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  08.09.2011   03:20   +Feedback

Deutschland nach 9/11

Clemens Heni

Am 11. September 2001 attackierten Jihadisten das Festland der USA, ermordeten 3.000 Menschen in den Zwillingstürmen des World Trade Center in New York City, dem amerikanischen Verteidigungsministerium (Pentagon) sowie den vier entführten Flugzeugen und setzten ein Fanal des Krieges gegen die westliche Zivilisation. Seither gibt es in der Bundesrepublik so viele und intensive Debatten über Islam, Islamismus, Terrorismus, Antisemitismus und Israel wie nie zuvor. Viele Beiträge hierzulande sind zu einem kritischen Verständnis wenig geeignet oder unterstützen, in welch gewundener oder offener Form auch immer, wesentliche Elemente des Islamismus wie den Jihad, die Scharia, den Antiamerikanismus und den Antisemitis mus/Antizionismus.
Die Islamwissenschaft hat eine wichtige Funktion und kann Aufschluss geben über die politischen Strukturen, Entwicklungen und Tendenzen in der arabischen wie der muslimischen Welt insgesamt. Doch wird sie ihrer Funktion gerecht?

Dieses Buch erscheint anlässlich des zehnten Jahrestages des 11. September. Das Verbrechen wurde unter anderem in Deutschland geplant. Nur wenige Tage nach 9/11 kam mir zu Ohren, dass manche Leute an jenem Dienstag feixend „Bin-Ladin-Cocktails“ in ihren Lieblingskneipen bestellten. Am 22. September 2001 fand in Bremen eine linke ‚Antikriegs‘-Demonstration mit über 1.000 Teilnehmern statt. Demo-Parolen der ‘68er wie „Schlagt die Zionisten tot, macht den Nahen Osten rot!“[2] und der Autonomen der 1980er Jahre wie „USA–SA–SS“[3] erhielten ein Echo: Nur elf Tage nach 9/11 wurden auf besagter Demonstration Sprechchöre wie „U–S–A – Völker–mord–zentrale“ skandiert.[4] Wissenschaftler reagierten ähnlich, wovon noch die Rede sein wird.

Was hat die Islamwissenschaft in Deutschland seither geleistet? Wird islamistische Ideologie analysiert? Wie werden wichtige Vordenker des Islamismus wie Hasan al-Banna, Gründer der Moslembrüder im Jahre 1928 in Ägypten, Abu al-Ala Maududi, ein indisch-pakistanischer Islamist, Gründer der islamistischen Organisation Jamaat-e-Islami sowie einer der Väter des Islamic banking, oder Yusuf al-Qaradawi, der heute einflussreichste öffentlich auftre tende Islamist überhaupt, charakterisiert? Werden Selbstmordattentäter, Antizionismus, Antisemitismus und Islamismus in ihrer Beziehung zueinander analysiert? Werden Scharia, religiöser Fanatismus und Geschlechterverhältnisse im Islam analysiert, ohne in religionsapologetische oder religionskritische Allgemeinplätze zu flüchten? Welche Bedeutung haben Theorien des Post-Kolonialismus und Post-Orientalismus in der gegenwärtigen Islamforschung? Wird Antisemitismus als spezifisches historisches und gegenwärtiges Phäno men wahrgenommen?
Diese Fragen könnten sich bezüglich der Situation seit dem 11. September stellen. Die Forschung wie die Publizistik und der gesellschaftliche Trend gehen allerdings in eine andere Richtung, das Stichwort für die Abwehr jedweder substanziellen Islam- und Islamismuskritik heißt „Islamophobie“.

Dabei ist Religionskritik in Europa eine Errungenschaft der Aufklärung. Wer das Christentum ablehnt, wird nicht der „Christentumphobie“ geziehen. Wer in Bibliotheken Weimars, Londons, Paris‘, Madrids, Roms, Wiens, Berlins oder Duisburgs Friedrich Nietzsches „Antichrist“ liest und offen auf dem Tisch liegen lässt, bekommt keine Todesdrohungen. Man stelle sich dagegen ein Buch „Der Antimohammed“ und die Reaktionen dazu vor.

Die Kritik am Christentum hat sich seit dem 18. Jahrhundert als unersetzlich für die europäische (politische) Kultur erwiesen. Islamkritik hingegen wird noch im 21. Jahrhundert verfemt. Und es geht um Islamkritik, nicht nur um Islamismuskritik.

