14.08.2012   21:01   Leserkommentare (0)*

Die Jungfrau und die Maskulisten

„Für die Jungfrau sieht ohnehin erstmal jeder Penis gleich aus.“ So schreibt Antje Sievers. Das wundert mich. Ich dachte bisher, dass eine Jungfrau noch keine Vergleiche hat. Oder nur wenige. Aber Antje Sievers wird es wissen, ihr glaube ich das gerne. Denn so wie die Jungfrau über den Penis urteilt, so urteilt sie selber – ohne richtig hinzugucken. Sie schreibt: „An vorderster Front agieren die von Opferneid und Unterhaltszahlungen gebeutelten Dauerjammerer, die sich in Nachahmung der Feministen Maskulisten nennen und die meinen, eine fehlende Vorhaut wäre so schlimm wie eine fehlende Klitoris.“

Oh weh! Hier schafft sie es, viel Falsches auf engem Raum unterzubringen – und das erstaunlicherweise in einem Text, der sonst nicht schlecht ist. Um es auch mal mit einem Witz auf dem Niveau von Oliver Polak, den sie zitiert hat, zu versuchen: „Raus ist er aber auch nicht. Dann müssen wir doch mal Licht anmachen.“ Also, Licht an!

Zur Sache. Zunächst ein Text von Prof. Thomas Szasz, der uns alles zum Thema bietet, was wir wünschen: den alten Abraham und die Bedeutung des Rituals, das fragwürdige Argument der Hygiene und den Kampf gegen die Selbstbefriedigung, der in Wirklichkeit dahintersteckt. Wo habe ich den wohl her? Von der vordersten Front. Direkt aus der Höhle der Löwen, wo sich die von Opferneid und Unterhaltszahlungen gebeutelten Dauerjammerer tummeln: Das tun sie auf der Seite ‚Cuncti’. Aber Achtung: Ein Besuch dieser Seite kann die Jungfernschaft ruinieren.

Soviel zur Sache. Wie gehen nun diese von Opferneid und Unterhaltszahlungen gebeutelten Dauerjammerer mit dem heiklen Thema um? Genau so. So wie wir es gesehen haben, so sind sie: sie informieren und diskutieren. Die Meinungen in der Szene sind nicht so einheitlich, wie es aussieht, wenn das Licht ausbleibt. What do you see when you turn out the light?

Michael Klein etwa findet, dass es in der Männerwelt andere Probleme gibt, die wichtiger sind, ihm ist unwohl bei dem angestrebten Eingriff in die Hoheit der Eltern, die man nicht in Bausch und Bogen verdammen sollte. Man sollte das Thema also „klein“ halten. Dem neige ich zu – andererseits auch nicht. Ich neige mich hin und her wie ein Rohr im Wind. Wie auch immer: Mir ist die „liberale Idee einer kritischen Wissenschaft“, wie er auf der von ihm betriebenen Seite ‚Kritische Wissenschaft - critical science’ gepflegt wird, sehr sympathisch. Auch der Ton. Daher empfehle ich das gerne.

Vorher noch ein Hinweis: in seinem Text ist von „Männerbewegung“ und von „Männerrechtlern“ die Rede, nicht etwa von „Maskulisten“ – was einer Jungfrau jedoch egal sein kann. Es sind halt Männer. Nachts sind alle Katzen grau - so spottete einst Hegel über Schelling und meinte, dass dessen Philosophie letztlich auf eben diese banale Erkenntnis hinauslaufe. Für Leute, die es doch etwas genauer wissen wollen und denen es an Vergleichen fehlt, habe ich noch einen echten Leckerbissen auf Lager. Etwas, das mir auch gefällt. Aber Vorsicht: „vergleichen“ heißt nicht „gleichsetzen“.

