Maxeiner und Miersch 23.05.2010 22:38 +Feedback
Der Zeitgeist als Zensor
Eine Zensur findet nicht statt, heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes. Es gibt etliche Bürger, die das nicht so recht glauben wollen. Sie vermuten, dass Politiker, Konzernbosse, Verleger und Intendanten unliebsame Wahrheiten unterdrücken. Nach etlichen Jahrzehnten in der Medienbranche können wir bestätigen, dass es solche Zensurversuche gibt. Doch anders als Verschwörungsgläubige sich das vorstellen, sind sie auf längere Sicht fast immer vergeblich.
Ein paar Mal haben wir selbst erlebt, wie Werbekunden mit Anzeigenentzug oder Politiker mit ihrem Einfluss drohten. Verhindern konnten sie die jeweiligen Berichte nicht. Wenn sie nicht in der einen Zeitung erschienen, dann eben in einer anderen. In offenen Gesellschaften ist Informationsverzögerung möglich, ihre totale Unterdrückung kaum. So weit die gute Nachricht.
Die schlechte lautet: Viele wichtige Tatsachen bleiben dennoch unbekannt. Der Grund ist ziemlich banal: Niemand interessiert sich dafür. Brisante Nachrichten können einfach verpuffen, wenn die Bereitschaft fehlt, sie zur Kenntnis zu nehmen. Nehmen wir einmal zwei große Skandale aus jüngster Zeit, den sexuellen Missbrauch an der Odenwaldschule und den Finanzaskandal beim Berliner Verein Treberhilfe, der sich um Menschen in Notlagen kümmern soll. Beide Geschichten standen bereits vor Jahren in großen Zeitungen. Über die Geldverschwendung bei der Treberhilfe berichtete der “Tagesspiegel” 2008. Dass zumindest ein Lehrer der Odenwaldschule sich an Schülern vergriff, stand 1999 in der “Frankfurter Rundschau”.
Was niemand hören will, dringt nicht ins Bewusstsein vor. Besonders mächtig werden solche Blockaden in panischen Zeiten. Wenn Seuchen, Wirtschaftskrisen, Furcht vor Krieg oder Umweltängste die beherrschenden Themen sind, bestätigen sich alle gegenseitig und entdecken überall Anzeichen des drohenden Unheils. Berichte, die der allgemeinen Erwartung widersprechen, bleiben so wirkungslos wie das Abbrennen eines Streichholzes in der Nacht.
Zuschauer und Leser, so lernt man mit den Jahren, wollen bestätigt werden, nicht verunsichert. Und schon gar nicht soll man ihre Gefühle verletzen, auch wenn es der Wahrheit dient. Sonst schalten sie aus oder bestellen ab. Auf diese Weise entsteht bei manchen Themen medienübergreifender Konsens. Man könnte es demokratische Realitätskonstruktion nennen. Sie wirkt wie Zensur, aber es gibt keinen Zensor.
Was bedeutet das für Menschen, die sich umfassend informieren wollen? In erster Linie Arbeit. Aber die ist durch das Internet viel leichter geworden als früher. Ausländische Zeitungen oder kritische Blogs, die deutsche Konsensthemen aus anderen Blickwinkeln betrachten, sind nur noch einen Klick entfernt. Heute ist jeder sein eigener Chefredakteur - und sein eigener Zensor.
Erschienen in DIE WELT, 21. Mai 2010
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Kategorie(n): Kultur


