Richard Wagner 28.05.2009 08:35 +Feedback
Deutschland und die Wandlitz-Bande
Die Wahrheit über Kurras geht über den staatlich geprüften Waffennarren weit hinaus. Es ist nicht nur eine unbequeme Wahrheit über 68, und damit über die Bundesrepublik, in der ein Kurras immerhin Polizist sein konnte - es ist auch eine Wahrheit über die DDR. Vor allem über die DDR. Eine vernichtende.
Mit der Affäre zeigt sich ein weiteres Mal, dass der Aufarbeitung der Geschichte der zweiten Diktatur in Deutschland, trotz allem zur Verfügung stehenden Material, der notwendige, auf gesellschaftlichem Konsens beruhende Antrieb fehlt, um diese zu einer erfolgreichen Systematik führen zu können. Das, muss man sagen, liegt weniger an den Forschern als in der dekadenten Wahrnehmung ihrer Forschungsergebnisse durch unsere vom Infotainment beherrschte Öffentlichkeit.
Der unbefriedigende Zustand der Debatte hat nicht zuletzt mit dem geringen Interesse der Westdeutschen an der Thematik zu tun. Die meisten von ihnen verhalten sich so, als gehe sie das Ganze nichts an, als handele es sich um eine umfangreichere Peinlichkeit der Ostdeutschen, die man am besten mit Diskretion begleitet.
Der taube Gipfel dieses Verhaltens wurde schon früh in den Neunzigern erreicht, mit der frappierenden Äußerung eines historisch nicht ganz unbewanderten Kanzlers, er wisse nicht, wie er sich in einer solchen Situation verhalten hätte. Der Skandal dieses Satzes besteht in der mit ihm ausgesprochenen Annahme, man habe eher zum Täter werden können, als die Tat zu verweigern oder sich ihr zumindest zu entziehen. Dieser Gedanke hat nicht zuletzt auch die Justiz bescheiden reagieren lassen. Mielke, der Pate der staatlich organisierten Kriminalität, wurde nicht für seine Untaten in der DDR verurteilt, sondern für den Polizistenmord in seiner Jugend.
Zwanzig Jahre nach dem Ende der Willkürherrschaft der Wandlitzbande sind uns zahllose Fakten über den DDR-Staat bekannt, in der Öffentlichkeit aber herrscht weiterhin ein großes Zögern angesichts der längst fälligen schlussfolgernden Zusammenfassung der Faktenlage. Warum eigentlich? Fehlt uns ein Fritz Bauer?
Während die literarischen Antworten auf das Dritte Reich nur moralisch sein konnten, von Böll bis Lenz, von Enzensberger bis Grass, so steht die große Erzählung über die DDR bisher, mit wenigen Ausnahmen, im Zeichen der Weichspülung. Die einschlägigen Autoren, Brussig, Schulze und Tellkamp, haben ihren Lesern kaum etwas vorzuwerfen, sie kommen ja auch nicht von einer literarischen Front sondern vom kalten Büffet des Lektorats. Was seinerzeit noch bitterböse Persilschein genannt wurde, heißt diesmal infotainmentgerecht Ostalgie. Die Wahrheit ist: Über die DDR wurde zu ihren Lebzeiten in den westdeutschen Verlagen Schärferes publiziert als heute. Erinnert sei bloß an die Bücher von Fuchs, Johnson, Kunze, Schädlich und Schacht.
Leben wir im Zeitalter der falschen Harmonie? Unsere demokratiepflichtigen Politiker reden, wahltherapeutisch ausgebremst, von ostdeutschen Biographien, die zu respektieren seien, als ob es andernfalls darum ginge, das Ethos der von einem Polizeistaat festgesetzten Menschen in Frage zu stellen. Darum geht es eben nicht!
Die Ostdeutschen haben in der Mehrheit, im Zeichen ideologischer Gleichschaltung und angesichts der polizeilichen Gewalt, das Beste aus ihrem Leben zu machen versucht, ohne den ethischen Kern zu verlieren, und wo sie Leistungen aufzuweisen haben, sind diese trotz der totalitären Rahmenbedingungen zustande gekommen, und nicht aufgrund von diesen. Darüber sollte man nicht weiter diskutieren müssen.
Die DDR war propagandistisch ein Machtinstrument der Sowjetunion im Kalten Krieg und in der Praxis die Ausgangsbasis zur Destabilisierung der Bundesrepublik, zur Untergrabung der Freiheit in Deutschland. Zu diesem Zweck bediente man sich mit einer bemerkenswerten Schamlosigkeit aller verfügbaren Mittel, einschließlich des Antifaschismus. Auch seine Entwertung nahm man, ohne die geringsten Skrupel zu zeigen, in Kauf.
Die DDR stellte sich unverfroren in eine antifaschistische Tradition, um ihren Unrechtsstaat zu legitimieren, gleichzeitig förderte sie antisemitische Umtriebe in der Bundesrepublik. Die ersten entsprechenden Schmierereien im Westen Deutschlands kamen 1959 nicht von den einheimischen Neonazis, sondern aus der Diversionsküche des Markus Wolf. Auch das war aus den Stasi-Unterlagen zu erfahren.
Die manipulatorischen Eingriffe der DDR in das politische und kulturelle Leben der Bundesrepublik waren erheblich. Sie reichen von der Finanzierung der Zeitschrift „Konkret“ bis zum Kauf von Abgeordnetenstimmen und der Platzierung von Agenten, inklusive im Bundeskanzleramt, wie der Fall Guillaume beweist. Dazu gehören auch die Entführungen der 50er Jahre, die zum teil immer noch nicht ganz geklärten Fälle, wie der des Otto John, ehemaliger Verfassungsschutzchef und Mann des 20. Juli. Entführt wurden nicht nur Fluchthelfer und Kommunistenfresser, sondern auch Gewerkschafter wie Heinz Brandt, die sich nicht beugen ließen. Warum ist das alles in unserer Öffentlichkeit so wenig bekannt, wieso spielt es keine größere Rolle, wenn über den Staat DDR diskutiert wird, als ginge es um eine persönliche Schontherapie für Daniela Dahn?
Es ist dringend nötig, die Ergebnisse der Aufarbeitung ins kollektive Gedächtnis zu rufen, und nötig ist auch, wie der Fall Kurras zeigt, eine intensivere Förderung der Forschungstätigkeit, was die Rolle der Westagenten der Stasi betrifft und die Unterwanderung der Institutionen des Westens durch die DDR. Zum Thema gehört auch das öffentliche Nachdenken über die Blauäugigkeit vieler Westdeutscher, die sich mit den Ostschurken einließen, wegen der angeblich guten Sache, die der Marx-Nachlass darstellte, und der im eigenen Land drohenden Restauration. Sie haben letzten Endes nicht den Sozialismus gestützt, oder gar die diesem zugrunde liegende Idee, wie sie uns stets versicherten, sie haben vielmehr die Demokratie verraten, den Westen, die Toskana, die Freiheit, die Fuggers, die Bibliothek von Cluny, und alles andere, was sie ganz privat zu schätzen wissen. Wie war es möglich?


