21.08.2008 08:27 +Feedback
Die Freiheit in Prag
Heute, vor vierzig Jahren standen die Panzer des Kreml in Prag, um den Reformen ein Ende zu machen.Die Panzer des Kreml sind zwar nicht schnell, aber sie können schnell vor Ort sein. Das können Viele bezeugen. Die Panzer sind das Kreml-Argument Nummer eins geblieben.Worum aber ging es damals, in der Tschechoslowakei?
Der Prager Frühling war ein Phänomen der sechziger Jahre. Er hätte so, weder vorher noch nachher entstehen können. Es war die Allianz zweier Generationen, die als studentische Jugend und als reformorientierte Kommunisten, die den Stalinismus überlebt hatten, auftraten.
Eine wesentliche Rolle spielten von Anfang an die Künste, vor allem Literatur und Film. In jenen Jahren entstanden die bis heute bedeutenden Romanwerke, etwa von Kundera oder Skvorecki, und jene Filme aus den Barrandov-Studios, die, in ihrer beißend humorvollen Schilderung von Provinz und dem dieser zugeordneten Bösen, einzigartig sind. Die Filme von Vera Chytilova, Milos Forman, Jiry Menzel. Die Künste bildeten das frühe Substrat für den Reformprozess, indem sie mit ihren Mitteln, das Lebensgefühl gegen das Normverhalten stärkten..
Der Prager Frühling ist auch ein Lehrstück dafür, ein seltenes, wie das Engagement des Schriftstellers für eine Sache wirksam werden kann. Es geht dabei um die Kafka –Konferenz und das „Manifest der zweitausend Worte“ von Ludvik Vaculik. Das alles wurde auch zum Beweis, dass die Fragen der Kunst gleichzeitig Fragen der Demokratie sind. Es war einer der seltenen Augenblicke, in denen die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Gesellschaft ins gleiche Programm fielen.
Der Prager Frühling war nicht Ereignis, sondern Reformprozess. Das Reflexionsergebnis seiner Protagonisten entsprach sowohl den Politikern, Dubcek, Smrkovski und Sik, als auch den Journalisten, wie Pelikan und Liehm, und den Schriftstellern Pavel Kohout und Jan Prochazka.
Die Idee der Reform des Systems von innen heraus hatte sich nach dem Stalinismus durchgesetzt, beginnend mit Chruschtschows geheimen Parteitagsreden. Im Stalinismus hatte alle Kritik am Kommunismus, aller Widerstand gegen die Willkür, die Form der Rebellion angenommen, des Aufstands. Alle diese Versuche waren chancenlos gescheitert, 1953 in der DDR, 1956 in Polen und Ungarn.
Vor allem das Trauma Budapest 1956 förderte den Gedanken der Reform auf beiden Seiten. Das Regime sah ein, dass es auf Dauer wohl Zugeständnisse machen musste und die unterdrückte bürgerliche Öffentlichkeit wiederum begann ihrerseits die Institutionen der Herrschaft zu infiltrieren. Langzeitdiktaturen sind dem Generationenwechsel unterworfen, sie müssen die Gesellschaftskonzepte und Lebensentwürfe der Nachrückenden integrieren oder es kommt zu gefährlichen Brüchen innerhalb des Machtgefüges und seiner ideologischen Rahmensetzung.
Über die Ziele des Prager Frühlings wurde viel spekuliert. Nicht wenige Interessengruppen suchten sich zumindest das Image des Prager Frühlings zu eigen zu machen. Selbst Gorbatschow hängte sich mit seinem Verlegenheitsprogramm an die Prager Idee an. Andere sahen darin den Entwurf eines Dritten Wegs. Das waren vor allem die linksliberalen Intellektuellen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs, die ihre Illusionen zu retten suchten, mit Prager Frühling und Eurokommunismus, Dubcek und Berlinguer. Manches davon habe ich in jenen Jahren auch geglaubt. Der Dritte Weg ist aber nichts anderes als ein Verlegenheitsbegriff, und wie schwach er ist, zeigten uns ein weiteres Mal die neunziger Jahre, als die internationale Sozialdemokratie, mit Blair und Schröder, den Begriff ins Lifestyle zu heben versuchte.
„Prager Frühling“ hieß im Übrigen ursprünglich ein Musikfestival. Gesellschaftlich repräsentierte der Begriff vor allem ein Lebensgefühl, und damit hatte er etwas mit einem allgemein gewachsenen Bedürfnis nach individueller Freiheit zu tun, einem weltweiten, das in den sechziger Jahren von Prag bis Woodstock reichte. Manchmal verlieren Kollektivitäten die Angst und lassen sich von schönen Gedanken tragen. Das ist ein Stückchen Wahrheit, aber auch die Wurzel der Mythisierung des Prager Frühlings.
Seiner kurzen Existenz haben die Sowjet- Panzer ein jähes Ende bereitet. Damit wurde den Reformern wie den Bürgern die Hoffnung genommen, gleichzeitig aber auch dem Experiment ein selbstverschuldetes Scheitern erspart. Der Prager Frühling ist nie wiederlegt worden, weil er vom Imperium ausgelöscht wurde. Die Freiheit aber, um die es ging, wäre nicht auf halbem Wege zu stoppen gewesen. Auch das muss man sagen: Keine „kommunistische“ Räson hätte ihr Einhalt gebieten können. Die Freiheit gewinnt man ganz oder man verliert sie ganz und gar.
Der Prager Frühling hatte uns, meine Generation, die wir damals Teenager waren, dazu ermuntert, uns der Institutionen des Einparteiensystems anzunehmen. In die Schächte des Systems hineinzugehen und die erworbenen Positionen für die Interessen der eigenen Gruppe zu nutzen. So wuchs die Zahl der Parteimitglieder, aber nicht die der Kommunisten.
Das fiel auch dem System auf, und es begann ein zermürbender Kleinkrieg, der letzten Endes doch seinen Generalstab in der Kaderabteilung hatte. In Ergebnis: Der Kommunismus war nicht zu reformieren, aber es war auch nicht egal unter welchen Bedingungen der Alltag der Menschen ablief. Es war nicht egal, ob man die kleinen Freiheiten ausdehnen konnte oder ob sie wieder eingeschränkt wurden.
Letzten Endes scheiterten die Reformversuche, und zwar allesamt, an der generellen Reformunfähigkeit des Kommunismus. Dieser lebte von der Repression und vor allem von der Angst vor dieser Repression. Überwunden wurden Traum und Trauma des Prager Frühlings durch die Solidarnosc. Sie bot dem System die Stirn und machte den Antikommunismus erfolgreich zum Kampfinstrument. Zur Akzeptanz dieser Haltung aber musste ein weiteres Jahrzehnt vergehen, eine nächste Generation heranwachsen.