Es gibt einen zentralen Unterschied zwischen einem säkularisierten, aufgeklärten und nicht mehr an den Buchstaben der Bibel klebenden Christentum einerseits sowie der „Buchstäblichkeit“ und der Obsession von Islamisten und Jihadisten, den Koran wörtlich und für alle Zeiten als gültig anzuerkennen, andererseits. Es gibt aber auch Muslime, die den Koran ‚modern‘ interpretieren.

Warum sollte – ganz a priori, unabhängig von 9/11 – der Islam nicht radikal in Frage gestellt werden dürfen, und zwar von Muslimen, von fälschlich als Muslimen Kategorisierten, von Ex-Muslimen, wie von allen anderen Menschen? Der Begriff „Islamophobie“ ist phänomenologisch gesehen ein Unikum und ein Kampfbegriff, lanciert von Islamisten. Der Begriff wird gerne aufgegriffen von naiven, braven oder aber aggressiv-kulturrelativistischen Wissenschaftlern, Politikern und Aktivisten unterschiedlichster Provenienz.

Diese Studie möchte zur Analyse und Kritik der historisch-ideologischen Genese des Islamismus anregen. In sieben Kapiteln werden Tendenzen deutscher Islam- und Nahostforschung sowie der Antisemitismusforschung untersucht. Denn Deutschland spielt aus vielerlei Gründen eine entscheidende Rolle: Die islamistischen Haupttäter des Massenmordes vom 11. September 2001 kamen aus Deutschland. Manche haben jahrelang in der Bundesrepublik gelebt, eine naive Multikulti-Ideologie hat geholfen, Entwicklungen des Islamismus zu verschlafen. Zur Geschichte des Islamismus in Deutschland werden einige Hinweise gegeben, die sowohl für weitere Detailstudien wie auch für umfassendere Arbeiten von Interesse sein könnten.

Bereits Anfang der 1990er Jahre haben sich der Psychologe Neil J. Kressel und der Journalist Adam Brodsky aus USA kritisch mit Multikulturalismus und Antisemitismus befasst:

„Die Multikulturalisten lehnen Antisemitismus oft nur ganz abstrakt ab. In völlig unkontroversen Fällen (wie zum Beispiel der Ablehnung des Neonazismus des Ku Klux Klan), stehen sie an der Seite der Juden. (…) Allerdings ist die multikul turelle Gemütsverfassung blind gegenüber dem Antisemitismus, der von nicht-jüdischen Minderheiten ausgeht, von den Armen, den Nicht-Europäern und der Linken. (…) Der Judenhass der antiwestlichen Radikalen kann bis zu Heideggers Gegnerschaft zu westlichem Rationalismus und Humanismus zurückverfolgt werden, welche ihn dazu führte, den Nazismus zu unterstützen.“[5]

Während meiner Zeit als Post-Doctoral Researcher in den Jahren 2008 und 2009 an der Yale Initiative for the Interdisciplinary Study of Antisemitism (YIISA), die zur Yale University in New Haven im US-Bundesstaat Connecticut gehörte, lernte ich Neil Kressel kennen, und wir diskutieren häufig über das Versagen der Wissenschaft bei der Analyse von Antisemitismus, sobald es um Antisemiten jenseits des neonazistischen Spektrums geht.

Worum geht es in diesem Buch? Kapitel eins und Teile der Kapitel zwei und drei untersuchen eine führende deutsche islamwissenschaftliche Fachzeitschrift (Die Welt des Islams) und deren thematische Schwerpunkte seit Ende 2001. Es werden die so modischen wie problematischen Theorien des Postorientalismus und Postkolonialismus vorgestellt. Beide Theorien sind eng mit Edward Said (1935–2003) verbunden, einem der wirkungsmächtigsten ‚palästi nensisch‘-amerikanischen Antizionisten seit 1978, als er seinen Best­seller Orientalism publizierte. Said ist einer der Erfinder der Rede von den Muslimen und Arabern als ‚den neuen Juden‘. Diese Form von Wohlfühlantisemitismus und der Verdrehung von Tätern und Opfern wird en detail untersucht.

Kapitel zwei stellt drei führende Islamisten und deren Ideologeme vor, Hasan al-Banna, Yusuf al-Qaradawi und Hassan Hanafi. Es wird untersucht, ob es angemessen ist, wenn die deutsche Islamwissenschaft diese drei wahlweise als „charismatisch“, als „moderat“ oder als „Muslim Luther“ kennzeichnet.

