19.09.2012   07:40   +Feedback

Dicke Tine, doofes Kind. Wenn Frauen zu weit reisen

Mauretanien ist ein richtiger Schatz von einem UNO-Mitgliedsland. Der Islam ist Staatreligion, es gilt die Scharia, und wer sich als Muslim/a für eine andere Religion entscheiden möchte, macht besser vorher sein Testament. Sklavenhalterei, Kinderarbeit, die Verstümmelung weiblicher Genitalien und artverwandte Folklore stehen hoch im Kurs. Wenn nicht gerade Militärputsche im Gange sind, kümmert man sich rührend um die Organisation gefälschter Wahlen.

Eines muss man Mauretanien aber lassen: es diskriminiert keine Frauen, die dem schändlichen Schlankheitswahn des Westens nicht entsprechen!

Im Gegenteil, dort gilt die Maxime: je dicker je lieber. Deshalb ist in Mauretanien auch der Brauch des Frauenmästens noch lebendig, wie ihn T.C. Boyle in seinem wunderbaren Roman „Wassermusik“ beschreibt. Und weil die Frauen in Mauretanien ihr Moppel-Ich voll ausleben dürfen (um jene, die eine etwas andere Agenda haben, kümmert sich Amnesty International), kriegen sie manchmal Besuch von neidischen Geschlechtsgenossinnen aus dem Westen.

Eine, die auch nicht viel auf dem Teller liegen lässt, hört auf den Namen Tine Wittler und ist Freunden des Qualitätsfernsehens aus der RTL-Renovierungsserie „Einsatz in 4 Wänden“ bekannt. Die quirlige Moderatorin und Buchautorin (Debütroman: „Die Prinzessin und der Horst“) hat das schöne Mauretanien mehrere Wochen lang bereist („zu Fuß, im Jeep oder auf Kamelen“) und flugs ein Buch über ein Land verfertigt, „in dem sie – anders als in Deutschland – dem Schönheitsideal entspricht“ (Verlagsankündigung).

Einen Reisebericht mithin, „der tiefer geht und das eigene Selbst- und Gesellschaftsbild auf den Kopf stellt“. Tine hat sich nämlich gefragt: „Warum lassen sich gerade Frauen von Normen und Idealen so dermaßen unter Druck setzen?“ Nur bei uns, versteht sich! Mauretanische Frauen haben mit dem von westlichen Medien und Modekonzernen verordneten Schlankheitsterror schon deshalb kein Problem, weil die meisten von ihnen nicht lesen können.

Die Erfahrungen einer daheim oft gehänselten Dickmamsell bei den sympathischen Söhnen und Töchtern der Wüste hat die Tine im Titel ihres neuen Werkes gebündelt: „Wer schön sein will, muss reisen – ein Selbstversuch im Land der runden Frauen“. So geht das nämlich, ihr Pfundsfrauen: einfach in den Flieger steigen - fuck you, weightwatchers - und in eine kulturell unverdorbene Gegend düsen, wo noch über Jahrhunderte tradierte Normen gelten. Wo kein Chauvi herzlos gackert, wenn das Kamel unter dem Gewicht seiner Reiterin schon mal etwas Mühe beim Aufrichten hat. Wo stattdessen bewunderndes Ah und Oh zu vernehmen ist, wenn sich der Jeep sanft zu Seite neigt, nimmt eine wie die Tine darin zur Sightseeing-Tour Platz.

Das ganze Gedöns um Menschenrechte und so relativiert sich dann von selber.

Was sich der eine oder andere, der mit dem Medienschaffen der Tine vertraut ist, vielleicht wünschen würde: könnte ihr Aufenthalt im Frauenparadies Mauretanien beim nächsten Mal nicht prolongiert werden? Vielleicht so lange, bis die Tine, hübsch gemästet, noch ein paar Rundungen mehr zulegt hat? Und dann endgültig zum Top-Model des Frauenparadieses Mauretaniens avanciert ist, welches die Tine irgendwann gar nicht mehr ausreisen lassen will?

Allein die Vorstellung!

Die Tine liest heute Abend in Cuxhaven (20.00 Uhr, Buchhandlung Oliva) und am 21.9. in Hamburg in Hamburg (20.00 Uhr, Kesselhaus). Keine Sorge, sie kommt auch nach Köln, Paderborn, Darmstadt und Bad Nauheim, sogar nach Jena und noch weiter. Alle Termine hier:

http://www.literaturportal.de/veranstalter.php?show=3015

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Kategorie(n): Kultur 

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