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  18.01.2009   01:58   +Feedback

Die Geschichte der amerikanischen Zukunft

Am kommenden Montag- und Dienstagabend, maßgeschneidert für Obamas Amtseinführung, zeigt in den USA der Kabelfernsehsender BBC America die bereits im vorigen Herbst in Großbritannien in leicht veränderter Form ausgestrahlte (und zur Zeit dort wiederholte) vierstündige Serie “The American Future--A History” (http://www.bbcamerica.com/content/348/index.jsp), in der Simon Schama, ein englischer Historiker jüdischer Herkunft, der seit 1980 in den USA lebt und unterrichtet, die aktuellen Motivationen, Erwartungen und Krisen seiner Wahlheimat auf ihre geschichtlichen Gründe untersucht. Wer im Vereinigten Königreich wohnt, kann sich die Produktion auch übers Internet ins Haus holen (http://www.bbc.co.uk/programmes/b00f4zgd); oder—vielleicht besser in Ländern, wo man sich höchstens die DVD bestellen kann (also außerhalb von UK und USA), dem Video vorzuziehen—man kauft sich das vierhundertseitige Buch mit dem gleichen Titel, in dem Schama mehr seinen kritischen Intellekt beweist statt sich selbst, wie in der Fernsehserie, etwas sehr reichlich ins Bild zu setzen, selbst dann, wenn er nichts sagt und nur dazu dient, den Hooverdamm in seiner gewaltigen Perspektive zu zeigen oder als Denkerstaffage in karger Winterlandschaft zu sinnieren.

Am Mittwochabend luden “Her Majesty’s Ambassador to the United States of America”, Sir Nigel Sheinwald, und seine Frau Julia Dunne (eine praktizierende Medizinerin, die gerne ihren eigenen Namen führt, auch wenn sie in diplomatischen Kreisen eher als “Lady Sheinwald” bekannt ist) zu einem Sektempfang für Simon Schama in der britischen Botschaft, bei dem er seinen Film den etwa sechzig geladenen Gästen (darunter Pressevertreter wie New York Times- Starkolumnist Tom Friedman) vorstellte. Daß Schama bereits seit mindestens einem Jahr in Barack Obama die amerikanische Zukunft sieht—man könnte auch sagen, das Potential zur Rettung der amerikanischen Zukunft mit ihrem traditionellen Gelöbnis der freien Selbstverwirklichung—damit hält er, auch wenn man ihn nicht persönlich kennt, in seinem Buch und der Fernsehproduktion nicht hinterm Berg, während Botschafter Sheinwald, einst enger Mitarbeiter Tony Blairs, letzten Sommer nach ursprünglichem Zagen (ein Zaudern, das wohl auf Gordon Browns Rechnung ging, der es sich weder mit Hillary Clinton noch John McCain verderben wollte) einige Sympathien für den damaligen Präsidentschaftskandidaten in einem vertraulichen Memorandum an Downing Street aufschimmern ließ, das einen Monat vor der Wahl zur Londoner Presse durchsickerte.

Meine Frau und ich hatten uns mit Simon Schama und seiner Frau Ginny, einer bekannten, aus Kalifornien stammenden Genetikerin, vor achtzehn Jahren auf der Straße angefreundet. Wir kamen von einer herbstlichen Preisverleihung an der New York Public Library, bei der meine Frau als Lyrikerin und Schama als Sachbuchautor zu “Literary Lions” ernannt worden waren, und standen auf dem Rückweg zu unserem höchstens zehn Fußminuten entfernten Hotel an einer Ampel, da holten uns dieser “Sachbuchautor” und seine Frau ein und verwickelten uns in ein Gespräch, das bald so angeregt wurde, als kannten wir uns schon jahrelang. Die Ampel sprang auf rot, dann wieder auf grün, und wieder auf rot, undsoweiter, und wir traten immer noch auf der falschen Straßenseite von einem Fuß auf den anderen. Erst als es plötzlich anfing zu nieseln, worauf keiner von uns mit Schirm oder Kapuzen vorbereitet war, schlug Simon, ein permanenter Enthusiast, wie wir schnell lernten, vor: “So eine Ernennung zu Literaturlöwen muß doch noch weiter gefeiert werden! Wie wär’s mit einer Flasche Sekt?” Und schon fanden wir uns mit ihm und Ginny leicht angenäßt in der Bar ihres Hotels, praktischerweise genau gegenüber unserer Bleibe, dem Algonquin, und als die Bar um Mitternacht schloß, tranken wir in ihrer Suite weiter und redeten uns bis in den Morgen die Münder fusselig über Gott, an den keiner von uns glaubt, und die Welt, die wir alle verbessern wollen, ohne Weltverbesserer zu sein.

