Maxeiner und Miersch 25.02.2012 00:05 +Feedback
Die 230 000 Euro Bulette
Wulff ging, Gauck kommt, der Atomstreit mit dem Iran eskaliert weiter, Griechenland versinkt und Europa wankt. Bei so einer Nachrichtenlage hat ein wissenschaftlicher Kongress in Vancouver keine Chance auf Schlagzeilen. Doch das dort behandelte Thema hat womöglich mehr historisches Gewicht als alle Aufregungen dieser Woche. Wenn die BBC nicht auf ihrer Website darüber berichtet hätte, wäre es womöglich ganz untergegangen.
Im Mittelpunkt des Berichts stand der holländische Medizinprofessor Mark Post, der sich mit Stammzellen befasst. Jedoch nicht mehr um Krankheiten und Verletzungen zu heilen, sondern um die größte Umwälzung der menschlichen Ernährung und der Wirtschaft anzustoßen, die seit der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht stattgefunden hat. Post kündigte in Vancouver an, noch in diesem Jahr den ersten Hamburger aus den Stammzellen eines Rindes zu erschaffen.
Zurzeit kann man in seinem Labor in Maastricht winzige Muskelstreifen in Petrischalen besichtigen, zwei Zentimeter lang, einen Zentimeter breit und einen Millimeter Dick. Aber immerhin: Sie wuchsen heran, ohne dass sie in den Organismus eines Tieres eingebunden waren - und sind doch Rindfleisch. Die Herstellung der Bulette, die Post im Herbst präsentieren will, wird über 230 000 Euro kosten.
Vielleicht vergleicht man Posts Werk eines Tages mit der „Z1“, dem ersten „mechanischen Gehirn“ des Konrad Zuse, dem Vorläufer des Computers. Oder mit Gottlieb Daimlers Motorkutsche von 1886. Sollte es tatsächlich gelingen ohne das Züchten, Mästen und Töten von Tieren Fleisch ökonomisch zu erzeugen, wäre eine Lösung für einige der größten sozialen, ökologischen und ethischen Herausforderungen der Menschheit in Sicht.
Eine Verminderung der Nutztiere würde die Welt völlig verwandeln. 70 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche wird derzeit für Viehzucht benötigt. Obendrein wandert ein Drittel der globalen Getreideernte in den Futtertrog. Dazu kommt ein gewaltiger Wasserverbrauch. Fäkalien und Abwasser fallen in Größenordnungen an, die jede andere Industrie bei Weitem übertreffen.
Es wäre ein Traum, diesen historischen Sprung in eine Welt ohne Schlachthäuser mitzuerleben. Vorher dürfte aber eine neue Front in der deutschen Moralschlacht aufgemacht werden. Auf der einen Seite die Fortschrittsoptimisten gemeinsam mit den Tierfreunden und einem Teil der Umweltschützer. Auf der anderen die Technophoben, Bio-Gläubige und Gourmets die nach blutigem Fleisch aus echten Tieren verlangen. Könnte spannend werden.
Erschienen in DIE WELT am 24.02.2012
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Kategorie(n): Wissen


