Gastautor 01.06.2010 15:14 +Feedback
Die Beleidigten
Von Wolf Lotter
Wenn sich über die Deutschen heute etwas mit großer Zuverlässigkeit sagen lässt, dann dieses: Sie sind sehr leicht beleidigt. Das ist – von Ausnahmen abgesehen – allerdings eine Masche.
Was haben islamische Staaten und die Bundesrepublik gemeinsam? Ganz einfach. Ihre Bürger sind sehr schnell und sehr leicht beleidigt, angepisst, gekränkt.
Ist es da nicht ganz logisch, dass selbst der Bundespräsident, der Souveräne, den Hut nimmt, beleidigt, wegen Respektmangels? Einerseits ja. Passt ja.
Andererseits ist es schon ein wenig komplizierter. Wie soll man das erklären? Versuchen wir es mal so. In der Ökonomie gibt es eine Grundformel, nach der ein Gut umso begehrter ist, je weniger es davon gibt. Über Gold, bekanntlich ein seltenes Edelmetall, würde kaum jemand reden, wenn man es an jeder Ecke ausbuddeln könnte. Was rar ist, wird gerne beschworen.
Das gilt in gewisser Hinsicht auch für andere Sachen, nehmen wir mal die Kritik.
Die Angehörigen des Post-68er Establishments reden die ganze Zeit davon, wie wichtig es ist, kritisch zu sein, was Leute mit wirtschaftlichem Hintergrund eigentlich die Ohren spitzen lassen sollte. Denn wenn man mit solcher Inbrust über Kritik redet, dann liegt der Verdacht nahe, dass man eigentlich über ein besonders rares Gut spricht.
Das ist mal das eine. Alles weitere lässt sich durch persönliche Empirie erhärten, tagtäglich. Man wird in diesem Land ständig aufgefordert „ehrlich“ und „offen“ zu sagen, was man denkt, und wenn man es mal tut, dann zucken rundum die Mundwinkel. Die Diktatur der Politischen Korrektheit fordert zum Lügen auf, zum Heucheln, zum Betrügen. Weil das jeder weiß, wird unablässig dennoch beschworen, „die Wahrheit“ zu sagen, und gleichsam dazu aufgefordert, „kritisch“ mit Themen und Personen ins Gericht zu gehen. Pelzwaschen in der moralischen Trockenreinigung also.
Interessant. Hinter diesem scheinbar widersprüchlichen Verhalten steckt die Grundidee deutscher Harmonielehre. Was ich sage, ist immer richtig. Wenn Du was anderes sagst, ist das persönlich. Persönlich ist böse. Das macht mich betroffen. Gemein. Schauen wir uns diesen Prozess genauer an: Er ist zunächst ein prima Selbstschutzmechanismus. Wo immer „Wahrheiten“ kritisch hinterfragt werden, geht das beleidigte Aufjaulen los, das persönlich Gekränkte. Wer wirklich kritisch ist, also nicht einfach die Schnauze hält, zustimmt und abnickt, keine Harmonie sucht, sondern auf die zahllosen Widersprüche und Irrtümer diverser Gesinnungsdogmen (Arm-Reich-Schere, Prekariat, Weltuntergang durch Klimakatastrophe) hinweist, ist böse.
Sind alle so? Falsche Frage. Dürfen alle so sein? Aber nein. Die beleidigte Leberwurst gibt es nur als Beilage zu einer bestimmten Gesinnung, zu einer Ideologie des Guten und Harmonischen. Das wird gerne mit der unschönen Vergangenheit der Deutschen erklärt. Es war lange Brauch, dass der Deutsche Alles und Jeden, der nicht völlig mit ihm übereinstimmte, spitz in den Boden rammte. Entweder Zustimmung – oder Blitzkrieg. Diese deutsche Formel hat sich bekanntlich etwas verbraucht. Seit 1945 ist Deutschland lammfromm und friedlich. Streit gilt als Rückfall in barbarische Zeiten, die zu nix Gutem geführt haben. Gestritten werden darf deshalb nur im Namen des Guten. Was gut ist, bestimmen allerdings immer noch wir. An diesem Gutsein darf keine Kritik geäussert werden. Alles, was aus diesem Gutsein heraus getan oder gedacht wird, ist richtig. Kritik hat in diesem Authistendrama die Rolle der Selbstbestätigung. Wer dagegen verstösst, dem droht - gleich nach dem Zucken der Mundwinkel und der weinerlichen Replik – Krieg. Wir haben uns diese Gesinnung in etwa so vorzustellen wie Claudia Roth.
