11.01.2013   19:16   Leserkommentare (0)*

Demokratie für 17,98 Euro

Es gibt verschiedene Versuche, die GEZ-Gebühren schön zu reden. Der Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Fernsehrates Ruprecht Polenz versuchte es auf die eher ungeschickte Art und jubelte darum auf Facebook in der Manier eines Staubsaugervertreters: „EINE WOCHE ZDF KOSTET 1 (EINEN) EURO (einschließlich ZDF_neo, ZDF-Info und ZDF-Kultur sowie der ZDF-Anteile an Phoenix, KiKa, Arte und 3sat).“

Woraufhin sich folgender Dialog entspann:

Gideon Böss: Eine Woche kostet also 1 Euro, sind dann ab Januar nur noch 4 Euro GEZ-Gebühren pro Monat fällig?

Ruprecht Polenz:  ja, für’s ZDF. Auch der Anteil für die ARD, den Deutschlandfunk und die Landesmedienanstalten bleibt unverändert.

Gideon Böss: Super, also kann ich ab 01. Januar die 4 Euro ZDF-Option wählen und auf ARD verzichten? Dann mache ich das doch direkt so.

Ruprecht Polenz: ich würde mir am Kiosk am liebsten auch nur Ihre Kolumnen aus der Welt ausreißen und dafür anteilig 10 Cent bezahlen.

Gideon Böss: Also gibt es das 4 Euro-Paket nicht, das Sie hier bewerben? Warum bewerben Sie es dann?

Darauf reagierte der Staubsaugervertreter nicht mehr. Das Gespräch war beendet. Seriöse Produkte muss man jedenfalls nicht auf diese Art bewerben, denn zu den 4 Euro kommen natürlich noch einmal 13,98 Euro im Monat dazu, die ARD muss schließlich auch von irgendetwas sehr gut leben. Dass Polenz außerdem den Kauf der WELT mit den ARDZDF-Gebühren gleichsetzt, zeigt, dass so mancher GEZ-Lobbyist nicht mehr den elementaren Unterschied zwischen Freiwilligkeit und Zwang erkennen kann oder will.

Jörg Schönenborn, der WDR-Chefredakteur, ist da schon einen eleganteren Weg gegangen und erklärte die GEZ-Gebühren zu einer Demokratie-Abgabe. Es ist nicht klar, woher diese Idee stammt, aber sie muss schon ziemlich lange in den Rundfunkhäusern kursieren. Als ich 2010 an einer Führung durch das ARD-Hauptstadtstudio teilnahm, wurde auch davon gesprochen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender eine Antwort auf die zwei deutschen Diktaturen wären, die beide sofort die Presse unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Was aus Leuten wie Florian Silbereisen oder Simone Thomalla dann wohl so etwas wie eine gebührenfinanzierte Antifa macht.

Einmal davon abgesehen, dass das Personal der GEZ-Sender bis hinunter zur Putzfrau auf ihre jeweiligen Parteibücher hin durchleuchtet werden, damit keine der führenden Parteien sich diskriminiert vorkommen muss,  fragt man sich wirklich, was ARD und ZDF am Tag X machen würden, wenn der nächste Adolf Mielke kommt. Dass ausgerechnet das staatsnahe Fernsehen im Fall der Fälle die letzte Bastion der Opposition sein würde, darf man jedenfalls bezweifeln. (Zumal das Personal im Umgang mit Diktatoren ohnehin kläglich scheitert, wie dieses Interview zeigt.)

Vielleicht sollte man die ganze Angelegenheit etwas nüchterner und ehrlicher betrachten. Der Spaß kostet keine 4 Euro im Monat, sondern 17,98 Euro, er stärkt auch nicht die Demokratie, sondern sichert einigen Tausend Leuten ihren Arbeitsplatz und macht einige Dutzend von ihnen zu Millionären. Außerdem ist ein staatsnahes Fernsehen auch im Interesse der Politik, weil es besser zu kontrollieren ist als reines Privatfernsehen.

Von daher haben sowohl Journalisten als auch Parteien ein Interesse am aktuellen Zustand, an dem sich solange nichts ändern wird, bis der gesellschaftliche Druck so groß ist, dass die Politik diesen Deal auf Kosten der Bürger aufkündigt. Das wäre dann auch nicht das Ende der Demokratie in Deutschland, darauf würde ich mit Herren Polenz und Schönenborn sogar um 4 Euro wetten.

Gideon Böss schreibt den Blog Böss in Berlin für DIE WELT und twittert unter twitter.com/GideonBoess

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Kategorie(n): Inland  Kultur 

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