04.08.2008   04:36   +Feedback

Der Kiosk siegt über Karadzic

Als Radovan Karadzic jetzt, nach 13 Jahren auf der Flucht, der Öffentlichkeit als Festgenommener präsentiert wurde, war über ihn längst alles gesagt. So war auch nur am Rande von seinen Verbrechen die Rede und mehr von seinem Leben im Untergrund.

Schon sein überraschendes Aussehen prädestinierte ihn zum Akteur der Titelseiten. Die Sensation bestand nicht in seiner Festnahme, sondern in der Geschichte seiner Tarnung. Der Massenmörder als Wunderheiler, das war geradezu unerhört. Leute folgten seinen Spuren – nennen wir sie Journalisten - und bald schon stand fest, zumindest für den Augenblick, der Mörder war unter uns.

Nicht nur dass er in Belgrad in einem unauffälligen Wohnblock logierte und seinen mehr oder weniger esoterischen Betätigungen nachging und - wie aufregend normal - sogar Straßenbahn fuhr, nein, nicht nur das, er hielt sich, so wurde berichtet, über längere Zeit in Wien auf. O Gott!

Dieses Detail war so hilfreich, dass es von der Boulevardpresse erfunden worden sein könnte. Es wurde aber nicht von ihr erfunden. Wenn es erfunden wurde, wurde es bestenfalls von ihren Lesern erfunden.

Nicht wenige unter ihnen dürften in diesen Tagen in ihrem Gedächtnis gekramt haben, in der vergeblichen Hoffnung dort auf eine Begegnung mit dem Mörder zu stoßen. Hinweise aus der Bevölkerung nennt es die Polizei bei laufenden Ermittlungen.

Hinweise aus der Bevölkerung machen bekanntlich Schlagzeilen. Die Macht des Boulevards besteht darin, dass er alles in seine Form bringt. Nichts ist wirkungsvoller als die Abstraktion, die faktisch jeder Geschichte die Moral zu entziehen weiß, und damit jede Einzelheit zum probaten Gerücht werden lässt. Der Boulevard ist das Panoptikum der Mediengesellschaft. Wenn er den Zeigefinger erhebt, ist es jedes Mal auch der Zeigefinger des Lesers. Als wäre die Geschichte identisch mit der Moral von der Geschichte und der ganze Boulevard nichts weiter als eine Trivialisierung der Moderne, die so die Frage der Gerechtigkeit zum Fragebogen stilisiert.

Auch Karadzic wird auf diese Weise zum Gegenstand der Berichterstattung. Er ist zunächst einmal prominent. Und damit ein Objekt des Spießers, dem nichts Weltbewegendes zustoßen wird, weil seine Lebensstrategie darin besteht, dem Weltbewegenden auszuweichen. Darin besteht der Kollateralschaden der Existenzsicherheit.

Diese Situation weist den Spießer in die Schranken, mehr noch, sie verdammt ihn zum Leser.

Indem der Spießer die Sicherheit wählt, macht er nicht nur den Opportunismus zur Lebenshaltung, wie ihm immer wieder vorgeworfen wird, er verliert auch den Respekt vor der Größe. Zumindest vor deren Kriterien. Wer das Wohlverhalten kultiviert, kann auch den Mut nicht mehr zuordnen. Der Bergsteiger, der Mörder und die Geisel haben damit für den Spießer den gleichen Status. Man merkt sie sich.

Wer aber jemals, und sei es auch nur in der Straßenbahn, neben einer dieser Merkfiguren gestanden hat, der erscheint plötzlich von der Geschichte verstrahlt, jedenfalls für die Schreckminute, in der ihn das Fernsehen in der Fußgängerzone befragt.

Karadzic? Ja, der ging bei uns ein und aus. Aber wer konnte das schon ahnen? Ja, wer? Vor seiner Mörderkarriere war der Mann Psychiater und Freizeitpoet. Mitglied des bosnischen Schriftstellerverbandes in Sarajewo. Eine ganz gewöhnliche Erscheinung. Nicht der Rede wert.

Nun ist er in Den Haag. Und sieht wieder wie Karadzic aus. Wie Karadzic, der Mörder, der auf einen Anwalt verzichten will. Die Botschaft: Ich erzähle es euch selbst. So bleibt er in Kontakt mit seinem Publikum und dem Boulevard erhalten. Und die Beteiligten kommen sich wie in einer großen kollektiven Erzählung vor, die täglich kollektiv entsorgt wird, pünktlich mit der Belieferung des Kiosks am frühen Morgen.


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Kategorie(n): Ausland  Kultur