In Kapitel drei geht es um die Beziehung von Antisemitismus und Antizionismus, unter anderem dargestellt am Beispiel zweier Künstler, die im Jahr 2010 in Berlin ganz offenherzig Plakate mit der Überschrift „Endlösung“ verklebten.

Das vierte Kapitel stellt zentrale Aspekte der Islamismuskritik der Soziologin Necla Kelek vor. Dabei geht es um die Analyse des Kopftuches, das Hinterfragen von „Übervätern“ aller Art sowie die politische Geschichte des Islamismus in der Bundesrepublik seit 1958.

Kapitel fünf geht auf aktuelle Tendenzen der Antisemitismusforschung am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der Technischen Universität Berlin ein (Kapitel 5.1–5.4). Anschließend wird der sozialwissenschaftliche Ansatz eines Forscherteams an der Universität Bielefeld zur Untersuchung „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ analysiert: Wie kommen Forscher dazu, Antisemitismus und Judenhass (die zum Holocaust führten und mit denen heute Israel dämonisiert wird) mit der (angeblichen oder tatsächlichen) Ausgrenzung von Hartz-IV-Empfängern auf eine Stufe zu stellen (Kapitel 5.5)?

Kapitel sechs und sieben gehen auf weitere Tendenzen der Forschung ein. Zuerst wird ein Projekt junger Forscherinnen und Forscher an der Humboldt-Universität zu Berlin, geleitet von der Politologin Naika Foroutan, über „hybride Identitäten von Muslimen in Deutschland“ untersucht. Es stellt sich dabei die Frage, ob nicht gut ausgebildete Wissenschaftler mit ‚Hybridantrieb‘ womöglich mehr zur Akzeptanz, Verharmlosung oder Unterstützung des Islamismus beitragen, wenn sie die Islamkritik als „Islamophobie“ diskreditieren, als weniger ‚gebildete‘ Kreise.

Ein neuer Blick auf das Problem von Bildung, Ideologie und Extremismus ist vonnöten: Müsste es nicht in erster Linie auf die Inhalte der Forschung ankommen statt auf Abschlüsse und gute Zeugnisse? Waren nicht die Jihadisten vom 11. September auch ‚gebildete‘ Studenten an deutschen Hochschulen?

Abschließend wird in Kapitel sieben der angesprochene neue Blick auf Bildung kontextualisiert und eine Analyse der Dialektik der Bildung versucht. Daran schließt sich eine kritische Analyse des Ansatzes des Politologen Bassam Tibi an.

Historische Aspekte des Verhältnisses der Deutschen zum Islam durchziehen die gesamte Studie: Von der Beziehung des Großmuftis von Jerusalem Muhammad Amin al-Husaini zum Nationalsozialismus und der Nähe vieler in der arabischen Welt zum Antisemitismus der Deutschen sowie der Beziehung von „Halbmond und Hakenkreuz“ (Kapitel 1.4) über die Erfindung des „Jihad“ als politisches Programm einer westlichen Großmacht durch Kaiser Wilhelm II. im Ersten Weltkrieg (Kapitel 1.7.9) bis hin zur Frühgeschichte des Islamismus zu Beginn der Bundesrepublik (Kapitel 4.6) geht die Reise entlang ideologischer Linien des Islamismus bis heute.

Im Gegensatz zur beliebten, häufig langweiligen, bloßen Darstellung des Islamismus geht es in dieser Arbeit um die Analyse und Kritik auch seiner Freunde und Anhänger in der Wissenschaft. Unter der Hand entwickelte sich diese Studie darüber hinaus zu einer kleinen Geschichte der deutsch-islamischen Freundschaft von 1898 bis 2011.

Als Politikwissenschaftler bin ich kein Experte für Arabisch, Persisch, Türkisch, Paschtu, Urdu oder eine andere relevante Sprache in vom Islam dominierten Ländern. Das weckt bei manchen Fachwissenschaftlern a priori Argwohn. Eine ideologiekritische Analyse islamwissenschaftlicher Studien von Ende 2001 bis Ende 2010 in Deutschland mag aus Sicht eines Politologen einen Sinn ergeben – manchmal hilft der Blick von außen. Man kann wie ein Ethnologe sich manchen deutschen Forschern nähern und deren Arbeiten als exotisch, fremd und unbekannt untersuchen. Eine solche Herangehensweise kann erhellend sein, da die Blickwinkel andere sind.

In den letzten Jahren, insbesondere seit Ende 2008 (vgl. Kapitel fünf), gibt es verstärkt hörbare Kritik am Islamismus und der Art und Weise, wie in Deutschland damit umgegangen wird. Diese Kritik von wissenschaftlicher Seite zu untermauern, zu ergänzen und mit Quellen, Hinweisen und Analysen zu füttern: dazu möchte dieses Buch einen Beitrag leisten.

