Dr. Oliver Marc Hartwich 08.10.2009 04:09 +Feedback
Der WDR erklärt die DDR
Zu den größten Segnungen moderner Technik gehört für mich eindeutig die Erfindung des Podcasts. Die Aneinanderreihung von Berichten, Interviews und Kommentaren aus deutschen, australischen und amerikanischen Radioprogrammen, die ich jeden Morgen auf dem Weg ins Büro höre, ist für mich längst ein fester Bestandteil des Tages geworden.
Auf einen Podcast, den ich heute gehört habe, hätte ich aber gerne verzichtet. Und zwar erinnerte der WDR-Stichtag an die Gründung der DDR vor 60 Jahren.
Was hätte es dazu nicht alles zu erzählen gegeben. Meine spontanen Assoziationen zur DDR sind Mauer, Stacheldraht und Staatssicherheit. Aber ich bin auch kein Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk.
Der WDR-Beitrag beginnt so: “Vier Besatzungszonen sind kein Land - schon gar nicht, wenn es entgegen aller Geographie drei westliche Zonen sind und eine östliche.” Worin in der Teilung Deutschlands in Ost und West eine Außerkraftsetzung der Geographie bestand, das bleibt das Geheimnis des WDR. Hatten wir uns die Teilung in Ost- und Westdeutschland nur eingebildet?
Aber halten wir uns nicht mit solchen Haarspaltereien auf, denn auch der Rest des Beitrags ist nicht besser. Da wird der DDR gleich am Anfang und ohne weitere Begründung zugestanden, dass ihre wirtschaftlichen Startbedingungen “ungleich schwieriger” waren als jene in der Bundesrepublik. Wie kann man das anders verstehen denn als eine Entschuldigung für die wirtschaftliche Katastrophe, die sich in der DDR ereignen sollte?
Im Folgenden stellt der WDR uns einige Grundbausteine der DDR vor: die Bodenreform, die Freie Deutsche Jugend und die SED. Dazu erklärt der Sprecher, dass aus zwei Parteien “kurzerhand eine gemacht” wurde. Wie man sich dieses “kurzerhand” genau vorzustellen habe, dazu gibt es kaum weitere Informationen. Dass es eine Zwangsvereinigung war, wird zwar angedeutet. Von der Verfolgung und Inhaftierung jener sich widersetzenden Sozialdemokraten erfährt der Hörer jedoch nichts.
Auch bei der Beschreibung der Wirtschaftsordnung der DDR klingt der WDR wie eine Dauerwerbesendung des SED-Zentralkomitees. Da lässt man einen DDR-Wochenschau-Bericht rühmen, dass der Aufbau der DDR-Wirtschaft “aus eigener Kraft, ohne Konzerne und ausländisches Kapital” erfolgt sei. In den westlichen Zonen, sagt der Sprecher, sei dies anders gewesen. Und der Hörer lernt, dass das Ausland, das Kapital und die Konzerne gefährlich sind.
Wie zur Bestätigung wird darauf ein weiterer DDR-O-Ton eingespielt: “Wir in der Ostzone haben den demokratischen Weg beschritten. Wir haben bei uns durchgeführt: die Enteignung der Kriegsverbrecher, wir haben die Bodenreform durchgeführt,” wohingegen “diese Bonner Regierung” praktisch nur durch das amerikanische Kapital eingesetzt worden sei.
Wer an dieser Stelle eine Klarstellung des WDR erwartet hätte, was “demokratisch” in der DDR wirklich hieß, wird enttäuscht. Auch dass die Bundesrepublik ein Marionettenregime des amerikanischen Kapitals gewesen sei, bleibt unbestritten im Raume stehen.
Danach gibt es im Beitrag noch ein paar O-Töne von Wilhelm Pieck und Erich Honecker von der Gründungsfeierlichkeiten der DDR und von ihrem letzten offiziellen Jahrestag 1989. Und das war es dann auch schon im Stichtag auf WDR 2.
Was für ein Glanzlicht der Radiogeschichte der Westdeutsche Rundfund da produziert hat. In viereinhalb Minuten über die DDR ist es ihm nicht nur gelungen, die anti-amerikanische und anti-westdeutsche Propaganda der zu Recht untergegangenen DDR zu wiederholen, sondern sie auch noch berechtigt erscheinen zu lassen.
Meine eigenen spontanen Assoziationen zur DDR mögen nicht repräsentativ sein. Aber mir bleibt es dennoch schleierhaft, wie man heute einen Beitrag über die DDR produzieren kann, in dem kein einziges Mal das Wort “Mauer” auftaucht. In dem nicht einmal von den Opfern des Regimes die Rede ist. In dem der wirtschaftliche und politische Bankrott der DDR nicht erwähnt wird.
Aber wie gesagt, ich bin ja auch kein Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk.