Solche Gesinnungsgenossen sind wegen jedem Scheiß beleidigt, weil das ihre Macht sichert. Der Gutmenschenklüngel lebt von seinem Monopol auf das Recht auf Beleidigtheit. Man hat immer einen Grund, gekränkt zu sein. Will man nicht das Beste, die Natur retten, den Armen helfen, der Gerechtigkeit Vorschub leisten, Kriege beenden? Ist nicht jeder böse, der am edlen Motiv zweifelt?
Nein, er ist nur nicht bekloppt.
Es gehört eine infame Boshaftigkeit dazu, die Aussagen Horst Köhlers zum „Schutz der Handelswege“ dahingegehend misszudeuten, dass Deutschland seine Armee zur Sicherung von Profitinteressen einsetzen würde. Und es gehört ein hohes Maß an öffentlicher Verblödung dazu, hier nicht einfach mal danach zu fragen, was denn im Einsatz gegen Piraten eigentlich Sache ist: Da werden Schiffe mit Waren überfallen. Geplündert. Gelegentlich mal auch Seeleute als Geiseln genommen oder umgelegt. Ist es ein Wirtschaftskrieg, nicht verfassungskonform, Bürger und Eigentum der Bürger davor zu schützen, dass sich jeder daran bedienen kann?
Das geht nur in einem Land, in dem aus guten ideologischen Gründen den Leuten jedes Nachdenken über den eigenen Wohlstand und die Wirtschaft dahinter ausgetrieben wurde. Ein Land, in dem es schon genügt, „Wirtschaft“, „Gewinn“, „Banken“ und „Finanzen“ zu sagen, alles Sachen also, von denen der permanent Beleidigten nix versteht und auch nix verstehen will, um ja nicht zu den Bösen zu gehören. Und in der immer mehr Leute mit dieser „Ich-Werde-Benachteiligt“-Fresse durch die Landschaft laufen und sofort Umverteilung und Ausgleich fordern, statt ihren Arsch mal zu bewegen oder sich schlicht mit sich selbst und ihren Möglichkeiten zu arrangieren. Doch dieses Ignorieren der Wirklichkeit ist es ja, was das Beleidigtkeitsmonopol des „Guten Deutschen“ ausmacht. Es ist eine institutionalisierte Kränkung, berechnend, heucherlisch, verlogen.
Harmonie verblödet.
Deutschland braucht Streit, und zwar richtigen. Politisch unkorrekten Streit über die Frage der Zukunftsfähigkeit dieses Landes, einer neuen sozialen und politischen Ordnung, bei der erstarrte Interessensgruppen und Parteien samt trostlosem Zubehör von einer zivilcouragierten Öffentlichkeit ersetzt werden. Wir brauchen einen heftigen, intensiven Streit, der zum Aufbrechen des reaktionären Beleidigtheitsmonopol des situierten Gutmenschen-Establishements führt. Ganz ohne Ironie: Ihr Held könnte Horst Köhler sein, der Renitente, der wirklich Widerständige gegen eine Kultur der geradezu aggressiven Gleichgültigkeit.
