Maxeiner und Miersch 17.09.2012 23:49 +Feedback
Der Schlosser und die Krähe
Die kleine Schlosserei liegt auf dem Areal einer ehemaligen Textilfabrik in Augsburg. Der Chef arbeitet seine Aufträge meist alleine ab. Zu seinen Kunden zählen Bauherren aber auch Architekten und Designer, die sich etwas besonders Kunstvolles aus Stahl machen lassen wollen. Er verkörpert jene Mischung aus Fleiß, Zuverlässigkeit, Können, Kreativität und Handwerksehre die in der Welt immer noch als typisch deutsch gilt. Dennoch ist es nicht leicht so eine kleine Werkstatt am Leben zu erhalten. Es hilft ein solider erarbeiteter guter Ruf - sozusagen das regionale Facebook. Unser Schlosser arbeitet von Morgens bis Abends. Dass ihm noch viel Zeit bleibt, um anderen zu helfen, sollte man nicht erwarten. Dafür ist doch der Staat zuständig, oder die Caritas, oder der Tierschutzverein.
Im Frühjahr fiel unserem Schlosser aus dem hundertjährigen Baum vor seiner Werkstatt ein Krähenjunges vor die Füße. Das kleine Ding war aus dem Nest gefallen und humpelte hilflos umher. Und was macht der viel beschäftigte Mann? Er baut eine Voliere und kleidet sie mit Stroh aus. Er klappert sämtliche Tierkliniken ab um ein Aufbau-Mittel für die verstauchte Kralle zu finden. Er kauft das feinste Katzenfutter und beginnt den Vogel zu füttern. Und weil so ein Jungvogel vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang alle zwei Stunden nach Katzenfutter schreit, schläft unser Schlosser die nächsten drei Monate in seiner Werkstatt, auch am Wochenende. Und den Urlaub lässt er auch ausfallen.
Die kleine Krähe wird schnell zur Attraktion für die Mitarbeiter in den Betrieben und Büros ringsum. In der Mittagspause versammeln sie sich mucksmäuschenstill um die Voliere unter dem Baum und beobachten die Fütterung. Die ersten Flugversuche wurden wie ein sportliches Ereignis gefeiert. Kinder wurden mitgebracht. Natur statt Nitendo. Inzwischen fliegt die Krähe gewissermaßen mit beiden Flügeln durchs Leben, kommt aber noch ab und zu zu Besuch. Bei unserem Schlosser ist wieder der Alltag eingekehrt, auch ohne Krähe hat er ja keine Langeweile.
Warum wir diese Geschichte erzählen? Weil wir sie ein bisschen als Gleichnis dafür empfinden, warum dieses Land noch immer so gut funktioniert. Und darüber, welche Menschen es sind, die dieses kleine Wunder vollbringen.
Erschienen in DIE WELT am 14.09.2012
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Kategorie(n): Inland Wirtschaft

