29.09.2008 06:52 +Feedback
Des Wählers Maß
Auch in Deutschland freut man sich gerne öffentlich. Ab und zu sogar aus gutem Grund. So haben sich auch am gestrigen Abend nicht wenige gefreut. Und worüber? Über die Abwahl in Bayern natürlich. Manch einer hat sich so gefreut, dass man denken konnte, einer seiner Lebensträume sei in Erfüllung gegangen. Als sei Franz Josef Strauß persönlich, wenn auch nur in Effigie, zur Strecke gebracht worden.
Waidmannsheil! Die erlegten Platzhirsche aber sind, wie man’s auch drehen und wenden mag, doch nur die beiden aus Film und Fernsehen bekannten Hanseln mit der Maß: Beckstein und Huber. Sie haben den Aufstand gegen den Übervater Stoiber geprobt, die Palastrevolte gewonnen und das Ergebnis beim Vox-Populi-Spiel verloren. So weit, so banal.
Es ist aber noch viel banaler. War doch der vermeintliche Übervater bloß der Sekretär, der Generalsekretär des großen Toten, der die Staatskunstgesten seines Chefs, in seinem Sekretärselbstverständnis, nach dessen Tod auf Taschenspielertricks reduziert hat. Worauf haben die beiden also gezielt? Auf die Macht? Sicherlich.
Wer aber in der Politik als Erbe antritt, und das im Tandem, macht sozusagen einen echten Fehler. Er erweckt den Eindruck, die Machtfrage sei noch offen, mehr noch, sie sei ungelöst. Und so bekommt das Wahlvolk das Gefühl, mitreden zu müssen.
Wer gestern in Bayern abgewählt wurde, weiß jeder, und es ist auch kaum der Rede wert. Zumal Wahlkampf und Präliminarien zum Oktoberfest Hand in Hand gingen. Was man nicht zuletzt daran erkennen konnte, dass sogar Damen aus der Sozialdemokratie einen, zumindest auf den ersten Blick, überzeugenden Wiesn-Busen ins ungewohnte Dirndl drückten.
Mehr war da auch nicht. Und es wäre wahrscheinlich ganz falsch, die Frage zu stellen, was denn am gestrigen Sonntag nun tatsächlich abgewählt wurde. Eines der Kennzeichen der Erlebnisgesellschaft ist, alles sportiv anzugehen. Auch das Wahlrecht. Sportiv aber heißt auch spielerisch. Als wollte man als Wähler den Münchener Parlamentariern neue Rechenaufgaben bescheren: Kniffliges. Koalitionsrechenaufgaben.
Schön und gut. Aber es verrät auch den Luxuscharakter des Spiels, das getrieben wird. Es geht uns offenbar immer noch gut genug, um uns den Luxus zu leisten, die Lage, in der wir uns befinden, nicht ernst zu nehmen.
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Kategorie(n): Inland

