Unterstützung für Achgut

  25.07.2011   13:04   +Feedback

Der Attentäter als Möchtegern-Medienkritiker

Die Horrortat von Anders B. Breivik – ein warum, viele Antworten. Thomas Steinfeld verweist in der SZ zurecht darauf, dass der einfache Schluss, Breivik müsse wahnsinnig sein, allein nicht ausreicht. Geht man einen Schritt weiter, ist schnell die Erklärung geliefert, eine auf Aversionen bauende Ideologie tendiere immer ins Extreme und damit zum Massenmord. Wer so argumentiert, versucht, der Tat mit den Mitteln der Ideologiekritik beizukommen. Das ist legitim, blendet aber einen anderen verqueren Mechanismus in Breiviks Denken aus: den Versuch, sich der Strukturen der Mediengesellschaft zu bedienen, und eine tief verankerte mediale Paranoia.

Breivik und andere Attentäter von rechts und links begründen ihre Aktionen mit Argumenten aus der Welt der Öffentlichkeitsarbeit. Man wolle „aufmerksam machen“, die Menschen „wachrütteln“, eine „Botschaft senden“. Er sieht sich als Verkünder einer Message, welche „die Medien“ nicht zulassen. Auch sein im Internet kursierendes 1500-Seiten-Manifest beginnt mit einer Schelte der „MSM“ (Mainstream-Media). Hier liegt die Paranoia. Denn Breivik sieht die „MSM“ als derart gleichgeschaltet, dass sie bestimmte Botschaften einfach nicht vorkommen lassen.

So entsteht ein perverses Selbstverständnis des Attentäters als Schaffer von Öffentlichkeit für eine Position, die in einem gefühlten medialen Kartell unterdrückt wird. Weil diese Unterdrückung so umfassend ist, glaubt er, zu extremen Mitteln greifen zu müssen, um sie zu umgehen. Hierin besteht eine Parallele, aber auch ein Unterschied zu islamistischen Attentätern. Medial ausgegrenzt fühlen diese sich auch. Und sie opfern unter Umständen sich selbst. Primär aber zielen ihre Attentate auf ihre angenommenen Feinde.

Breivik hingegen opfert norwegische Jugendliche und damit Menschen, mit denen er eigentlich sympathisiert – um auf diese Weise endlich doch einmal ein „Signal“ zu senden. Das Attentat ist in diesem Sinne das schlimmste Resultat mediengesellschaftlicher Hysterie. In ihr herrscht ständig die Angst, nicht gehört zu werden. Weil er von dieser Angst zerfressen wurde, versteht jemand wie Breivik seine Wahnsinnstat als massenkommunikativen Akt – und sich selbst als Medienkritiker.

()


Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Kultur 

Helfen Sie uns Die ACHSE DES GUTEN noch besser zu machen
und auszubauen!

Spendenkonto
Kontonummer: 4893891
Augusta-Bank, Augsburg
Bankleitzahl 720 900 00
Internationale Bankleitzahl BIC GENODEF1AUB
Internationale Konto-Nr. IBAN DE93720900000004893891

Google-Anzeige