18.07.2008   01:33   +Feedback

Die heilige Johanna der Dummköpfe

Leider kann ich in den Beifall, den mein Freund David Harnisch diesem Fernsehbeitrag hier spendet, nicht einstimmen. Bevor dort Peter Krieg sagen darf, dass der Hauptverursacher für Hungersnöte im 20. Jahrhundert der Kommunismus war, kommen ja erstmal fünf Minuten—pardon—ungebremster Schwachsinn. Am schlimmsten fand ich übrigens gar nicht den dummen und eitlen Peymann, sondern Renate Künast, die da unwidersprochen behauptet, die Dritte Welt würde den reichen Ländern die Rohstoffe liefern. Nööööt! Die Kandidatin hat null Punkte. Wenn etwa Afrika über Nacht verschwände, würden die Industrienationen das erst einmal gar nicht merken. Es gibt so gut wie keinen Handel zwischen den reichen Ländern hier und der sogenannten Dritten Welt dort (übrigens ein fragwürdiger Begriff: Was, s´il vous plait, hat denn Brasilien mit Kenia gemeinsam?). Das Problem der afrikanischen Ländern ist nicht, dass sie von uns ausgebeutet werden, sondern dass sie gerade NICHT ausgebeutet werden, oder weniger zynisch formuliert: dass dort kein Konzern investiert, entweder weil es sich um “failed states” handelt oder weil diese Ländern von brutalen Kleptokraten regiert werden, also völlig unproduktiv sind.
Das beste Buch zum Thema ist übrigens immer noch dieses hier (hallo, Siegfried Kohlhammer, lesen Sie auch schön mit?).
Dann ist doch auch das, was der Sozialismuskritiker Peter Krieg (hieß der Mann so? pardon, ich bin jetzt zu faul, um nachzuschauen) am Ende von sich gibt, bestenfalls eine Halbwahrheit. Kommunistische Regimes haben also Hungersnöte hervorgerufen, indem sie “Märkte manipulierten”? Wirklich? Sollte Herr Krieg in den nächsten paar Monaten nach New York kommen, gehe ich gern mit ihm ins Ukrainische Museum in der Achten Straße, dort ist zurzeit eine Ausstellung über den “Holodomor” zu sehen. Das “Manipulieren von Märkten” sah in der Praxis so aus: Sowjetische Soldaten umstellten ein ukrainisches Dorf nach dem anderen, dabei arbeiteten sie Listen ab. In diesen Dörfern beschlagnahmten sie Saatgut und Vieh (manchmal schlachteten die Bauern ihre Schweine in letzter Minute und fraßen sie lieber auf, als sie der Partei auszuliefern). Nach erfolgter Beschlagnahme warteten die Sowjetsoldaten gemütlich ab, bis alle in den Bauernkaten verreckt waren. Es ging ganz schnell und war, wie der Historiker Robert Conquest schrieb, die Verwandlung der Ukraine in ein gigantisches Bergen-Belsen. Ob dabei sechs oder doch eher zwölf Millionen Menschen draufgingen, wissen wir nicht, sicher ist nur: Ungefähr die Hälfte der Opfer waren Kinder. 
Noch eine Anmerkung zur “Heiligen Johanna der Schlachthöfe”: Adorno hat dieses Stück in einem seiner Essays wirklich klug auseinandergenommen. Der Plot nämlich zeigt, dass Meister Brecht von kommunistischer Parteiarbeit nicht viel Ahnung hatte. Das schreckliche Versagen von Johanna Dark besteht im Stück ja darin, dass sie einen superwichtigen Brief, den die illegale KP ihr zu treuen Händen übergibt, nicht beim Empfänger abliefert. Also noch mal langsam und zum Mitschreiben: Die Kommunistische Partei übergibt ein Dokument, das über Wohl und Wehe des Klassenkampfes entscheidet—nicht etwa einer treuen altgedienten Genossin, sondern einem Mädel von der Heilsarmee. Ja, sind die denn noch zu retten? Doch das ist zur Abwechslung mal nicht der Hirnriss oder die Ironie der Geschichte. Das ist die Hirnrissigkeit des Stückeschreibers ganz allein. 


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