Der Mann hat jeden Grund, beleidigt zu sein, ganz persönlich. Sozialdemokraten und Grüne haben wissentlich und vorsätzlich die Öffentlichkeit manipuliert und betrogen, als sie behaupteten, Köhler habe einem aus Wirtschaftsinteressen geführten Krieg Vorschub geleistet. Wenn man derart rufgemordet wird, zumal in diesem Amt, darf man schon ein wenig angefressen sein. Alles andere wäre pervers – also die moralische Haltung, die jetzt von Politikern und politischen Kommentatoren oder Leuten wie Cem Özdemir verbreitet wird: „Das muss man aushalten“. Ausgerechnet Cem „Bonusmeile“ Özedimir, der nach seinem gerechtfertigten Rücktritt als Folge seines Flugmeilen-Vergehens benahm, als wäre er Opfer einer von langer Hand vorbereiteten Verschwörung des Klassenfeindes gewesen. Business- oder Economy-Class?
Das führt uns zu einer wichtigen Frage: Muss man es tatsächlich aushalten, das jedes Arschloch unbegründet und ohne Anhaltspunkt Rufmord an einem begeht?
Nein, das muss man nicht – und wenn man es aus politischer Raison oder falsch verstandenem Pragmatismus aushält, dann hat man das zu ändern. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, hat Adorno gesagt, das kennt jeder anständige Linke, aber der Anstand reicht eben nie aus, um hinzuzufügen, woran Adorno letztlich wirklich starb: An den infamen Verleumdungen seiner „revolutionären“ Studenten. Nicht der Diskurs, der aufrichtige Steit hat Adorno umgebracht, sondern die Hinterfotzigkeit der Krahls rund um ihn herum.
Es ist gut, wenn einer geht, weil er sagt: So geht es nicht. Das ist ein seltenes Zeichen von Charakter, Rückgrat, aber vor allen Dingen auch wirklicher politischer Fähigkeit.
Die Kommentare des Berliner Politklüngels aus allen Lagern sind völlig konträr zu dem, was viele Bürger zum Rücktritt meinen. „Zu wenig Durchhaltevermögen“, tönt es aus den Reihen der Hauptstadtkorresponenten, „keiner von uns!“. Natürlich braucht man eine Menge „Durchhaltevermögen“, wenn man als Putzerfisch der Berliner Politprominenz zwischen Cafe Einstein und Bundespressekonferenz pendelt – dass braucht man Haltung, da ist schon rein buffettechnisch einiges durchzustehen. Man hat geradezu den Eindruck, diese Taugenichtse wähnten sich in Stalingrad. Durchhalten!
Wer diesen Schwachsinn nicht teilt und teilen will, wer mit diesem Klüngel nichts zu schaffen hat, und da wären wir wieder bei Horst Köhler, dem wirft man „unzureichende Vernetzung“ zu.“
Ja, das stimmt, Horst Köhler war nicht Teil des mundwinkelzuckenden „Netzwerks“, und dass man das dem amtierenden Bundespräsidenten zum Vorwurf gemacht hat, zeigt nichts anderes als den kompletten Größenwahn dieser „Netzwerker“. Was für ein abstruser Vorwurf: Mangels Klüngelei habe sich Köhler zu wenig Gehör verschafft.
Dem Staatsoberhaupt zu unterstellen, es sei nicht einflussreich, und deshalb nichts amtsfähig, weil es eine eigene Meinung hat und die nicht in Parteizentralen abholt – das ist im Grunde verfassungsfeindlich, das geht gegen das Grundgesetz. Das ist ein Putsch.
Köhler hat recht. Das muss man, das darf man sich nicht gefallen lassen. Horst Köhler ist beleidigt, nicht der Form halber, sondern zu recht. Das fällt nur deshalb als abweichendes Verhalten auf, weil es sich vom instrumentellen Beleidigtsein des politischen Establishments so angenehm unterscheidet. So normal ist. Wie der Streit. Und die Kritik. Und das Klagen. Alles andere, das berechnende Beleidigtsein der herrschenden Klasse und all der Flachwurzler, die ihnen folgen, sollte man seit Gestern beim Namen nennen: Merkelismus.
Dann wäre das ja auch mal klar.
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Kategorie(n): Inland