Die beiden, die sich Ende der Siebziger in Oxford kennengelernt hatten, unterrichteten in den Achtzigern und Anfang der Neunziger in Boston, Ginny an der Tufts University und Simon an der Harvard University. Als Ginny von der Columbia University in New York das Angebot eines eigenen Genetiklabors akzeptierte, zogen Simon und ihre beiden Kinder 1993 mit nach New York; schweren Herzens gab er seinen Harvard-Lehrstuhl in Kunstgeschichte auf, doch Columbia bot ihm als “faculty spouse” (Fakultätsgatte) eine neue Professur an—eine Entscheidung, die die Universität zwischen Uptown Manhattan und Harlem nie zu bereuen brauchte, im Gegenteil: Spätestens seit seine fünfzehnteilige BBC-Serie “A History of Britain”, erstmals von 2000 bis 2002 ausgestrahlt, ein riesiger Erfolg wurde, hat er sich als ein unverwechselbares Markenzeichen in der trotz vieler Unkenrufe gegenüber Europa lockereren und waghalsigeren amerikanischen Akademie und gleichzeitig bei den gebildeten britischen Ständen etabliert.

Wir blieben über die Jahre hinweg Freunde; Simon, ein begeisterter Hobbykoch, der sich noch heute mit Vorliebe in der Küche den Verboten seiner streng koscheren Jugend widersetzt, verwöhnte uns in seinem schönen Haus auf einer Höhe im Hudson Valley (mit Fernblick aufs berüchtigte Gefängnis Sing-sing auf der anderen Seite des Flusses), unsere gleichaltrigen, inzwischen längst erwachsenen Töchter spielten als Kinder miteinander, und seit anderthalb Jahrzehnten sitzen sowohl Simon wie Rita in der Jury des Anisfield-Wolf-Preises, den sie im vergangenen September Ayaan Hirsi Ali verliehen. Irgendwie hatten wir allerdings eine Zeitlang seinen Kometenaufstieg als Filmemacher verpaßt, bis wir vor einigen Jahren an einem regnerischen Julitag bei Marks & Spencer im schottischen Perth die Rolltreppe ins Obergeschoß hochfuhren und vor uns plötzlich sein Gesicht auf einem Riesenposter auftauchte: “Simon Schama’s ‘A History of Britain’—now on DVD!”

So, und nun hat er sich die Geschichte der Zukunft Amerikas vorgenommen, und wir—Ginny und Simon und Rita und ich und der britische Botschafter und seine Frau und Leute von PBS und von der New York Times und der Washington Post und der New Republic und dem British Council und von Werweißwonoch stießen im ornaten Ballsaal der Botschaft an der Massachusetts Avenue unsere Sektgläser darauf an und aufs eben angebrochene “Happy New Year” und auf eine neue Epoche Amerikas, die am Dienstag beginnen soll. Und schon zielte die Unterhaltung auf das eine Thema, von dem tout Washington zur Zeit besessen ist: Nehmt ihr an der Inauguration teil? Seid ihr zu einem Ball eingeladen, oder habt ihr euch Tickets zu einem der Bälle besorgen können? Natürlich wird Simon für die BBC mittenmang dabei sein, der Botschafter hat seine diplomatischen Privilegien, und fast allen in der Empfangsrunde “standen Möglichkeiten offen”, oder sie “überlegten es sich noch”. Daß wir uns entschieden hatten, trotz Einladung des Presidential Inauguration Committee dem Mittagsrummel um die Einschwörung aus logistischen Gründen fernzubleiben, traf auf Verständnis; doch als ich erwähnte, zu welchem Dienstagabendball wir die Einladung in den Wind geschlagen hatten, begegnete mir Fassungslosigkeit: Aber der Ball im Convention Center sei der Event mit den gesuchtesten Tickets, bei dem würde der frischbackene Präsident selbst präsidieren und mit seiner Frau den ersten Tanz seiner Amtszeit hinlegen…

