25.11.2008   19:07   +Feedback

Der Prophet

Frank Schirrmacher ist ein Prophet. Er kann nur den Verkündungsmodus: Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und wenn ihr mich gelesen habt, könnt ihr sagen, ihr seid dabei gewesen…

Natürlich tritt nie ein, was der Prophet verkündet: Seine Doktorarbeit leitete keine neue Epoche in der Kafka-Rezeption ein, Nanoroboter haben die Welt nicht in grauen Schleim verwandelt, weder haben die Frauen die Bundesrepublik noch die Alten die Welt übernommen, das Wissenschaftsfeuilleton hat Schirrmacher selbst entsorgt und – you name it, es kam erstens anders und zweitens als der Verkünder dachte. Aber so geht es Propheten halt immer. Deshalb hören sie doch nicht auf, Propheten zu sein. Wär’ ja noch schöner.
Nun (FAZ, 25. November 2008) verkündet Schirrmacher, was so wenig originell wie verantwortungslos ist, das Ende der kapitalistischen Welt, wie wir sie kennen. (Man schaudert bei dem Gedanken daran, was er 1929ff. verkündet hätte.) Dabei verfällt er in einen merkwürdigen Relativismus: „Reden wir, fast zwanzig Jahre nach Mauerfall (sic: Propheten brauchen keine Artikel) so wie einst Günter Mittag und das Politbüro und kaufen zur Beruhigung der Massen noch ein paar billige DVD-Rekorder ein?“ Nö. Völlig andere Situation. Aber Schirrmacher meint, Obama sei „ein Gorbatschow des Westens“, könnte aber zu spät kommen. Tja, dann fällt die Mauer, und alle hauen ab nach China oder was?
O, über mich spöttischen Ungläubigen! Denn „abgesehen von Kriegserwartungen wird man in der jüngsten Geschichte kaum ein Jahr finden, das ähnlich apokalyptisch aufgeladen wurde wie das Jahr 2009“. Ach ja? Wie wäre es mit dem Jahr 2000? Schon vergessen, wie alle Computer abstürzen und uns ins Chaos stürzen sollten? Wie war es mit 2003? Schon vergessen, dass der Sturz Saddam Husseins angeblich zu einem Flächenbrand im Nahen Osten führen sollte? Hier lädt nur einer apokalyptisch auf: der Prophet. Raus aus den Restaurants, ruft er, spart für die harten Zeiten, die da kommen werden. Eigentlich wollte ich tatsächlich 2009 ein bisschen sparen. Aber angesichts seiner bisherigen prognostischen Leistungen ist mir nach dem Propheten-Aufruf sehr nach Kauf eines Flachbildfernsehers zumute.
Schirrmacher ist freilich nicht der einzige, dem im Angesicht sinkender Aktienwerte plötzlich der Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus unklar wird: „General Motors war Amerikas Äquivalent zur allgegenwärtigen KPdSU – nun geht eine Ära der kapitalistischen Sinnstiftung zu Ende“ heißt es im Feuilleton der heutigen SZ, wo Adrian Kreye den Propheten-Modus (auch als Bullshit-Modus bekannt) einzuführen bestrebt ist.
Haben Sie’s nicht ne Nummer kleener? So möchte man als Berliner den atemlosen Feuilletonisten des Südens zurufen. Wir haben eine Wirtschaftskrise. Ihr wisst schon, Schumpeters produktive Zerstörung; Keynes mit seiner Forderung nach deficit spending und seinem Diktum, dass Planung auf lange Sicht Blödsinn sei, weil „in the long run we are all dead“. Die kapitalistische Demokratie ist mit ganz anderen Situationen fertig geworden – wir fürchten nicht den Fall von Mauern, wir leben davon, dass Mauern fallen.
Oder steckt hinter der penetranten Gleichsetzung von Kreml und Wall Street eine unangenehmere Absicht?


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Kategorie(n): Bunte Welt