30.08.2008 11:08 +Feedback
Deutschland im Weißen Haus
In den Vereinigten Staaten konkurrieren bekanntlich zwei Großparteien um die politische Macht: die Republikaner und die Demokraten. Von Deutschland aus betrachtet, kommt noch eine dritte Kraft hinzu: die deutsche Öffentlichkeit. Es handelt sich dabei vor allem um die Meinungsmacher aus dem intellektuellen Mittelstand, die nicht mehr bedingungslos links aber dafür politisch korrekt sind, und immer noch im Bewusstsein junghegelianischer Attitüde die Meinungsbildung kultivieren.
Man hat das Fundamentalistische der Siebziger zwar abgelegt, an seine Stelle trat aber kein Pragmatismus sondern der Gestus des Guten. Der Marsch durch die Institutionen hat aus dem Kämpfer einen Schiedsrichter gemacht. Man ist nicht mehr Ehrenpalästinenser, sondern Berufseuropäer. Als Berufseuropäer aber weiß man nicht nur, was für Europa gut ist, man kennt auch die Agenda vom Rest der Welt und speziell die der USA.
Die deutsche Öffentlichkeit tritt als Dritte Kraft natürlich nicht im amerikanischen Wahlkampf sondern in der deutschen Berichterstattung darüber auf. Dieser Umstand geht gelegentlich im allgemeinen Berichtsgetöse unter. Was bezweckt diese Dritte Kraft, was kann sie bewirken? Zunächst einmal funktioniert sie als Trostpflaster der machtlosen deutschen Öffentlichkeit. Indem man sich der Lageeinschätzung widmet, erweckt man den Anschein, man mische mit, zumindest aber gewinnt man diesen Eindruck für sich selbst..
Die öffentliche deutsche Betrachtung des amerikanischen Wahlkampfs sagt letzten Endes mehr über die deutsche Öffentlichkeit aus als über die politische Lage in Amerika. Man gibt sich seinen Träumen hin, als wäre man Heinrich von Ofterdingen, von Warhol porträtiert. Das deutsche Selbstbewusstsein schafft es, sogar Amerika zum Vorwand der eigenen Idiosynkrasien werden zu lassen. Hat die Begeisterung für Barack Obama auch nur irgend etwas mit der Realität zu tun? Er wäre der erste schwarze Präsident Amerikas. Na und? Wird er es, ist das gewiss ein Sieg, aber inwiefern ist dieser Sieg ein politischer?
Wenn Obama in seiner Antrittsrede als Kandidat der Demokraten auf die Sentenz, acht Jahre sind genug, zusteuert, so sagt das auch etwas über sein Programm aus: Es lebt von George Bush, und dessen martialischen Schwächen. Bei seinen Wahlversprechen wollen wir ihn der Fairness halber nicht schon jetzt ins Gebet nehmen, doch, wie er es schaffen will, jene fünf Millionen Arbeitsplätze zu schaffen und in zehn Jahren die Energie-Unabhängigkeit vom Nahen Osten zu erreichen, dürfte durchaus interessant sein, allerdings mehr als eventuelles Regierungsprogramm
Obamas Erfolg in der deutschen Öffentlichkeit beruht noch auf einem zweiten Faktor, dem, dass er den Gestus von John F- Kennedy aufgreift. Er ist sozusagen Martin Luther King und Kennedy in einer Person. Von Kennedy aber hat die Mediengesellschaft einen einzigen, recht simplen, Begriff verinnerlicht, den des kulturellen Aufbruchs. Als hätte Kennedy den Christopher-Street-Day erfunden.
So war es der deutschen Öffentlichkeit eher peinlich, das retardierende Moment in der Dramaturgie des amerikanischen Wahlkampfs, den Wettlauf zwischen Hillary Clinton und Barack Obama, begleiten zu müssen. Sich zwischen der ersten Frau und dem ersten schwarzen Mann im Weißen Haus entscheiden zu müssen, war für den politisch Korrekten der perfekte Alptraum. Dass der schwarze Mann den Wettbewerb für sich entscheiden konnte, ließ den politisch Korrekten im übrigen heimlich aufatmen. An einer weißen Karrierefrau lässt sich öffentlich immer noch mehr kritisieren, ohne die Grundsätze des Guten gefährden zu müssen, als an einem schwarzen Mann.
Angesichts des propagandistischen Stellenwerts der Hautfarbe war das Frauenthema schnell zum Nebenschauplatz deklariert. Ganz so leicht lässt sich der Gang der Geschichte aber nicht betrügen. Das einmal gesetzte Thema entwickelt unter Umständen eine überraschende Eigendynamik. Meinungsfreiheit in der Mediengesellschaft bedeutet nicht zuletzt, dass man über die Themen frei verfügen kann. So ist das Frauenthema auch wieder aufgetaucht, in Gestalt von McCains running mate Sarah Palin. Sie ist, auf den ersten Blick, das treffsichere Gegenteil der New Yorker Senatorin, und trotzdem nicht nur Mutter von fünf Kindern, Abtreibungsgegnerin und Mitglied der Waffenliga, sie ist seit zwei Jahren Gouverneurin von Alaska, und offensichtlich ebenso wenig defensiv in ihren Anliegen, wie bei uns Ursula von der Leyen.
Die deutsche Öffentlichkeit hat scheinbar ein leichtes Spiel mit Sarah Palin. Sie kann vor ihr warnen. Aber damit warnt sie ihr korrektes Publikum auch vor einer Frau. Man kann McCain zum Kalten Krieger erklären, aber eine Frau für Guantanamo verantwortlich zu machen, dürfte schwierig sein. Männer werden in der Politik gerne als Reaktionäre entlarvt, und diese Entlarvung ist ein linker Topos. Die Frauen wiederum werden meistens der Inkompetenz bezichtigt. Das aber gilt als Kritik von rechts.
Ist es nicht aufschlussreich, dass Joe Biden, der sich in seinem außenpolitischen Konzept wohl kaum von McCain unterscheidet, von Obama zu seinem Vize gewählt wurde? Im Grunde zeigt die amerikanische Kandidatenkonstellation nichts weiter als die Pattsituation, in der sich die gespaltene Nation seit Jahrzehnten präsentiert. Die einen haben einen Schwarzen mit Kennedygestus nominiert, und diesem als Ausgleich einen Seniorweißen mit deutlichen Ordnungsmachtvorstellungen zur Seite gestellt, die anderen haben einen den Neocons bestenfalls punktuell zuzuordnenden Alt-Kandidaten mit einem konservativen Plus versehen, dass ausgerechnet von einer jungen Frau eingebracht werden soll. So erscheint das Spannungsverhältnis zwischen „rechts“ und „links“, um das Sortierungsmodell der deutschen Öffentlichkeit aufzunehmen, aufgelöst in einer Dramaturgie der Auftritts, mit der vor allem um Wählerstimmen geworben wird.
Wer immer diese Wahl gewinnt: George Bush ist ohnehin abgewählt. Was aber ist mit der amerikanischen Politik? Inwieweit kann sie durch Obama verändert werden oder gar durch Sarah Palin? Die Grenzen amerikanischer Politik werden von den Grenzen des amerikanischen Modells bestimmt. Daran aber werden weder die Träume noch die Alpträume der deutschen Öffentlichkeit etwas ändern.


