der Tomatenpflanze ist die Tomate.“ Das Spinnennetz ist der Höhlenmalerei quasi gleichwertig, und wer das nicht so denkt, ist anthropozentrisch beschränkt. Sie nennt das Gleichberechtigung, Gleichheit im Wertesystem der diversity, dem großen Codewort der politischen Korrektheit. Etwas kälter heißt das: Posthumanismus. Die gemeinsamen Nenner von Spinne und Höhlenmaler sind „Überleben, Nahrung und Genuss.“ Frau Bakargiev weiß zwar nicht, ob die Spinne den Bau ihres Netzes genießt, aber sie grübelt darüber nach, ob Hunde eine Grammatik schreiben könnten, wenn man sie nur ließe, und macht sich Gedanken über die politischen Intentionen von Erdbeeren. Sie will Tiere und Pflanzen „emanzipieren.“ (ausführlich in einem Interview mit der SZ). Denn diese sind nun auch Subjekte im Denksystem der Social Studies, die die Welt in Unterdrücker und Unterdrückte einteilen. Der Bösewicht hockt hierbei immer dort, wo die zu überwindenden Denk- und Herrschaftsmuster vermeintlich geschaffen wurden, also im Westen, besonders in Europa und den USA. In der Tradition der großen Befreiungsbewegungen, nach den Sklaven und den Frauen, kümmert sich Frau Bakargiev nun um die soziale Frage von Pferden und Äpfeln, von Amöben, Kraut und Rüben.

Man braucht sich hier nicht zu wundern, sie befolgt nur konsequent die Denkregeln der verschiedenen post- Ismen. Wenn es sich manchmal etwas komisch anhört, dann weil die verschiedenen Kontexte der Begriffe in ein gemeinsames System gepfercht werden müssen. Kultur in der Biologie war bisher immer etwas anderes als Kultur in der Soziologie, doch jetzt nicht mehr, denn die verschiedenen post- Ismen müssen ideologisch konvergieren. Wer einmal einen Text von Judith Butler gelesen hat, weiß, wovon hier die Rede ist. Und so ’was wie mit den Erdbeeren kommt dann dabei heraus. Den Rest besorgt der auf ewig erweiterte Kunstbegriff, der nun auch alle Differenzen in der Semantik einebnen darf. Dessen Opfer und Vollstreckerin ist Frau Bakargiev zugleich. Heraus kommt ein Kunst- und Weltbild, das an allen Ecken wackelt und quietscht, sprich: bedrohlich leicht angreifbar ist und deswegen nur mit Hegemonieansprüchen verteidigt werden kann -  was in Kassel so Kunst ist, das sagt sie allein.

Zum Beispiel das Occupy- Zeltlager. Mit ihm hat Frau Bakargiev kein Problem, denn es steht für sie im Geiste von Joseph Beuys. Kreatives Ausdrücken eines politischen Willens, direkte Demokratie und so. Aus dem ursprünglichen Slogan der Belagerer: „occupy documenta“ wurde „“ Bevor die Occupisten auf die Idee kamen, das böse 1% innerhalb der Ausstellung auszumachen – der Etat der Schau beträgt 25 Millionen €, umarmte Frau Bakargiev die Bewegung und begrüßte sie ausdrücklich mit dem Hinweis, „sie hätten das Recht, diesen Platz zu besetzen.“ Wie schön, dass sie sich auch um juristische Fragen des öffentlichen Raumes kümmert.

Das Zeltlager bot ästhetisch zunächst die bekannte Mischung aus Fahnen (Anti-Fa, Anti-Atomkraft,), Politslogans („Wozu ist Krieg gut?“) Plakaten (Che Guevara) und autonom- wagenburglerischer Wohnkultur. Bald kamen künstlerische Entäußerungen hinzu, allerlei Buntes, Selbstgemaltes und –gebasteltes. Das Lager wuchs und wuchs, inzwischen, kurz vor Schluss der Ausstellung, erinnert es, in seiner Ganzheit, an das Werk von manchem der angesagten Trash-Polit-Porno- Künstler (z.B. Thomas Hirschhorn oder John Bock). Frau Bakargiev fühlte diesmal keine Bedrohung.

Anfang Juli stellt der Architekt Alexander Beck 28 weiße Kunststoffzelte neben das Occupy-Camp, in Reihe und Glied, um formal wie inhaltlich, wie er sagt, den größtmöglichen Kontrast zu erreichen. Die Zelte sind beschriftet mit Worten, wie: Gier, Hochmut, Profitstreben, Geiz, und sind damit knallhart systemkritisch. Beck ist Vorsitzender der Architektenkammergruppe von Schwäbisch Hall, Vorsitzender des Fördervereins Architektenhaus Hall sowie Mitglied der Haller Wirtschaftsjunioren, er weiß also, wovon er spricht. Als Künstler ist er bisher nicht in Erscheinung getreten, doch unter dem erweiterten Künstlerbegriff Bakargievs macht das gar nix. Wieder fühlte Frau Bakargiev keine Bedrohung.

Zuletzt sprang der Künstler Manfred Kielnhofer auf den Occumenta- Zug auf, mit einer Skulpturengruppe von „Zeitwächtern“ (Time Guardians). Das sind Figuren mit roten Plastikkutten, die „mahnende Wesenheiten aus einer anderen Zeit und einem anderen System darstellen, (…) die den GUT - BÖSE Status unseres Handelns und den aktuellen Zustand unseres Planeten erkunden, korrigierend einwirken und wiederherstellen.“

Und noch immer fühlt Frau Frau Bakargiev keine Bedrohung, denn der erweiterte occupy- die-Kunst-Begriff macht einfach alles zur Kunst, sei es auch noch so dilettantisch hingebastelt oder mystisch verkitscht, noch so klippschulmäßig pädagogisch oder sonst wie armselig begründet.

Schade nur, dass die Occupy- Aktivisten ihre Chance verpasst und den Bock zum Gärtner gemacht haben. Eine Kritik des Kunstmarktes, seinem elitärem Denken und seiner Korruptheit, findet nicht statt. Dass die Wächter des Geldes für die100 Tage von Kassel nicht in irgendwelchen Banken oder Konzernen sitzen, sondern in der documenta selbst, … ach, man will doch keinen Ärger machen.

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Kategorie(n): Kultur 

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