22.07.2012   21:24   +Feedback

Die Energiewende braucht eine Wende

In der Panik von Fukushima hat Berlin eine Energiewende beschlossen, die überhastet und unausgegoren war. Nun häufen sich die Probleme, und der Plan droht zu scheitern. Es wird Zeit für eine Wende zur Besonnenheit.

In Fukushima werden die Bade-Strände wieder geöffnet, Japan fährt seine Atomkraftwerke unbekümmert hoch und die Internationale Atomenergiebehörde meldet einen weltweiten Boom bei Neubauten von Kernkraftwerken. Vor einem Jahr hatten wir gedacht, die Welt werde sich nach der Katastrophe von der Atomenergie verabschieden, nun aber geschieht das Gegenteil. Alle vier Wochen wird fortan irgendwo auf der Welt ein neuer Meiler in Betrieb genommen. Von China bis Argentinien, von Indien bis Polen, von Rußland bis Brasilien. Selbst Länder wie die Türkei, Thailand oder Bangladesh setzen nun auf Atomenergie. Nur Deutschland steigt aus. Und zwar radikal.

Die vor einem Jahr beschlossene Energiewende wirkt rückblickend wie eine einsame Panikreaktion der hiesigen Politik. Man wollte nurmehr raus - koste es, was es wolle. Nun aber beginnt es zu kosten. Die Strompreise steigen, die Industrie ächzt, der BDI schlägt Alarm, Sozialverbände warnen, denn Geringverdiener können sich bald den Strom nicht mehr leisten. Zugleich wird die Stromversorgung in Deutschland labiler, die Furcht vor Blackouts im kommenden Winter macht die Runde, der Netzausbau stockt, der Bau neuer Gaskraftwerke auch. Und schließlich wird in der Not auch noch mehr Kohle verstromt, was die Klimabilanz trübt. In allen drei Zielen Sauberkeit, Sicherheit und Bezahlbarkeit droht die Energiewende zu scheitern.

Die Regierung in Berlin wird darum langsam nervös. Sie spürt, dass das Projekt mißlingt und sucht nach Auswegen. Der neue Umweltminister Altmeier muss retten, was zu retten ist, vor allem aber soll er das Thema aus dem Bundestagswahlkampf halten. Mit seiner rheinischen Umarmer-Natur wird er manchen Konflikt entschärfen, die wesentlichen Widersprüche aber nicht auflösen können. Denn die Energiewende schreibt nicht nur einen radikalen Ausstieg aus der Kernenergie vor, sie hat auch noch – völlig überflüssigerweise – tonnenideologische Ziele gesetzt: eine Millionen Elektrofahrzeuge bis 2020, 10 Prozent weniger Energieverbrauch bis 2020, Abschaltung aller Meiler bis 2022.

Besonders grotesk macht die Lage, dass unsere unmittelbaren Nachbarn, Polen, Tschechien und Frankreich ihre Atomanlagen ausbauen – wir also das Sicherheitsrisiko mittragen, den wirtschaftlichen Schaden unserer Abschaltungen aber alleine übernehmen. Schon jetzt sind die Strompreise in Deutschland um 40 Prozent höher als in Frankreich. Obendrein sollen wir über EU-Hilfen die Atomindustrie bei unseren Nachbarn mitfördern, weil Kernenergie als besonders klimafreundlich gilt.

Um die verfahrene Situation zu retten, bräuchte es zweierlei: Einerseits eine europäische Lösung für die Energiepolitik, und andererseits einen besonneren Ausstiegsplan für Deutschland. Die Schweiz weist uns dabei den Weg. Auch in der Schweiz will man langfristig weg von der Atomkraft, aber man organisiert es klüger und unideologischer. Die Schweiz will erst 2034 komplett aussteigen und die Zeit (wie die milliardenschweren Mehreinnahmen) bis dahin in Ruhe nutzen, um wirklich sichere, saubere und beazhlbare Alternativen zu entwickeln. Schon Seneca wußte: Der Besonnene ist klüger als Getriebene.

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Kategorie(n): Inland  Wirtschaft 

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