Geschenkt—das gucken wir uns lieber zuhause auf der Glotze an, als eingezwängt zwischen massenhaften Pinguinanzügen und aufgeplusterten Divas nach Atem ringen zu müssen. Außerdem, wie kämen wir dort hin, in Smoking und Abendkleid durchs kontrollierte Chaos der Brücken- und Straßenschließungen, der überlasteten öffentlichen Verkehrsmittel, durch die zu erwartenden Massendrängeleien erschöpfter, durchfrorener Fußgänger, nur um schließlich, könnten wir uns überhaupt zum Ziel durchkämpfen, in einer mehr oder weniger übermütigen Menge zu versinken? Ich glaube nicht, daß heutzutage nochmal die Chuzpe erfolgreich wäre, mit der wir 1994 bei einer viel kleineren Veranstaltung, beim Empfang des Weißen Hauses für Nelson Mandela, mit unserem Auto durch mehrere Sperren bis vor Clintons Tür gelangten und dort sogar parkten, während die anderen achthundert geladenen Gäste draußen vor dem Tor von Taxis und Limos abgesetzt wurden. Auf der Einladung stand zwar, “No parking at the White House”, aber das hatte ich übersehen und einfach angenommen, es liefe wieder so ab wie bei den Dinners im Weißen Haus, bei denen man sehr wohl zum Valetparken bis unters Vordach fahren konnte. Also winkte ich an der ersten, von Polizei bemannten Sperre wie selbstverständlich mit unserer Einladung und sagte dem Uniformierten nachdrücklich, wir parkten “immer” am Weißen Haus. Da wir die einzigen waren, die so frech vorfuhren, und vielleicht auch verunsichert durch meinen germanischen Akzent und unser damals noch recht neues frischgeputztes schwarzes Teutonenmobil der Riesenklasse mit der Dauerparkerlaubnis der Kongreßbibliothek an der Windschutzscheibe, und das in Kombination mit dem eindrucksvollen Regierungstitel meiner afroamerikanischen Frau („Poet Laureate of the United States“) auf dem Weg zu Nelson Mandela, trauten sich die beiden Cops vielleicht nicht, uns einfach abzuwimmeln, sondern gaben sozusagen die Verantwortung an die nächste, vom Secret Service bewachte Sperre hundert Meter weiter ab. Als wir dort vorfuhren, nahmen die Beamten gleich ohne weiteres Federlesen an, daß wir, da wir den Polizeikontrollpunkt passiert hatten, wohl einer Genehmigung habhaft waren, ließen wie immer ihren Bombenhund ein bißchen rumschnuppern, warfen einen Blick in den Kofferraum, und schon glitt—Sesam öffne dich!—das schwere elektronische Gittertor auf. Ja, die tollen Neunziger! Mit solchen Köpenickiaden war’s allerdings einige Monate später, nach dem Terroranschlag aufs Bundesgebäude in Oklahoma City, endgültig vorbei; der Neonazi- und Ku Klux Clan-Sympathisant Timothy McVay ermordete nicht nur über einhundertsechzig seiner Mitbürger, sondern er versetzte gleichzeitig auch dem sympathisch-vertrauensseligen amerikanischen Laisser-faire einen schweren Schlag.

Womit wir wieder bei der Geschichte der amerikanischen Zukunft wären.


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Kategorie(n): Ausland 

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