Diese Studie erhält mit dem unerwarteten Ende von Osama Bin Ladin eine Klammer und umfasst den Zeitraum vom 11. September 2001 bis zum 2. Mai 2011. Sie beleuchtet die politische Kultur und die Forschung zum Islamismus in Deutschland in diesen knapp zehn Jahren.

Die Entscheidung des amerikanischen Präsidenten und Oberbefehlshabers der Streitkräfte, Barack Obama, den al-Qaida-Chef Osama Bin Ladin zu töten, ist von großer Bedeutung. Sie steht gleichwohl in scharfem Kontrast zu Obamas umstrittener Außenpolitik.[6] Das Auffinden Bin Ladins wäre ohne die Präsenz der US Army in Afghanistan und die damalige Politik des Präsidenten George W. Bush nicht möglich gewesen. Die Aktion vom 2. Mai 2011 zeigt, dass die Vereinigten Staaten von Amerika in der Lage sind, jeden Terroristen, Massenmörder und Jihadisten an jedem Ort der Welt zu finden und seiner gerechten Strafe zuzuführen. Ob Bin Ladin allerdings „kein muslimischer Führer“ war, wie Obama sagt[7], ist mehr als zweifelhaft. Die islamistische Terrororganisation Hamas jedenfalls spricht von Bin Ladin als einem „arabischen heiligen Krieger“, dessen Tod sie betrauert.[8]

Einen ähnlichen Tenor hatten die Reaktionen auf den Tod Bin Ladins in Deutschland. Während die ansonsten selten von der herrschenden Meinung abweichende Bundeskanzlerin Angela Merkel die Tötung des Terroristen als „gute Nachricht“[9] begrüßte (und umgehend von Parteikollegen wie Philipp Mißfelder, dem außenpolitischen Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, zurückgepfiffen wurde[10]), bezeichnete im Fernsehen Jörg Schönenborn, der Chefredakteur des WDR-Fernsehens und Träger des Axel-Springer-Preises[11], in seinem Kommentator für die ARD-Tagesthemen am Abend des 2. Mai 2011 „Amerika als ziemlich fremdes Land“, das sich „nicht mehr aus eigener Stärke definiert, sondern aus Tod und Niederlage“ seiner Gegner.[12] Ein Kollege Schönenborns beim Westdeutschen Rundfunk nannte Bin Ladin am selben Tag voller Verständnis und Mitleid einen „54jährigen Familienvater“[13]; der Journalist und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Frank Schirrmacher, schmiegte sich der christlichen Ideologie an, welche es verbietet, dass Menschen von Gott geschaffene Kreaturen dem Leben entreißen, und drückte sein „Bedauern“ über die Tötung Bin Ladins aus.[14]

Das führende deutschsprachige Nachrichtenportal im Internet, Spiegel Online (SPON), sprach mit der Stimme seines Kolumnisten Jakob Augstein von Bin Ladin als einem „unbewaffneten alten Mann“, „der von Frauen und Kindern umgeben war“ und „von 79 Elitesoldaten überfallen und erschossen“ worden sei. Augstein schloss sich knapp zehn Jahre nach 9/11 den Worten der antiwestlichen indischen Agitatorin Arundhati Roy an, die schon damals von Bin Ladin als dem „dunklen Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten“ sprach.[15] Schließlich sagte die Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckart (geborene Eckart) zum Tod des meistgesuchten Terroristen, für sie als „Christin“ sei es „kein Grund zum Feiern“, „wenn jemand gezielt getötet wird“.[16] Die Beispiele zeigen ein reanimiertes, sich gut fühlendes deutsches Herrenmenschentum im 21. Jahrhundert, das sich Amerika als moralisch, philosophisch und ethisch überlegen ansieht. So wenig 9/11 in Deutschland ein Schock für Islamwissenschaftler, Feuilletonisten, Journalisten, Politiker und Nahostexperten war (weil eher offene oder klammheimliche Schadenfreude überwog), so deutlich ist in gleicher Intensität die offene oder klammheimliche Trauer ob des Todes des bekanntesten Islamisten und Jihadisten.

