Unterstützung für achgut

  22.10.2007   16:03   +Feedback

Das Schweizer Volk hat wieder falsch gewählt

Seit Jahrzehnten ätzen Schweizer Linke gegen die in ihrem Land bestehende Konsenskultur. Jean Ziegler beispielsweise prangerte in seinen Büchern und bei jeder sonstigen Gelegenheit die betonierten Verhältnisse unter einer Allparteienregierung an und bedauerte, daß es keine parlamentarische Opposition und in politischen Auseinandersetzungen generell zu wenig Pfeffer gab.

Jetzt klingt das Liedlein anders, denn jetzt gibt es Blocher. In der Tat hat der SVP-Politiker die Samthandschuhe ausgezogen und einen Wahlkampf hingelegt, wie ihn die Schweizer noch nicht kannten. In der Tat kann es auch noch dahin kommen, daß das Konkordanzsystem des Bundesrats (so heißt die eidgenössische Regierung) kaputt geht. Aber jetzt sind alle Linken entgeistert, entrüstet und entsetzt. So haben sie sich den geschichtlichen Fortschritt nicht vorgestellt.

Blocher, ein Rechter, hat getan, was sie immer verlangten, und die Politszene der Schweiz gründlich aufgemischt. Und er hat Erfolg; die Schweizerische Volkspartei ist schon seit längerem die stärkste Kraft des Landes, und sie hat am Sonntag noch ein bißchen zugelegt, trotz nahezu einhelliger Verteufelung durch die Intelligenzija und die Medien. Daß linke Meinungsmacher Mühe haben, ein demokratisches Wahlergebnis zu akzeptieren, kennt man schon aus den Vereinigten Staaten. Auch in der Schweiz, dieser sehr alten Demokratie, erklären sie Blochers Vormarsch am liebsten mit dem vielen Geld, das er in seinen Wahlkampf stecken konnte – ein dürftiges Argument unter Demokraten, denn wenn man das Volk für so blöde hält, daß es in politischen Fragen nur aufs Werbebudget ankommt, dann sollte man konsequenterweise die Abschaffung von allgemeinen, freien und gleichen Wahlen fordern.

Wenn man aber verstehen möchte, was in der Schweiz wirklich vorgeht, dann empfiehlt sich ein gedanklicher Rücksprung um einige Jahre. Vor einigen Jahren, es ist noch nicht so lange her, daß die Menschen keine klare Vorstellung mehr davon hätten, war es nicht sehr schlimm, wenn man mal sein Portemonnaie irgendwo verlor oder vergaß. Man konnte ziemlich sicher sein, daß es vom Finder ungeplündert zum nächsten Postbüro gebracht wird. Man konnte auch des Nachts allein durch jede städtische Parkanlage laufen oder unbehelligt in leeren Eisenbahnwagen sitzen. Man brauchte weder seine Haustür noch das Auto abzuschließen. Die Schweiz war ein verrückter Sonderfall von Sicherheit, etwas, worüber ausländische Besucher entweder schmunzelten oder in Entzücken gerieten.

Das hat sich nun geändert; die Kriminalitätsstatistik spricht eine deutliche Sprache. Die Zahl der Straftaten explodiert und mehr als die Hälfte davon wird von Ausländern begangen. Dabei ist die Schweiz extrem ausländerfreundlich – das Land hat mit über zwanzig Prozent einen dreimal so hohen Ausländeranteil wie Deutschland. Nur ist in einem Kleinstaat der Anpassungsdruck relativ hoch; dem haben sich die Zugezogenen auch früher freudig ausgesetzt, bis hin zum Erlernen des zungenbrecherischen Dialekts. Doch inzwischen fühlen sich viele Schweizer wie der Hausbesitzer in Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“, nicht zuletzt weil sie die Erfahrung machen, daß ausländische Gewalttäter oft nur sehr zögerlich bestraft werden.

Die politische Klasse hat diese Probleme lange Zeit negiert und verdrängt – weniger aus politischem Kalkül als aus jener typisch schweizerischen Gemütslethargie, die auch ihre guten Seiten hat. Schweizer sind ganz prinzipiell und durchaus zu Recht davon überzeugt, daß sich alles wirklich Schlimme auf der Welt nicht bei ihnen, sondern anderswo ereignet. Manchmal scheint es fast, sie wünschten sich auch einmal zuhause etwas Schlimmes– als Normalitätsbeweis. Das kann zu Formen hysterischer Verabscheuung des eigenen Staates führen wie in den neunziger Jahren. Doch generell ist das Polster der Lebensqualität so weich, daß man sich, wenn irgend etwas drückt, einfach auf die andere Seite dreht.

Hinzu kommt, daß durchgreifende Maßnahmen jeder Art der schweizerischen Mentalität fremd sind. Auch Hierarchien funktionieren hier grundsätzlich nicht, weil jeder Chef bloß demontiert wird und deshalb gar niemand Chef werden möchte. Insofern könnte man die SVP mit ihrem knalligen Programm und ihrer autoritären Struktur für geradezu unschweizerisch halten, wäre sie nicht just als Retterin alter schweizerischer Werte angetreten. Genau deshalb schlägt Blocher und seiner Partei an der öffentlichen Oberfläche so viel Ekel entgegen: Im Grunde ekelt man sich vor sich selbst, daß man es durch Nachlässigkeit so weit hat kommen lassen, jetzt einen Blocher zu brauchen.


Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Ausland