28.04.2007   20:35   +Feedback

Der neue Mensch

Kolumne von Maxeiner & Miersch, erschienen in DIE WELT am 27.04.2007:

Die Deutschen seien zu dick, heißt es mal wieder. Neue Untersuchungen belegen es zum soundsovielten Male. Eines dieser typischen Seehofer-Themen, die von Verbänden, Behörden, Politiker, Journalisten und der Nahrungsmittelindustrie eifrig durchgekaut werden. Alle mahnen uns und wollen nur unser Bestes. Die Daueraufforderung, sich bewusst zu ernähren, kann sich selbst das eingefleischte Currybuden-Prekariat kaum noch entziehen.

Schlank und fit sein ist nur eine der zahllosen Normen aus dem Pflichtenkatalog des Zeitgeistes. Auch sportlich muss man sein, ein bisschen modebewusst und Nichtraucher sowieso. Liberal und tolerant sein gehört dazu, aber nicht im Sinne einer freiheitlichen Überzeugung. Sondern als moderate Haltung, die sich über nichts aufregt und für alles irgendwie Verständnis hat. Anpassungsfähig und flexibel ist ebenfalls wichtig.

Der Kanon der Konventionen besteht aus vielen Zutaten, deren Dosierung genau bedacht sein will: Körperbewusstsein und Spiritualität, Karrierestreben und soziales Herz, Rebellenpose und Stromlinienform. Man sollte Trivialkultur nicht wichtig nehmen, andererseits aber einen profunden Überblick über alle trashigen TV-Serien besitzen - die man jedoch „nur mal durch Zufall“ gesehen haben darf. Reichlich kompliziert. Außerdem gehört es zum guten Ton, ökologisch bewusst zu leben, ohne dabei zum sauertöpfischen Müslimanen zu werden. Wer diese feinen Regeln nicht begreift oder einfach ignoriert, fällt aus dem sozialen Mittelschichtsgefüge.

Im gängigen Geschichtsbild gelten die fünfziger und frühen sechziger Jahre als Zeit einer repressiven Spießermoral, in der es Unangepasste schwer hatten. Wir fragen uns heute manchmal, ob in dieser Zeit vielleicht mehr private Individualität zugelassen war als heute. Bei allem vordergründigen Anpassungsdruck gab es doch jede Menge Sonderlinge, Käuze und Originale. Heute funktioniert die Konfektionierung unmerklicher und reibungsloser.

Besonders unerbittlich sind die Rollenvorgaben im Tanz der Geschlechter. Lächelnd und ganz entspannt sollte eine Frau im Beruf und als Mutter Erfolg haben, dabei aber sexy bleiben. Altern ist erlaubt, aber nur so wie es die grauhaarigen Modelle aus der Dove-Reklame vormachen. Der zeitgemäße Mann muss aus mindestens zwei Dutzend genauestens austarierten Eigenschaften bestehen, die er im Minutenwechsel abrufen kann. Zum Kernbestand gehören, „einfühlsamer Zuhörer“, „Latin Lover“, „erfolgreicher Versorger“ und „lustiger Papi“. Das Umschalten sollte möglichst schnell und geschmeidig von Statten gehen. Film und Fernsehen halten uns auf dem Laufenden, wie gelungene Erotik und glückliches Familienleben auszusehen haben. Es ist nicht leicht, alle Regeln immer parat zu haben.

Ursprünglich war der rundum perfektionierte „neue Mensch“ ein Lieblingsprojekt totalitärer Bewegungen. Er soll, je nach ideologisch-religiöser Ausrichtung mal rasserein, mal altruistisch, mal gottergeben sein. Jedenfalls von Grund auf anders, als der alte Adam, der sich durchs Leben wurstelt und nach seinem persönlichen Vorteil schielt. Doch meistens währt der erzieherische Erfolg nur kurz, dann wird die heroische Selbstüberwindung wieder von Trägheit und Eigennutz abgelöst.

Das totalitäre Konzept des neuen Menschen ist den meisten Bürgern offener Gesellschaften ein Graus. Individueller Lebensentwurf und Glückssuche nach eigenem Gusto gehören untrennbar zur Freiheit. Konformismus braucht jedoch keine Diktatoren. Die liberal-kapitalistische „neuen Menschen“ formen sich gegenseitig und betrachtet die Resultate als Ausdruck ihrer Individualität. Es gibt jedoch zum Glück einen entscheidenden Unterschied. Mit etwas Selbstbewusstsein und einem Quäntchen Sturheit kann man in der offenen Gesellschaft einfach „alter Mensch“ bleiben, ohne zur Umerziehung geschickt zu werden.


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Kategorie(n): Kultur