Burkhard Müller-Ullrich 02.09.2010 23:21 +Feedback
Deutschland bald sarrazinfrei
Ab sofort müssen für den ganzen öffentlichen Raum neue Tragbarkeitsberechnungen aufgestellt werden. Die gesamte politische Statik dieser Republik hat sich verändert. Wenn die Meinungsäußerungen eines Thilo Sarrazin als untragbar gelten, dann muß das Spektrum des Tragbaren neu definiert werden. Richtschnur dafür ist nicht die Verfassung, sondern das Dafürhalten einer Politikerclique, die nichts liest, nichts weiß und nichts wissen will. Angeführt wird diese Clique von einer Knetgummi-Kanzlerin, einem Papp-Präsidenten und einem ahnungslosen Außenminister, der reflexhaft ‚Antisemitismus‘ ruft, wenn jemand die Juden für intelligenter hält als andere Völkerschaften.
Nichts von dem, was Sarrazin gesagt oder geschrieben hat, verstößt gegen irgendein Gesetz; daran ändern auch Hunderte von theatralisch eingereichten Strafanzeigen nichts. Auch die Bundesbank erfüllt ihre Aufgaben nicht schlechter, seitdem Sarrazins Buch erschienen ist. Sein Rauswurf zeigt nur eines: daß Politik ein Freistilringen ist, in dem es einzig und allein auf Stimmungen ankommt. Im Fall Sarrazin hat sich dieser Schaukampf weiter von jeglicher Diskurslogik abgekoppelt als jemals zuvor in unserem an Irrationalität und Irrsinn so reichen Land.
Wer in Deutschland mit Sondergewinnspannen auf dem Empörungsmarkt rechnet, der spekuliert meist richtig. Man muß nur frühzeitig auf einen Bösewicht zeigen, der etwas Unbotmäßiges von sich gibt. Sarrazin bietet sich dafür auf geradezu ideale Weise an: Er wagt es, die ständig wachsende, nicht arbeitende, sondern von Sozialhilfe lebende und diesen Sozialhilfestaat zutiefst verachtende Unterschicht etwas präziser zu charakterisieren, als gemeinhin üblich: es sind bildungsferne, integrationsresistente, kinderreiche muslimische Einwanderer – und es ist, nebenbei bemerkt, völlig egal, ob diese Negativmerkmale in den betreffenden Familien genetisch oder kulturell bedingt weitergegeben werden oder beides.
Das Erschreckende an der Causa Sarrazin ist nicht die offizielle Heuchelei, die konzertierte Blindheit der politischen Klasse. Die stürzt sich auf den Mann, um sich nicht mit seinen Themen beschäftigen zu müssen. Vor allem die Volkspartei SPD wird, nachdem sie erst kürzlich einen früheren nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten wegen Abweichlertums hinausgeekelt hat, in ihrem Säuberungswahn auch einem altgedienten Berliner Senator den Meinungsprozeß machen. Nein, das hauptsächlich Erschreckende ist die Nonchalance, mit der unsere Staatsspitze um des Gesinnungsdrucks willen alle rechtlichen Zuständigkeitsschranken niederbricht: der Bundespräsident, der als letzter über Sarrazins Entlassung zu befinden hat, regte diese im vorhinein an, und die Kanzlerin hat sie unverblümt gefordert.
Das ist der eigentliche Epochenbruch, der die Kritikkultur in Deutschland nachhaltig verändern wird.
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Kategorie(n): Inland