Bisher habe ich auf Quellen verwiesen, die seriös, anspruchsvoll und womöglich etwas langweilig sind. Hier kommt nun was Flottes mit allerlei Reizstoffen, das außerdem dem Wunsch so mancher Frau, vorzugsweise über weibliche Geschlechtsteile zu reden, entgegenkommt. Hier geht es um die Klitoris und um die Frage, ob man Beschneidungen von Männern und Frauen vergleichen soll, darf oder womöglich sogar muss. Der Beitrag mit dem Titel ‚Männliche Beschneidung vs weibliche Beschneidung – ein Vergleich . ODER – Alle Beschneidungsargumente Pro und Contra auf einen Blick’ beginnt (zuerst kommt noch ein bisschen Statistik) mit genau dem Fehler, den Antje Sievers gemacht hat, als hätte er den vorausgesehen, und dann geht es ab wie eine Rakete, dann wird drauflos argumentiert, dass es eine Freude ist für jeden Streithammel und Rechthaber.

Ich wette, dass sie den Text nicht kennt. Damit gehe ich kein großes Risiko ein. Wer kennt den schon? Er kommt nicht in Talkshows vor, nicht in den Qualitätsmedien, nicht im feministischen Mainstream. Fast möchte ich sagen, dass der Text einen gewissen Underground-Status hat. Er ist geradezu Geheimwissen. Er ist recht lang. Aber unvermutet witzig. Allemal besser als Oliver Polak (was allerdings nicht viel besagt). Es kommt sogar ein „Ohr-Gas-Mus“ vor – den sollte man sich nicht entgehen lassen.

Vielleicht habe ich es mir jetzt schon mit den weiblichen Lesern verscherzt, falls sie bis hier gelesen haben, und nun kann mir keine mehr eine ehrliche Frage beantworten. Aber – im Ernst – ich würde wirklich gerne wissen, was eine Frau davon hält. Denn manchmal frage ich mich: Können Männer und Frauen überhaupt noch „normal“ miteinander reden? Geht das auch ohne postcharmante Sticheleien?

Woher kommt dieser hässliche Ton, der mich - was dem Leser bestimmt schon aufgefallen ist - doch ziemlich genervt hat? „Opferneid“ – was soll das heißen? Soll das heißen, dass der Opferstatus einer Frau heute längst in eine Goldgrube umgewandelt und zu einer Verhöhnung tatsächlicher Opfer geworden ist? Denn auf wirkliche Opfer ist doch niemand neidisch, so wenig wie man jemanden beneidet, der dumm oder krank ist. Neid richtet sich auf die Vorteile anderer – insbesondere auf unverdiente Vorteile.

Und was haben „Unterhaltszahlungen“ damit zu tun? Sie erklären immerhin den „Dauerjammerer“; denn das Thema Beschneidung wirkt neu und ist geradezu überraschend durch ein Gerichtsurteil in das Sommerloch geweht, da kann man Männern, die sich dazu äußern, nicht nachsagen, dass sie das „dauernd“ tun. Ist es überinterpretiert, wenn ich die zitierte Ouvertüre von Antje Sievers so lese, dass sich Männer, die von Unterhaltszahlung gebeutelt sind und dauernd jammern, keine Aufmerksamkeit verdienen, egal zu welchem Thema sie sich äußern?

Wenn wir schon dabei sind: „Maskulisten“ gibt es nicht. Mir ist keine Gruppierung bekannt, die sich so nennt, und ich kenne mich da aus: Es gibt unterschiedliche Einzelstimmen, die jeweils eine eigene Webseite unterhalten und sich dann verlinken. Doch sobald man Männer zu einer Gruppe zusammenfassen will, kommt das Rumpelstilzchen und lacht: Keiner weiß, wie man so eine Gruppe nennen soll. Deshalb haben sich auch so seltsame Namen herausgebildet wie ‚Cuncti’, ‚agens’ oder ‚Argumente von Femastasen’.

