Dr. Alexander Gutzmer 14.06.2010 21:27 +Feedback
Die Gentrifizierer kommen
Ein Lieblingswort kritischer Geister ist die Gentrifizierung. Sie beginnt immer da, wo Menschen es sich gut gehen lassen. Ein sanierter Altbau ist Gentrifizierung, ein nettes Restaurant im ehemaligen Arbiterkiez ebenso. Und haben Sie schon mal in einer linken Kneipe eine Zigarre geraucht? Wenn ja, dann willkommen im Club – der Gentrifizierer.
Im Berliner Stadtteil Kreuzberg werden einige dieser Gentrifizierer gerade ein wenig gemobbt – die Macher des Kunstevents “Berlin Biennale” nämlich. Auf Plakaten werden sie dafür angegangen, dass sie die Biennale aus dem (nach Meinung obiger Geister natürlich längst „zu Tode gentrifizierten“) Stadtteil Mitte in die kuschellinke Oranienstraße geholt haben, in ein leer stehendes früheres Kaufhaus am Oranienplatz. Diese Stadtteilübernahme durch die Kunst missfällt vielen Natives. Sie fürchten, die Präsenz von Gegenwartskunst könnte die ständig umziehbereite Schicht wohlhabender Mitglieder der Kreativwirtschaft anziehen. Diese Leute „aus den Agenturen“ sind den Ur-Kreuzbergern zuwider, zumal sie auch noch oft aus einer mythischen Brutstatt des Bösen kommen, die da heißt „Schwaben“.
Dieses Denken in Mythen, Mysterien und „bösen Geistern“ ist für die Ur-Kreuzberger Identität stiftend. (Andere böse Geister sind „das Kapital“, „das System“ oder bis vor kurzem „der Bush“.) Die Kreuzberger sehen sich als eine Art urbaner Indianerstamm. Die Latte schlürfenden Gutverdiener sind für sie die Konquistadoren. Im Angesicht von deren brutal kultivierter Übermacht bleibt den Angegriffenen, wie einst den Nachfahren von Sitting Bull, nur noch der Frust-Alkoholkonsum.
Nun will ich als Bewohner des Stadtteils Prenzlauer Berg nicht verhehlen, dass der Anblick hyperkultivierter Werber wirklich zu Weltflucht-Sehnsüchten verführen kann. Dennoch hat der Kreuzberger Kampf gegen Wanderbewegungen im Mikrokosmos Stadt natürlich etwas rührend Konservatives. Veränderung? Bitte nicht, so die Grantler vom Kreuzberg. Eine Haltung, die sie mit jenen erzkatholischen Zeterheinis gemein haben, die im tiefen Bayern über alle schimpfen, die ohne Tracht daherkommen.
Dennoch - irgendwie mag ich die Aktion mit den Plakaten. Zum einen ist sie, und das meine ich ganz unironisch, ein Stück gelebte Urbanität. Zu dieser gehört der Austausch von Meinungen und Emotionen – inklusive der unterkomplexen. Die Biennale-Veranstalter haben dies natürlich sofort erkannt und die Plakate freudig hängen lassen (allerdings nicht ohne die eigenen Handynummern zu schwärzen). Auch den nach Kreuzberg ziehenden Werbern dürfte die Aktion gefallen. Sie nämlich zeigen in ihrem Konsumverhalten immer leicht masochistische Züge. Sie wollen jenes Stückchen Konfrontation mit dem, was sie für „die Welt da draußen“ halten, jenes Gefühl, trotz Rentenversicherung noch immer gefährlich zu leben. Mit solchen Plakaten (oder dem gelegentlich brennenden Auto) ist die Welt da draußen so nett und gibt ihnen dieses Gefühl.
Vor allem aber entlarvt der aggressive Gestus der Aktion die schlechteren unter den Biennale-Kunstwerken; jene nämlich, die gelernt kunstpädagogisch für „offene Kommunikation“ oder ähnliche Habermas-Blasen eintreten. Der Künstler Ron Tran ist so jemand. Hat doch der wackere Querdenker einfach ein paar Bänke am Oranienplatz enger zusammengestellt. „Man kann doch auch einfach mal miteinander reden“, will er uns auf diese bemerkenswert unsubtile Weise natürlich sagen. Ja Ron, kann man. Will man aber nicht. Folglich sind die zusammenstehenden Bänke auch meistens leer.
„Das ist auch ein Ergebnis“, würde sich Tran wohl kunstroutiniert verteidigen (ähnlich wie der Chinese Ai Weiwei, der auf der letzten Documenta den Zusammenbruch seines Holzturms als raffiniertes künstlerisches Symbol umdeutete). Nun ja. Genau weil wir uns nicht permanent unterhalten wollen, und schon gar nicht mit Fremden, stehen die Bänke normalerweise nicht da, wo sie jetzt stehen; so richtig neu ist diese Erkenntnis also nicht.
Dass den ewig wütenden Kreuzbergern diese Form der Agit-Päd-Kunst auf die Nerven geht, kann man also voll verstehen – und ihre lustigen Plakate mithin auch. Mein Vorschlag an Euch, liebe Stadtindianer: Besetzt doch einfach ein paar Werberlofts hier im Prenzlauer Berg (am besten das gegenüber, wegen der Sicht). Dann haben wir hier auch wieder ein wenig wilde Urbanität.
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Kategorie(n): Kultur


