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  25.03.2009   08:44   +Feedback

Der 68er Mittwoch

„Mit Hegel, also vormarxistisch betrachtet, kann man sagen, dass die Befreiung des Bewusstseins die Gegenstände des Denkens verändert. Das hat Marx aufgenommen. Das kapitalistische Naturgesetz beruht auf der Bewusstlosigkeit der Beteiligten. Mit dem Verschwinden dieser Bewusstlosigkeit verschwindet auch das Naturgesetz in seiner repressiven Form, und so ist in der falschen Gesellschaft doch die richtige drin, bloß in der falschen Form, in der bewusstlosen Form.“
Das sagt Rudi Dutschke, 1968, in Enzensbergers Zeitschrift „Kursbuch“.

Was ist eigentlich von 68 übrig geblieben, außer der immer wieder aufflammenden 68er Debatte?

Zugegeben, damals wurde ein Martin Luther King ermordet und heute ist ein Obama amerikanischer Präsident. Aber dieser Obama ist auch nicht Martin Luther King.

Ach ja, der Iran! Ist die damalige Inkarnation des Bösen, das Lotterreich des Schah, nicht unter dem 68er Beifall von der korrupten Modernisierungsdiktatur zur islamischen Tschador-Republik mutiert? Vom Elektroschock zur Steinigung?

Richtig, der Vietnam-Krieg ist Geschichte, was aber ist mit der Achse des Bösen? Ohne sie gebe es auch uns, die Achse des Guten nicht, und das wäre doch schade. Es wäre wie „in Pudding sterben“.

Springer liefert ungestört aus? Immer noch? Die Ex-Störer und ihre nützlichen Zaungäste sitzen schließlich im Springerhochhaus.

Die Straße vor dem Springerhochhaus in Berlin heißt zwar Axel- Springer- Straße, aber sie grenzt an die Rudi-Dutschke-Straße, die auf Betreiben der benachbarten „taz“, die mit der Tatze, zu ihrem Namen kam. Das Falsche im Richtigen oder das Richtige im Falschen?

Auch im „taz“-Gebäude sitzen Ehemalige und ihre Adepten. Im Grunde könnte man die Kantinen von Springer und „taz“ problemlos zusammenlegen. Käme das „taz“-Urgestein Christian Semler, ehemals Gründer der KPD/AO, vorbei, er würde eventuell auf Thomas Schmid, WELT-Chefredakteur und Miterfinder des „Revolutionären Kampfs“ in Frankfurt, und bei Opel, treffen.

Egal, wie man die Sache angeht, die „taz“ ist und bleibt selbstverständlich das erfolgreichste Bewusstseins-Produkt der 68er Nachfolge. Von ihr geht seit vielen Jahren eine wahre Journalistenmigration aus. Die „taz“ ist als Praktikantenschule der Schlagzeile, die selbstbewusste Mutter des Puddings. Seine Kaderschmiede.

Man erlernt dort nicht nur Schreibweisen, man erfährt auch die entsprechenden Denkmuster. Das 68er Schema, die Koordinaten des postrevolutionären Wohlverhaltens. Von der „taz“ kommt man seit Jahrzehnten über all hin. So ist unsere Gesellschaft auf den ersten Blick unverändert, sie weist auch alle Merkmale einer zeitgemäß ausdifferenzierten Gesellschaft auf, sie ist wie von Bourdieu gemalt.

Der feine Unterschied, auf den es ankommt, besteht darin, das bei allem, was dazu gehört, 68 davorsteht. Wir haben die 68er Linke und die 68er Rechte, und wir haben die 68er Mitte. Wir haben die 68er Oberschicht und die 68er Unterschicht. Den 68er Steuerfreibetrag und den 68er Sozialstaat. Eine 68er CDU, eine 68erKirche und eine 68er Polizei. Ein 68er Matriarchat und ein 68er Patriarchat, das naturgemäß mächtiger ist als das 68er Matriarchat.

Wir haben eine verkäufliche 68er Belletristik und einen kompletten 68er Lebensstil. Dieser beruft sich auf das 68er Italien und auf das 68er Südfrankreich. Savoir vivre, Vietcong!

Wir haben auch noch die guten alten 68er Negerküsse, die Mohrenköpfe, und das 68er Weihwasser dazu. Den vielbeachteten 68er Antisemitismus, der eigentlich ein Antizionismus ist. Und vieles mehr. Nicht zuletzt den 68er Verrat. Götz Aly, der über die Erfahrungen mit dem Verratsvorwurf referiert. Permissiver Stalinismus oder auch nur Pudding?

Was aber haben wir unterm Strich? Unter dem Strich haben wir die 68er Gleichschaltung, die keinen Namen hat, und auch keinen haben will, die sich stillschweigend einzurichten wusste, in unserer Demokratie, im Richtigen wie im Falschen, in der Opportunität eines Weltbildes.

Das Ergebnis: Selten haben Opportunismus, Karneval, Selbstzensur und Jux ein größeres Ausmaß als in unserer heutigen postachtundsechziger Gesellschaft erreicht. Brechts „Maßnahme“ ist in der Inszenierung von Dieter Bohlen zu sehen.

Es gibt zwar Schlimmeres, als im Pudding zu sterben, aber es gibt auch einen schöneren Tod als diesen. Vom Leben wollen wir gar nicht erst reden.

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Kategorie(n): Inland  Kultur 

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