Die Kategorie „Frau“, die sowieso ein fragwürdiges Konstrukt ist, um es sehr diplomatisch auszudrücken, findet keine Entsprechung in einer Kategorie „Mann“. Auch das Wörtchen „man“ ist nicht der richtige Tanzpartner für das klein geschriebene „frau“. Männer lassen sich nicht über einen Kamm scheren – so wie man es mit Frauen macht, wenn man von Quoten spricht und von Frauenrechten. Das geht bei Männern nicht. Schwule und Väter sind ohne Zweifel Männer – doch wo liegen die gemeinsamen Interessen? Sie bilden eben gerade keine Einheit, auch die von Unterhaltszahlungen Gebeutelten und die von Beschneidung Betroffenen nicht. Und „Männerrechte“ will im Grunde niemand, die wären nämlich – so wie Frauenrechte – in Wirklichkeit Privilegien und neue Ungerechtigkeiten. Insofern ist die Bezeichnung „Männerrechtler“ mehr als unglücklich; denn sie wirkt, als würden damit Frauenrechte vorausgesetzt und anerkannt, und als wolle man nun so etwas auch für Männer.

Diesem Irrtum erliegt auch Antje Sievers, wenn sie meint, die Maskulisten wären den Feministen nachgemacht, so wie Frauenfußball der zweitschönsten Nebensache von Männern nachempfunden ist. Eben nicht. Es gibt nicht „die“ Maskulisten, wohl aber „den“ Maskulisten. Der ist ein Sonderfall. Dazu noch ein Tipp: Wenn man seine Seite – ‚Maskulist’ - anklickt, sollte man ein kulturgeschichtliches Wörterbuch bereithalten oder gleich das Buch ‚Medusa schenkt man keine Rosen’ lesen. Es ist herausragend. Michael Savvakis ist ein Einzelgänger mit griechischem Hintergrund (philosophisch, meine ich, nicht finanziell). Dass er an „vorderster Front“ der Beschneidungsdebatte „agiert“, kann man allerdings nicht sagen.

Wie soll man es denn sagen? Michael Savvakis ist ein Leuchtturm, er ist der Schutzheilige – nein, das klingt merkwürdig -, er ist der Kopf, der Theoretiker, der Vordenker der ... ja, von was denn eigentlich? Von der Männerbewegung? Das möchte ich nicht sagen, weil ich dann sofort daran denken muss, dass München die Hauptstadt der Bewegung war. Von den ‚Antifeministen’? Aber auch darauf können sich nicht alle einigen. Gegen etwas zu sein, ist sowieso nur ein erster Schritt. Aber einen zweiten gibt es noch nicht. „Szene“ habe ich es vorhin genannt, aber das Wort gehört in eine andere Zeit. Es bleibt dabei: Es gibt „die Männer“ nicht. Das ändert sich auch nicht, wenn man hartnäckig weiterhin von „den“ Frauen spricht. Die Gemeinsamkeit von Männern ist die von Patienten im Wartezimmer. Jeder sieht seinen Schmerz als seine persönliche Sache.

Eine Gemeinsamkeit besteht bestenfalls in der Gegnerschaft zum Staatsfeminismus, der etwa ab dem Jahre 2000 erkannt wurde und sich seither immer weiter verfestigt und damit auch immer mehr Kritiker auf den Plan gerufen hat. Aber selbst diese Sicht teilen nicht alle. Markus Theunert etwa, der Präsident der ‚männer.ch’ in der Schweiz meinte einst, dass es einen Staatsfeminismus überhaupt nicht gibt. Vielleicht hat er seine Meinung inzwischen geändert, nachdem er seinen Posten als ersten Männerbeauftragten wieder eingebüßt hat.

In Deutschland sieht es so aus. Das zuständige Ministerium hat sich geräuschlos umbenannt in „BMFSFJ Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“ – oder wie der Volksmund sagt: „Ministerium für alles außer Männer“. Eine Frau wird dabei bis zu dreimal angesprochen, ein Mann gar nicht. Hier zeigt sich die Auswirkung der „sexistischen Sprachtherapie“, auch „Sprachfeminismus“ genannt, bei der unsaubere Mengen gebildet und Männer generell ausgegrenzt werden. Das fällt nicht mehr auf. Wir haben uns inzwischen nicht nur an eine falsche Grammatik, sondern auch an eine falsche Mengenlehre gewöhnt.

