Unterstützung für Achgut

  09.01.2009   22:11   +Feedback

Die chronologische und die geografische Achse

Hier ein Gedanke, den ich schon lange in einem Essay verwursten wollte. Aber bisher fand ich nie einen Vorwand dafür—deshalb blogge ich meinen Gedanken ungeniert (und ohne jeden aktuellen Anlass):
In progressiven Kreisen gilt es heute als ungehörig, beinahe rassistisch, wenn jemand bemerkt, es gebe höherwertige und niedrigere Kulturen. (Nebenbei: In den Zeiten von Marx war das noch anders.) In der extremsten Form wird dies sogar auf Gebieten bestritten, wo man den Unterschied beim besten Multikulti-Willen kaum leugnen kann, in der Medizin etwa. (Die “westliche Gerätemedizin” soll genau so viel wert sein wie chinesische Naturheilkunde, eigentlich sogar unmenschlicher. Wenn man sich dann aber beim Skifahren ein Bein bricht, begibt man sich natürlich trotzdem in die Obhut besagter Gerätemedizin.) Auch ein Musikkritiker schlendert in ein rhetorisches Minenfeld, wenn er nonchalant anmerkt, die europäische Musik habe eine Entwicklung durchgemacht (Polyphonie etc.), die man anderswo (Asien usw.) vergeblich suche.
Merkwürdig dabei ist nun Folgendes: Dieselben Leute, die nicht zugeben möchten, dass die westlich-abendländische Zivilisation etwa der Kultur der australischen Ureinwohner einiges voraus hat, haben überhaupt kein Problem, sich dem europäischen Mittelalter ("finster") oder der römischen Antike ("Sklaverei") überlegen zu fühlen.
Mit anderen Worten: Die behauptete Gleichwertigkeit der Kulturen gilt nur, solange man die geografische Achse betrachtet—nicht jedoch, wenn man die Zeitachse in den Blick nimmt. Sobald man in die Vergangenheit zurückschaut, darf man sich ganz ungeniert überlegen fühlen.
Für Reaktionäre gilt das glatte Gegenteil. Schriftsteller wie G.K. Chesterton oder Gomez Davila schwärmten vom Mittelalter und beklagten den Kulturverfall, der zu den ungeheuren Verbrechen der Moderne geführt hat; aber sie haben (zumindest Chesterton hatte) kein Problem, verächtlich etwa auf die Orientalen herabzuschauen.
Mit anderen Worten: Die chronologische Achse wird von jeder Kritik ausgenommen, die geografische Achse gilt als eher anrüchig.
In Wahrheit sind diese beiden Achsen—die geografische und die chronologische—ein- und dieselbe. Wer glaubt, dass überall auf diesem Planeten dieselbe Epoche herrscht, befindet sich im Irrtum. Nepal hatte bis gerade eben eine mittelalterliche Feudalordnung. Die australischen Ureinwohner leben in der Steinzeit. Afghanistan erinnert an Schottland zur Zeit von Macbeth. Der Irak erinnerte unter der sunnitischen Diktatur an Frankreich ca. 1244, in dem ein katholisches Herr aus dem Norden die Katharer im Süden massakrierte.
All dies wäre gewissermaßen kein Problem, wenn die verschiedenen Zeitalter sich nicht am Ende doch dieselbe Epoche teilen müssten; wenn die Stammeskrieger von anno dunnemals also nicht im Internet surfen, die Torquemadas nicht mit Boden-Luft-Raketen auf Ketzer zielen und die Landsknechte im Dreißigjährigen Krieg keine Atomwaffen schwingen würden, als seien es Hellebarden.

(Hannes Stein)


Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n):

Helfen Sie uns Die ACHSE DES GUTEN noch besser zu machen
und auszubauen!

Spendenkonto
Kontonummer: 4893891
Augusta-Bank, Augsburg
Bankleitzahl 720 900 00
Internationale Bankleitzahl BIC GENODEF1AUB
Internationale Konto-Nr. IBAN DE93720900000004893891

Google-Anzeige