Maxeiner und Miersch 21.07.2012 14:52 +Feedback
“Deutsche Journalisten sind …”
Am Donnerstag ging in Vancouver eine internationale Wissenschafts-Konferenz zu Ende, die sich mit der Alzheimer-Krankheit befasste. Ein großes Thema war dort die Entdeckung einer Gen-Mutation, die gegen die Krankheit schützt. Das könnte zur Entwicklung neuer Diagnose-Verfahren und Medikamente führen. Wie immer sollte man mit solchen Voraussagen vorsichtig sein, es kann noch lange dauern - und manchmal erfüllen sich die Hoffnungen auch gar nicht. Dennoch ist es eine faszinierende wissenschaftliche Leistung des isländischen Neurologen und Genforschers Kári Stefánsson und seiner Kollegen.
Vor etwa zehn Jahren hat Stefánsson schon einmal Schlagzeilen gemacht, besonders in Deutschland. Damals ging es um seine Firma deCODE, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Erbinformationen aller Isländer zu sammeln und zu analysieren. Das Inselvolk mit rund 300.000 Einwohnern war lange von der Außenwelt abgeschottet und bot damit ideale Voraussetzungen um genetische Ursachen von Krankheiten zu erforschen, zumal seit 1915 alle Krankenakten gesammelt wurden. Was in Deutschland zu einem Proteststurm geführt hätte, löste bei den fortschrittsoffenen Isländern Begeisterung aus. Das Interesse an Ahnenforschung ist ohnehin groß, zwei beliebige Isländer haben aber der siebten oder achten Generation bereits gemeinsame Vorfahren. Mit großer Mehrheit sahen sie kein Problem darin ihre Daten zur Verfügung zu stellen.
Umso mehr staunte Kári Stefánsson darüber, was er in deutschen Medien über sich lesen musste: „Peep Show im Wikingerreich“ titelte der SPIEGEL und malte den genetischen Überwachungsstaat an die Wand. Deutsche Medien übertrafen sich gegenseitig darin, Stefánsson als Frankenstein oder wahlweise geldgierigen Agenten der Pharmalobby zu dämonisieren. „Ausverkauf mit Gewinnbeteiligung“ schrieb die taz. Es ginge nur ums Geld verdienen, nicht um die Gesundheit der Menschen, hieß es. Ganz so als ob das ein Gegensatz sein müsste.
Kári Stefánsson, ein gewiss nicht einfacher Mensch, bezeichnet deutsche Journalisten seitdem kurz und knapp als „Arschlöcher“, „die ihre deutsche Weltsicht zum alleinigen Maßstab für die Beurteilung von Sachverhalten machen.“ Das ist vielleicht übertrieben, aber der Mann ist eben ein gebranntes Kind. Aber vielleicht kann man ja auch etwas daraus lernen. Beispielsweise, dass die deutsche Vorstellung von Zukunftsfähigkeit nicht unbedingt Zukunft hat.
Erschienen in DIE WELT am 20.07.2012

Kári Stefánsson. Foto: Tim Maxeiner

