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  24.02.2012   20:16   +Feedback

Die Bazille ist links

Falls Sie vorhaben, demnächst einen Mitmenschen als “linke Bazille” zu bezeichnen, empfiehlt sich ein Blick auf ein Urteil des Münchener Oberlandesgerichts. Die Richter haben die Bezeichnung als beleidigend bewertet und der Beleidigung ein Preisschild von 500 Euro angeheftet.

Das ist ein akzeptabler Preis, wenn man bedenkt, dass man gleich zwei Beleidigungen für den Preis von einer unterbringt, nämlich die Bazille und den Linksverdacht.
Nun kennen wir also den Wert der linken Bazille. Wie aber ist eine rechte Bazille juristisch zu bewerten? Diese Frage erweist sich als seltsam theoretisch. Die rechte Bazille kommt, anders als die linke, im deutschen Beleidigungsalltag offenbar kaum vor. Wir wissen nicht einmal, ob es sie je gab oder ob sie ein frühes Opfer des Klimawandels ist.

Politisch ist das nicht ganz unproblematisch, beschleicht einen doch das ungute Gefühl, dass wir, wenn es um die Bazille geht, auf dem rechten Auge blind sind, während links die volle Wucht der Staatsmacht zugreift. Tatsache ist aber, dass die Bazille heutzutage in der rechten Szene keine erkennbare Rolle spielt. Träfe man auf eine rechte Bazille, so entstünde sofort der Verdacht, dass es sich um eine V-Bazille handelt. Man kann also sagen: Die Bazille ist links, basta.

Andererseits sollte man die Bazille nicht überpolitisieren. Das Linke an der Bazille entpuppt sich bei näherer Betrachtung ja weniger als politisch begründet, sondern mehr als ein sprachliches Phänomen. Eine linke Bazille ist eine gemeine, eine fiese, eine hinterhältige Bazille. Die Bazille allein ist eher harmlos. Ihr Beleidigungscharakter steckt allenfalls in der Tatsache, dass sie auf den Menschen übertragen von unakzeptabel kleiner Gestalt ist.

Diese vergleichende biologische und sprachanalytische Betrachtung legt den Schluss nahe, dass das Linke des Bazillenvorwurfs die Hauptbeleidigungslast trägt. Das Linke dürfte mindestens 400 Euro der Strafbemessung zu verantworten haben, während die Bazille selbst allenfalls mit 100 Euro zu Buche schlägt.

Eine rechte Bazille würde, sollten wir ihr jemals begegnen, im Vergleich seltsam blass und flach wirken. Es handelt sich hier um eine Paarung, die gemeinsam nicht mehr als jeder einzelne sondern weniger ist. Ihr Beleidigungswert pendelt gegen Null. Sie wäre eine Schnäppchen-Beleidigung, wenn sie eine wäre.

Warum das alles so ist, ist schwer zu sagen. Die deutsche Sprache ist - wie der deutsche Mensch und die deutsche Politik - rätselhaft. Noch schwerer zu sagen ist, warum es eigentlich eine Bazille sein muss. Es gibt so viele Tiere, die über ein eigenes, oft beträchtliches Beleidigungspotenzial verfügen. Aber nein, es muss eine Bazille sein.

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Kategorie(n): Inland  Kultur 

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