Gastautor 02.10.2012 23:08 +Feedback
Der gelbe Terror
Eran Yardeni
Die Frage, inwieweit die Deutsche Post mit der Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Herzinfarkts korreliert, wurde noch nicht geforscht. Und warum auch? Schließlich geht es hier nur um eine ziemlich zuverlässige, effektive Maschinerie, mit nicht weniger als 424.351 Mitarbeitern, die Briefe und Pakete von einem Punkt zum andern transportieren. Als solche ist die Deutsche Post „wertfrei“, d.h. für den Inhalt der Briefe und der Pakete, die sie täglich hin und her weiterleitet, kann sie nichts. Korrekt, gefühllos, präzis und vor allem gleichberechtigt werden die zu transportierenden Objekte behandelt. Diese weltweite Maschinerie erkennt keinen Unterschied zwischen einer anwaltlichen Mahnung, polizeilichen Vorladung und einem harmlosen Glückwünsch zur Silberhochzeit. Solange die Adresse stimmt und das Porto bezahlt ist, sind alle Menschen vor dem Postboten gleich. Mit anderen Worten: Die Deutsche Post ist der GREAT EQUALIZER der deutschen Gesellschaft. Und darauf sind wir alle stolz.
Die Tatsache, dass ich jeden Tag Angstanfälle bekomme, begleitet von kaltem Schweiß, bevor ich die rostige Klappe meines Briefkastens aufschließe, kann nur mit meiner kranken Psyche zu tun haben. Vor ca. einer Woche aber habe ich erfahren, dass ich nicht alleine leide, dass Millionen von Deutschen sich die tägliche Begegnung mit dem Briefkasten ersparen würden, wenn sie nur könnten. Um zu verstehen, was ich meine, muss man bei Google „Brief per Einschreiben“ angeben. Wer mutig genug ist, soll das einfach mit „Zusatzleistung / Inkasso“ probieren, dann ist die Hölle los. Lass uns aber am Anfang beginnen.
Die Art und Weise, wie Menschen mit ihrer Post umgehen, ist natürlich kulturell bedingt und kann uns viel über die Vielfältigkeit der Menschheit beibringen. In Israel z.B. sind die Leute ein bisschen misstrauisch und neigen dazu Briefe per Einschreiben zu schicken, vor allem wenn man etwas an Verwandte im Ausland schickt. In Deutschland, wo ein notariell beglaubigter Immobilien-Kaufvertrag ganz normal geschickt wird, ist es sehr ungewöhnlich.
Vor ca. einer Woche kam ich gut gelaunt zurück nach Hause und fand in meinem Briefkasten einen gelben Zettel von DHL. betitelt mit dem vielversprechenden Satz: „Ihre Sendung ist da!“ Ziemlich erstaunt, weil ich keine Sendung erwartete, las ich weiter. Angekreuzt war: „Brief mit Zusatzleistung / Inkasso“ und unter Zusatzleistung „Einschreiben“. Wer der Absender ist, wollte die Deutsche Post bzw. DHL mit diesem Zettel nicht verraten. Den Brief übrigens kann erst am nächsten Tag abgeholt werden. Mit anderen Worten: Herzlich Willkommen zum Reich der Ungewissheit!
Mich hat vor allem das Wort Inkasso ziemlich gaga gemacht. Was habe ich mit Inkasso zu tun? Schulden habe ich nicht, und im Internet habe ich auch gar nichts bestellt oder gekauft. Und warum überhaupt per Einschreiben?
Um mir über dieses skurrile Abendteuer ein bisschen Gewissheit zu verschaffen, rief ich die DHL-Kundenbetreuung an, fest entschlossen, die anonyme Identität des Absenders herauszufinden. Helfen konnten sie mir nicht. Inzwischen erzählte mir meine Nachbarin, eine alte nette Dame mit österreichischen Wurzeln, was genau Inkasso bedeutet, und fragte danach ob ich vielleicht Wasser trinken möchte, weil ich blass und leblos aussehe.
Um Trost zu finden, suchte ich mein Glück im Internet. Zuerst war ich ziemlich erstaunt zu sehen und zu lesen, wie viele Mitbürger und Mitbürgerinnen sich genau in meiner Situation befinden. Sie haben alle einen gelben Zettel mit der Rätselschrift „Zusatzleistung / Inkasso/Einschreiben“ bekommen und wissen weder, wer der Absender ist, noch was sie damit anfangen sollen. Information, die meine persönliche Tragödie aufklären oder wenigsten mildern konnten, habe ich in den zahllosen Foren zwar nicht gefunden, dafür aber eine Art von Zugehörigkeitsgefühl. Mir war es klar, dass ich nicht alleine bin, dass ich zu einer nicht gerade kleinen Gemeine von anonymen Soldaten gehöre, die im Schatten des gelben Terrors nach normalem Leben streben.
Meine Freunde waren auch nicht hilfreich. Genau wie ich, wussten sie auch nicht, was es sein könnte und haben ihre innere Unruhe mit komischen Fragen artikuliert, wie z.B: Bist du sicher, dass du in keinem Unfall verwickelst warst?
So musste ich die ganze Nacht schlaflos durchhalten, nur um am nächsten Tag zu erfahren, dass die Schwester meiner Frau uns einen selbstgebastelten Glückwunsch zum neuen jüdischen Neuen Jahr ahr schickte. Und weil sie sicher sein wollte, dass unser Jahr tatsächlich gut beginnt, schickte sie ihr Kunstwerk per Einschreiben. Dass die deutsche Post, aus irgendwelchen Gründen, die Identität des Absenders verschweigt, dass der Zettel von DHL genau so nett formuliert ist, wie ein Liebesbrief von Al Capone, das konnte sie natürlich nicht wissen.
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Kategorie(n): Inland