Würde man einfach „Familienministerium“ sagen und sich unter einer Familie die Verbindung der Geschlechter und Generationen vorstellen, könnte man sich das ganze „Gedöns“ sparen. Doch es ist nicht allein die Beschriftung, es hat sich auch die Vorstellung von Familie geändert: Die Familie ist in Einzelteile zerlegt, die als unverbunden angesehen werden. Ein Mann gehört von vorneherein nicht dazu. Das ist die offizielle Linie. Manche sprechen auch vom „Ministerium für Familienzerstörung“ oder vom „Propagandaministerium“.

Im Jahre 2004 wurde der Verein ‚MANNdat’ gegründet – als Reaktion auf die Diskriminierungen von Männern. Die häuften sich, wurden als „positiv“ angesehen und als Erfolge der Frauenpolitik gefeiert. Dabei greift ‚MANNdat’ verschiedene Themen auf, im Unterschied etwa zu dem Verein mit der pathetischen Bezeichnung ‚Väteraufbruch für Kinder’, bei dem es vor allem um Väter geht. Wieder wird deutlich: Männer lassen sich nicht so leicht in einen Topf werfen. Selbst dann nicht, wenn es ein großer Topf ist. Viele der Väter sehen auch nicht den Staatsfeminismus als Übel, sondern verstehen ihr Familien-Unglück als schicksalhaft und sehen keinen Zusammenhang zwischen der Scheidungspraxis (ich wollte wieder mal auf die von Unterhaltszahlungen gebeutelten Dauerjammerer zurückkommen) und den Zielen des Feminismus.

Ich glaube, dass Antje Sievers eigentlich den Verein ‚MANNdat’ meint (was sonst?) und den mit Maskulisten verwechselt hat. Vielleicht hat sie auch Maskulisten mit Märchenprinzen verwechselt – die gibt es nämlich auch nicht. Doch bei ‚MANNdat’ gibt es immerhin eine gewisse „Dauer“, die ein Dauerjammerer braucht, da es diesen Verein schon seit 8 Jahren gibt. Da hat sich auch tatsächlich etwas zum Thema Beschneidung angesammelt. Da sich Männer dabei nicht als Sieger präsentieren, kommt es Leuten, die nur Alphas auf dem Schirm haben, wie ein einziges Gejammer vor. Da passt auch das verräterische Wort vom „Opferneid“.

Doch die „vorderste Front“ passt nicht. Der Verein hat 300 bis 400 Mitglieder und ringt um Aufmerksamkeit – nicht gerade mit überwältigendem Erfolg. Er agiert also nicht an vorderster Front, nicht mal in der Etappe, sondern irgendwo im Busch. Dabei gibt es ein Forum für die Belange von Männern. 2010 wurde es eingerichtet als ‚Bundesforum Männer – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e.V.’ gefördert von dem Ministerium mit dem umständlichen Namen, der damit immerhin aus seinen unguten Absichten kein Geheimnis macht. Eine Förderung gibt es - wie erwartet - nur für pro-feministische Männergruppen. Der Verein ‚MANNdat’ muss leider draußen bleiben. Dafür findet sich da der Verein ‚Dissens’, der Jungen in ihrer geschlechtlichen Identität irritieren will und ihnen einredet, sie hätten keinen Penis, sondern eine Scheide.

Nun will ich erstmal ein Pausenzeichen machen. Ich will mir angewöhnen, kürzere Texte zu schreiben, auch wenn - wie ich immer wieder merke - alles mit allem zusammenhängt. Ich verrate auch nicht, ob ich selber beschnitten bin oder nicht. Nur so viel: Es ist anders, als man denkt. Auch die Frage, ob ich schon mal Geschlechtsverkehr hatte – und wenn ja, wie es denn so war – lasse ich unbeantwortet und möchte stattdessen noch mal auf die links verweisen, mit denen ich mir diesmal echt Mühe gegeben habe.

 

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Kategorie(n): Kultur 

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