Das wurde schon vor dem Tod Bin Ladins deutlich: Einige Nachwuchswissenschaftler, alle zwischen 1972 und 1985 geboren, publizierten 2011 ein Buch mit dem Titel 9/11. Kein Tag, der die Welt veränderte.[17] Das Cover zeigt in gera dezu zynischer Weise den Rauch der beiden attackierten Türme des World Trade Center in New York City im Hintergrund, während im Vordergrund einige junge Menschen am gegenüberliegenden Ufer in Freizeitkleidung sich angeregt unterhalten, so, als sei der 11. September ein ganz normaler Tag gewesen. Kein einziger der zehn Beiträge des Buches befasst sich mit dem Islamismus. Entgegen aller Empirie behaupten die Autoren, in den USA bewege sich die politische Kultur seit 9/11 tendenziell in die gleiche Richtung wie schon zuvor. Dabei gehen sie völlig ernsthaft auf Themen wie „Umwelt“, „Kunst“, „Wirtschaft“ oder „Männer“ ein, und auch im Beitrag über „Religion“ wird keine Analyse und Kritik des Jihad geübt, eher werden Muslime als Opfer dargestellt[18]. Die beruflichen Positionen einiger der Autoren deuten an, dass hier ein typischer Teil der zukünftigen deutschen Elite gesprochen hat.[19] Das abstoßende Coverbild in Verbindung mit dem Inhalt zeigt an: Ein solches popkulturelles Potpourri ist angesagt.

In Wirklichkeit ist vielen Amerikanern und weiten Teilen der westlichen Welt die historische Zäsur von 9/11 bewusst. Noch nie zuvor wurde in Amerika (und auch in Europa) so intensiv (und auf ganz unterschiedlichem Niveau, häufig mit durchaus problematischem Einschlag) über Islamismus und die Bedeutung dieser spezifischen Ideologie für die USA, Europa und die gesamte Welt diskutiert wie seit jenem Dienstag im September 2001.

9/11 veränderte die Welt. Seit diesem Tag sind die westliche Zivilisation und die freie Welt herausgefordert, Gegenaufklärung, Jihad und Terror als Pro-grammpunkte des Islamismus zu erkennen und ihnen entsprechend zu begegnen.

Erschreckend sind seit Jahren Tendenzen im deutschen Feuilleton, die gleichwohl nur ein Spiegelbild der Gesellschaft sind. Da wird von „Islamophobie“ geredet, Antisemitismus mit Islamismuskritik verglichen oder gleichgesetzt, und antiwestliche Ideologen und Prediger werden mit demokratischen, pro-westlichen[20] sowie mit amerika- und israelfreundlichen Autoren in eins gesetzt.

Der Historiker und Antisemitismusforscher Wolfgang Benz (Jg. 1941) etwa, bis Frühjahr 2011 amtierender Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) an der Technischen Universität Berlin (TU), wendet sich aggressiv gegen Kritiker des Islamismus, worauf an mehreren Stellen in dieser Arbeit ausführlich Bezug genommen werden wird. Zwei der größten deutschen Tageszeitungen, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung, beschäftigen mit Thomas Steinfeld (und Andrian Kreye) bzw. Patrick Bahners als Feuilleton-Chefs jeweils gegenaufklärerische Journalisten. Bahners publizierte Anfang 2011 sein Buch Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift und meint mit ‚Panikmacher‘ nicht etwa Islamisten, die Menschen in Zügen, U-Bahnen, Bussen, Hotels, Synagogen, Flugzeugen oder auf öffentlichen Plätzen ermordeten wie in New York, London, Madrid, Djerba, Istanbul, Bali, Mumbai oder Moskau, um nur einige der Tatorte zu nennen. Vielmehr agitiert der FAZ-Feuilleton-Chef gegen Kritiker des Islamismus und Jihadismus.[21]

Die aggressiven Verteidiger des antiisraelischen, antisemitischen und den Islamismus verharmlosenden oder bejahenden Status quo, von den muslimischen „Wächtern des Islam“ (vgl. Kapitel 4) über Leiter von Forschungszentren zum Antisemitismus bis hin zu Mainstream-Journalisten, denunzieren Islamismuskritikerinnen wie Seyran Ates und Necla Kelek sowie andere (kritische) Autoren wie Henryk M. Broder, Ralph Giordano oder Matthias Küntzel als „Hetzer mit Parallelen“ (Benz)[22], „Hassprediger“ (Steinfeld)[23] oder eben „Panikmacher“ (Bahners).

