Vera Lengsfeld 20.01.2012 14:12 +Feedback
Das System - Stasi und Wirtschaft heute
Das ist der beste deutsche Film seit „Das Leben der Anderen“. Die Presse verteilte Höchstnoten für das Regiedebüt von Marc Bauder. Der jugendliche Hauptdarsteller Jacob Matschenz , der männliche Nebendarsteller Bernhard Schütt, die Kamerafrau Daniela Knapp wurden für den Deutschen Filmpreis nominiert. Dennoch wird der Film, den man mit Fug und Recht einen Politthriller nennen kann, bisher nur in wenigen Studiokinos gezeigt. Nichts deutet darauf hin, dass sich dies noch ändert.
Offensichtlich liegt das am äußerst brisanten Filmstoff. Es geht darum, dass die DDR-Vergangenheit bis heute auf unheimliche Weise lebendig ist.
Mike, ein junger Mann, Anfang zwanzig, der mit seiner verwitweten Mutter in einer Rostocker Plattenbausiedlung lebt und dabei ist, sich zum Kleinkriminellen zu entwickeln, bricht eines nachts in das Haus des Wirtschaftsbosses Konrad Böhm ein und wird ertappt. Der Mann erkennt ihn als Sohn seines verstorbenen Freundes und Mitstreiters im Bereich Kommerzielle Koordinierung, das Imperium des DDR-Devisenbeschaffers Schalck-Golodkowski, der bis heute unbehelligt am Tegernsee seinen Ruhestand genießt.
Schalcks junge Garde der 80er Jahre ist dagegen immer noch aktiv, vor allem in der Wirtschaft. Die Devisenbeschaffer von einst, die das dringend benötigte Westgeld auch durch Waffenhandel generierten, zocken heute Fördermittel ab. Um an die begehrten staatlichen Aufträge zu kommen, setzten sie Druckmittel aus den rechtszeitig beiseite geschafften Stasiakten ein, die ihre Verhandlungspartner zum Einlenken zwingen.
Mike wird von Böhm unter Anwendung aller vom ehemaligen Stasioffizier beherrschten Manipulationen in den Kampf um das große Geschäft mit den Aufträgen zum Bau der russischen Gaspipeline nach Westeuropa hineingezogen. Böhm, der in Mike ein Widergänger seines verstorbenen Freundes sieht, scheint Recht zu behalten. Als Mike durch Zufall erfährt, dass ein widerspenstiger Verhandlungspartner, der nicht mit seiner Vergangenheit zu erpressen ist, im Hotel Neptun Warnemünde, in dem Schalck einst über eine eigene Suite verfügte, regelmäßig mit einem jungen Mädchen fremd geht, dringt er in das Zimmer ein und schießt die kompromittierenden Fotos, die benutzt werden, um den Widerstand zu brechen.
Das Vertrauen in Mike ist danach so groß, dass Böhm ihm sogar in das geheime Stasiaktenarchiv mitnimmt. Hier hat Jürgen Holtz, der es tatsächlich schafft, dem ehemaligen Stasi-Chef Mielke ähnlich zu sehen, als Wärter des Aktenschatzes seinen großen Auftritt.
Je mehr Mike jedoch über die wahre Identität und die Geschäfte seines Vaters erfährt, desto nachdenklicher wird er. Anfangs rebelliert er noch gegen seine Mutter, hervorragend gespielt von Jenny Schily, die versucht, ihren Sohn von Böhm fernzuhalten.
Mikes Zweifel werden aber immer größer. Zum Schluss findet er den Beweis, daß der von ihm bewunderte Böhm es war, der seinen Vater 1989 auf seiner Flucht nach Dänemark als Verräter hingerichtet hat. Das ist nur der grobe Umriss einer haarsträubenden Geschichte, die zwar fiktiv, in allen Details aber wahr ist.
Das Drehbuch entstand nach jahrelanger Recherche über die Verquickung von Stasi und Wirtschaft und Politik und Wirtschaft. In einem Interview bringt Bauder als Beispiel, dass
„Matthias Warnig, der Vorstandsvorsitzende der NordStream AG – die die Ostsee-Pipeline betreibt – bis zum Mauerfall für die Auslandsaufklärung des MfS gearbeitet hat. Was ich aber viel spannender finde, ist, dass er gleich 1990 von der Dresdner Bank angeworben wurde, um für sie das Bankengeschäft in Russland aufzubauen. Er besorgte prompt die erste Banklizenz für Ausländer in St.-Petersburg – Im Rathaus damals zuständig: Wladimir Putin. Das nur als eines von vielen Beispielen zum Thema Kontinuität von Eliten.“
So sieht man im Abspann auch alle am Pipeline- Projekt beteiligten
Politiker, von Gerhard Schröder bis zu Angela Merkel.
Deshalb wird es wohl ein frommer Wunsch bleiben, dass sich ein Politiker dafür einsetzt, dass dieser Film in allen Schulen gezeigt wird.
Nur reger Kinobesuch und eifriges Weiterempfehlen können dafür sorgen, dass dieser Film doch noch die Verbreitung findet, die er verdient hat.
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Kategorie(n): Kultur


