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  05.01.2012   00:43   +Feedback

Die Christian Wulff Show

Genau zu Beginn der sechzehnten Minute dieses gruseligen Stücks Fernsehgeschichte wurde klar, daß man jedenfalls nicht mit Bettina Schausten vom ZDF befreundet sein und sie als Übernachtungsgast im Hause haben möchte. Damit seine Ferienaufenthalte nicht nach einer anstößigen Einladung aussehen, legte sie dem Bundespräsidenten nahe, hätte er doch den Gastgebern ein paar Euro zustecken können. 150 pro Nacht, schlug sie vor. „Machen Sie das bei Ihren Freunden so?“, fragte ein für eine Sekunde entgeisterter Wulff, der für eine Sekunde die Herzen derer gewann, die noch nicht ganz plem-plem sind.

Plem-plem ist er natürlich selber zur Genüge; allein die Anrufbeantworter-Story ist so exorbitant, daß sie Wulff bis ans Ende aller Tage nachhängen wird; schon jetzt ist vorhersehbar, daß Kai Diekmanns Gerät ins Haus der Deutschen Geschichte kommt. Es war ein Fehler, das Telefon benutzen gewollt zu haben, gab Wulff zu, und wenn er etwas zugibt, führen seine Gesichtsmuskeln ein Kammerspiel auf: während der obere Teil, zu den Augen hin, völlig bewegungslos bleibt, zucken die Mundwinkel umso heftiger. Immer wieder zieht er den Mund einseitig breit wie jemand, der Zahnschmerzen hat oder Zahnschmerzen symbolhaft andeuten will, was ja eine Geste der Besorgnis ist. Und immer wieder kommt es vor, daß dieser zahnschmerzähnlich unilateral verzerrte Mund kurzzeitig irr zu lächeln scheint, andeutungsweise nur und ohne inhaltliche Verbindung zum Gesagten: eine Grimasse, die als Wulffsches Grinsen in die präsidentielle Psychologie eingehen wird.

Christian Wulff besitzt die magische und für Politiker kostbare Fähigkeit, so abwesend zu sprechen, daß man nach jedem Satz ganz überrascht ist, ihn noch da sitzen zu sehen. Er erklärt zum Beispiel, er sei fest davon überzeugt, „durch eine ganze Reihe von Aktivitäten das Amt des Bundespräsidenten wieder gestärkt“ zu haben. Er sagt „planetarische Auseinandersetzung“, wenn er „parlamentarische Auseinandersetzung“ meint. Und er fordert „Menschenrechte selbst für Bundespräsidenten“. Wenn ein See Genezareth im Studio gewesen wäre, hätte er auf dem Wasser wandeln können, in seinem blauen Blazer, so blau wie die Blazer von Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten.

Da künftig wohl nach jedem Fehler dieses Präsidenten Sondersendezeit auf allen Kanälen zur Reinwaschung gebraucht wird, wird sich das Fernsehen in diesem unserem Lande grundlegend verändern. Wir können wir uns auf etwas gefaßt machen. Diesmal bekam Wulff nur 22 Minuten, um seine halbe Million fürs Eigenheim zu retten, aber die keineswegs geklärte Sache wird noch lange Wellen schlagen. 22 Minuten später fingen dann die ausgedruckten Sendungen an: „Rette die Million!“ im ZDF und „Die lange Welle hinterm Kiel“ im Ersten.

(Burkhard Müller-Ullrich)


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Kategorie(n): Inland 

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