Bahners „nennt viele Namen und zitiert viele Beispiele, nur eine Information verkneift er sich: wie die ‚Islamkritik‘ als Diskursgegenstand in die Welt gekommen ist. Dabei kann man den Zeitpunkt auf die Minute genau festlegen: Es war der 11. September 2001, um 8.46 Uhr New Yorker Zeit. Bis dahin beschränkte sich ‚Islamkritik‘ auf die Frage, ob man als Urlauber in Ägypten oder in Tunesien mehr für sein Geld bekommt. Der Unterschied zwischen Islam und Islamismus wurde, wenn überhaupt, in Doktorandenseminaren thematisiert. Dann kam der Tag, da Mohammed Atta die Welt das Fürchten lehrte.“[24]

Der Autor und FAZ-Redakteur Patrick Bahners (Jg. 1967) vergleicht in seinem Buch sowie in der bekannten ‚links-liberalen‘ Monatszeitschrift Blätter für deutsche und internationale Politik Heinrich von Treitschke – dessen Slogan „die Juden sind unser Unglück“ zu einem der Leitsprüche des Nationalsozialismus avancierte – mit der Islamismus- und Antisemitismuskritik des Holocaust-Überlebenden Ralph Giordano und des Publizisten Henryk M. Broder[25], dessen Eltern ebenso zufällig die Shoah überlebten.[26] Die Salonfähigkeit dieser Form von Antisemitismus zeigte sich nicht zuletzt im überschwänglichen Lob für Bahners von Seiten des Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir.[27]

Hätten zum Beispiel extraterrestrische Wesen in den Jahren 2008, 2009 oder 2010 einen Spontantrip auf den blauen Planeten nach Deutschland unter nommen und sich zunächst nur anhand von TV-Sendungen sowie durch die Lektüre des Feuilletons über die Situation der Muslime informiert, dann hätten sie den Eindruck gewinnen können, Muslimen drohe ein ‚Holocaust‘ und islamische Länder seien von der Vernichtung bedroht. Ferner hätten sie zur Ansicht gelangen können, die Polizei müsse vor jeder Moschee und jedem islamischen Kulturzentrum in Deutschland Wache schieben und die Gebäude mit Anti-Terror-Pollern sichern.

Tatsächlich müssen in Deutschland jedoch Synagogen und jüdische Kindergärten vor antisemitischen Angriffen, ausgehend vor allem von Neonazis und Islamisten, aber auch von muslimischen Jugendlichen, Kindern und anderen geschützt werden – was in Deutschland deshalb geschieht, weil es ‚dem Ansehen‘ der Bundesrepublik im Ausland schaden würde, wenn Juden und jüdische Einrichtungen offen attackiert werden könnten.

Bei der Lektüre deutschsprachiger Periodika und beim Konsum von deutschen Radio- und TV-Sendungen könnten die extraterrestrischen Wesen zu dem Schluss kommen, dass nicht etwa islamistische Selbstmordattentäter die ganze Welt in Atem halten und in Asien (z.B. in Pakistan, Afghanistan, Indien, Indonesien), dem Nahen Osten, Europa und Amerika zehntausende Menschen ermorden. Eher würden sie zum Schluss gelangen, ‚der Islam‘ oder ‚die muslimische Welt‘ seien in Bedrängnis geraten. Jihadistische Prediger loben Hitler und den Holocaust und werden von deutschen Islamwissenschaftlern gleichwohl als „moderat“ vorgestellt. Ein UN-Mitgliedsstaat wie der Iran droht Israel (das es nur „das zionistische Regime“ nennt) mit Vernichtung – doch deutsche Forscher warnen vor einem „Alarmismus“ der Kritiker.

Ein Arabist wie der Historiker Wolfgang G. Schwanitz, ein Kollege des Historikers und weltberühmten Islamwissenschaftlers Bernard Lewis[28], steht mit seinen Forschungen relativ alleine unter den deutschsprachigen Islam- und Nahostwissenschaftlern da. Es ist kein Zufall, dass Schwanitz aus Deutschland emigrierte und seitdem in den USA forscht. Er kann von rot-grünen (sozialistisch-islamischen) Achsen erzählen, von Lenin bis zur DDR. Hinzu kommen neben anderen die braun-grünen Achsen des Nationalso zialismus oder die Beziehung von Kaiser Wilhelm II. zur islamischem Welt. Siehe die von Schwanitz 2011 publizierte und mit die sem Buch korrespondierende Studie (beide sind Teil eines gemeinsamen Pro jektes) Islamismus und Euroislam. Deutsche Mitteloststudien nach 9/11.[29]

Kritik am Antisemitismus muss auf der Höhe der Zeit sein. Nach Auschwitz und der Shoah wechselte der Schwerpunkt judenfeindlicher Aktivitäten von Deutschland (und Europa) in den Nahen Osten und die islamische Welt, ohne dass mit dieser Feststellung die Bedeutung des sowjetischen Antizionismus und der seiner Satelliten unterschlagen werden sollen.

