03.08.2012   22:41   +Feedback

Der goldene Schlagschrauber

In der vergangenen Woche machte eine PR-Meldung des Akkuschrauber-Herstellers Bosch die Runde. Einer repräsentativen Forsa-Umfrage zu Folge warten durchschnittlich neun Schrauben pro Haushalt darauf, endlich bis zum Anschlag festgedreht zu werden, was sich in Deutschland zu einer beeindruckenden Zahl von 348 Millionen lockeren Schrauben addiert. Wir wurden zwar nicht gefragt, geben hiermit aber zu auch ein paar Schrauben locker zu haben, nicht nur im Haushalt. Wir werden uns umgehend einen Bosch-Schrauber anschaffen um das Malheur zu beseitigen. Anschließend werden wir das Gerät an Bedürftige spenden, daran besteht in diesem Land ja kein Mangel. Wir erwägen sogar die Vergabe eines „goldenen Schlagschraubers“  an besondere Härtefälle. Ein solcher bahnt sich gerade in Nordrhein-Westfalen an, wo die Schrauben nicht nur locker sondern auch verstrahlt sind.

Seit Monaten schwelt dort ein Streit, wie mit den ausrangierten Brennelementen des stillgelegten Forschungsreaktors in Jülich umgegangen werden soll. Der ursprüngliche Plan lautete sie mit einem Castor ins 180 Kilometer entfernte Zwischenlager Ahaus zu verfrachten, was unter normalen Umständen in einem normalen Land an einem Tag zu bewältigen wäre. Nicht so bei uns.  Transport und Aufbewahrung seien „teuer, sinnlos und unsicher“ tönt die Landesregierung in stiller Eintracht mit Atomkraft-Gegnern, die selbst dafür sorgen, dass dies so ist, schließlich müssen tausende von Polizisten zur Bewachung des Transports eingesetzt werden, um die Herrschaften davon abzuhalten, sich vor der Lokomotive anzuketten.

Wegen der Angst aller Beteiligter vor erneuten Castor-Festspielen,  steht jetzt eine bemerkenswerte Lösung im Raum. Die Brennelemente stammen ursprünglich aus USA und sollen jetzt im Zuge eines „Repatriierungsverfahrens“ auch dorthin zurück transportiert werden. Die Amerikaner sind grundsätzlich bereit das Zeug zurückzunehmen und haben ein entsprechendes Programm, das allerdings eher für Wackelstaaten gedacht ist, in denen es in falsche Hände kommen könnte. Proteste sind in USA nicht zu erwarten, weil die dortige Bevölkerung nicht unbedingt ihren Lebenszweck darin sieht, notwendige Atomtransporte zu verhindern. Für die hiesigen Aktionsbündnisse wird es hingegen ein großartiger Erfolg sein, dass das hochradioaktive Material nicht über 180 sondern über 7000 Kilometer transportiert zu sehen, was natürlich entschieden billiger, sinnvoller und sicherer ist.

Erschienen in DIE WELT am 03.08.2012

(Maxeiner und Miersch)


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Kategorie(n): Inland  Bunte Welt 

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