Eine islamwissenschaftliche Quelle meiner Studie ist wie erwähnt die Zeitschrift Die Welt des Islams. Sie drängte sich geradezu auf, weil dort mehrere führende Islamwissenschaftlerinnen und Islamwissenschaftler publizieren und sie eine Art Aushängeschild der deutschen Islamforschung ist. Gleichwohl gibt es eine Vielzahl anderer Quellenbestände, gedruckter wie ungedruckter, die zur Analyse deutscher Islam- und Nahostforschung prädestiniert wären: Die Aktenbestände deutsch-islamischer Kooperationen seit dem 19. Jahrhundert etwa sind von Bedeutung; hinzu kommen Zeitschriften – um nur einige zu nennen – wie Orient. Deutsche Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur des Orients[30], Der Islam. Zeitschrift für Geschichte und Kultur des Islamischen Orients[31], Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes[32], Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft[33], inamo. Informationsprojekt Naher und Mittlerer Osten[34], Spektrum Iran. Zeitschrift für Islamisch-Iranische Kultur[35], Zenith – Zeitschrift für den Orient[36] oder die Forschungen und Berichte des Ham burger GIGA German Institute of Global and Area Studies/Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien.

Eine Analyse der Forschungen und Aktivitäten der islam- und nahostwissenschaftlichen Institute an deutschen Universitäten wäre genauso eine Studie wert. Auch Texte im Umfeld der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient für gegenwartsbezogene Forschung und Dokumentation (DAVO) böten sich an. Einrichtungen wie das Zentrum Moderner Orient (ZMO) in Berlin oder einer der einflussreichsten deutschen und europäischen Thinktanks, die staatlich unterstützte Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, sollten in Zukunft ebenfalls unter die Lupe genommen werden; das ZMO wie auch die SWP werden in dieser Studie noch angesprochen. Diese Auflistung macht deutlich, dass für eine kritische Islam- und Nahostforschung viel zu tun wäre.

Es bleibt zu hoffen, dass Studien wie diese sowohl Forscher als auch andere interessierte Autoren ermuntern, Fragen zu stellen: Woher kommt die Nähe mancher heutiger Neonazis und vieler Linker zu den Islamisten und umgekehrt? Warum geht bezüglich der Vernichtungsdrohungen des Iran gegenüber Israel kein hörbarer Aufschrei durch das Land?[37] Sind nur deutsche Wirtschaftsinteressen der Grund dafür, oder ist es womöglich auch die inhaltliche, ideologische Nähe vieler Deutscher – von der Elite bis zum Stammtisch – zum Jihad, zu Antizionismus („Israelkritik“[38]) und Antisemitismus? Sind deutsche Islamwissenschaftler lediglich ein „Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können“, wie es Bassam Tibi bezüglich der internationalen Beziehungen und der Entwicklungsländerforschung Anfang der 1970er Jahre in Anlehnung an Bertolt Brechts Leben des Galilei ansprach?[39]

Der Ausgangspunkt kritischer Forschung sollte es sein, adäquate Fragen zu stellen, um sodann Antworten zu formulieren und auf Perspektiven hinzuweisen. Seit der bahnbrechenden Studie von Daniel Jonah Goldhagen über Hitler’s willing executioners aus dem Jahr 1996[40] ist die Analyse des Antisemitismus ein Schwerpunkt meiner Forschung und Publizistik.

Im Winter 2000/2001, während der zweiten „Intifada“, publizierte die Gruppe m.e.l.a.n.g.e aus Bremen die Broschüre We don’t like your love-song. Kritik des Antizionismus der Revolutionären Zellen – und anderer Linker heute. Darin ging es um eine Darstellung und Kritik des linken Antisemitismus im Zuge der Flugzeugentführung durch ein deutsch-palästinensisches Terrorkommando im Jahr 1976, die in Idi Amins Uganda, auf dem Flughafen von Entebbe, ihr Ende fand. Bei der Befreiungsaktion der israelischen Armee (IDF) für die jüdischen Geiseln kam der Kommandeur der IDF-Einheit, Yoni Netanyahu, ums Leben. Es gibt in Philadelphia ein Memorial für ihn[41], das ich zu Beginn der Arbeit an diesem Buch im Frühsommer 2009 entdeckte.

Während ich mich in meiner Dissertation (2007) mit der Salonfähigkeit der Neuen Rechten. ‚Nationale Identität‘, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970 – 2005: Henning Eichberg als Exempel befasse[42] und in meinem zweiten Buch (2009) Antisemitis mus und Deutschland. Vorstudien zur Analyse einer ‚innigen‘ Beziehung historische Aspekte des Antisemitismus wie den Rembrandtdeutschen Julius Langbehn im Kaiserreich, den katholischen Bund Neudeutschland in der Weimarer Republik sowie in den ersten Jahren des Nationalsozialismus und den Naturschutz und Antisemitismus im SS-Staat behandle[43], geht es in dieser Monografie um Islamwissenschaft und Antisemitismus nach dem 11. September 2001.

Es gibt linken, rechten, islamischen und gesamtgesellschaftlichen Antisemitismus in Deutschland. Es gilt, alle diese Facetten des Antisemitismus zu untersuchen und nicht bei der bloßen Kritik an Rechten und (Neo-) Nazis stehen zu bleiben, wie es so viele ‚Gutmenschen‘ tun. Dabei ist Kritik am Rechtsextremismus und gewissen konservativen bis reaktionären Kreisen von großer Bedeutung: der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik, der am 22. Juli 2011 in Oslo und auf einer kleinen Insel westlich der norwegischen Hauptstadt über 70 Menschen mit einer Bombe sowie Exekutionen per Schussfeuerwaffen ermordete, hat gezielt den sozialdemokratischen Regierungssitz und ein sozialistisches/linkes Jugendlager attackiert. Er hat ein Manifest mit dem Titel „2083“ publiziert, worin er seinen abgrundtiefen Hass auf „kulturellen Marxismus“ (schon diese Wortprägung trägt den Geruch des Nationalsozialismus sowie der Konservativen Revolution der 1920er Jahre und später), die „Frankfurter Schule“ (kritische Theorie) und die „Islamisierung“ Europas zum Ausdruck bringt.

Breivik ist ein stolzer Paneuropäer, das Cover seines Manifests trägt das Kreuz des Templerordens, der nach dem ersten Kreuzzug von 1096 Anfang des 12. Jahrhunderts gegründet wurde. Der Massenmord von Breivig ist eines der größten Verbrechen des europäischen Rechtsextremismus nach 1945. Auch in Deutschland gibt es viele Menschen, die sich als ‚politisch inkorrekt‘ stilisieren, von der „Islamisierung“ Europas (oder dem Ende Deutschlands etc.) daher reden und stolz auf das ‚Abendland‘ sind. Diese Leute kritisieren den Islamismus nicht wegen dessen autoritären Charakter und Antisemitismus, vielmehr z.B. aufgrund einer paneuropäischen oder ‚abendländischen‘ Ideologie, die aus rassistischen (oder/und theologischen) Motiven keine (oder nur wenige) Muslime und andere ‚Fremden‘ in Europa dulden möchte (vgl. hierzu Kapitel 1.7.2). Unter den ersten Opfern der Nazis waren 1933 (und schon zuvor) Kommunisten, Sozialdemokraten, Sozialisten, Anarchisten, Linke, Demokraten und Liberale. Der Kampf gegen den (organisierten) politischen Gegner war schon damals ein klares Ziel.

Gleichwohl muss die Verhältnismäßigkeit erkannt werden: rechte, sich ‚abendländisch‘ gebende Extremisten sind eine Gefahr, die aber nicht annähernd zu vergleichen ist mit der Bedrohung durch den (nach Atomwaffen strebenden) Iran und seine Verbündeten (Hamas, Hizballah, das derzeitige syrische Regime), den weltweit operierenden Jihad mit tausenden (selbst)-mörderischen Anschlägen allein seit dem 11. September 2001 oder der weltweit produzierten und propagierten antiisraelischen Ideologie.

Der Islamismus mit seinen beiden wesentlichen Ingredienzien Scharia und Antisemitismus ist eine der größten Gefahren für die Menschheit im 21. Jahrhundert. Der Gefahr muss man begegnen – als Bürger, Politikerin, Journalist, Wissenschaftler, Autor, Publizist sowie als Zeitgenosse.

Einleitung zu:
Clemens Heni
Schadenfreude. Islamforschung und Antisemitismus in Deutschland nach 9/11
Verlag Edition Critic, 2011
http://www.editioncritic.de/

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Kategorie(n): Kultur  Wissen 

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