Gastautor 28.04.2012 08:40 +Feedback
Das Muster der Misanthropen
Dr. Ludger Weß
Vor knapp 50 Jahren, vom 26. bis 30. November 1962, kamen 27 Genetiker, Mediziner und Biologen auf Einladung der CIBA-Foundation, der Stiftung des gleichnamigen damaligen Schweizer Pharmakonzerns, in London zusammen, um über die Zukunft der Menschheit zu diskutieren. Die sah nach einhelliger Meinung damaliger Experten düster aus: zwar war von Erderwärmung noch nicht die Rede, wohl aber von ungezügeltem Bevölkerungswachstum und mangelnder Auslese. Diese Trends würden die Menschheit binnen kurzem in die Katastrophe führen, wenn sie nicht in letzter Minute gestoppt werden könnten.
Ohne Zögern forderte die wissenschaftliche Elite in London dazu auf, radikal in das soziale und politische Gefüge der Menschheit einzugreifen. Um “biologische Slums” oder ein Nicht-Schritt-Halten-Können mit der technologischen Entwicklung zu verhindern, müssten Freiheit und Selbstbestimmung eingeschränkt werden - schließlich stand das Schicksal der Menschheit, ja des ganzen Planeten auf dem Spiel.
So diskutierten die Experten, darunter mehrere Nobelpreisträger, zum Beispiel darüber, wie man am Besten dafür sorgen könne, dass nur noch ausgewählten Menschen die Möglichkeit zur Fortpflanzung hätten.
“Vom Standpunkt der humanistischen Ethik aus”, dozierte der britische Nobelpreisträger Francis Crick, Mitentdecker der DNA-Molekülstruktur, “kann ich nicht einsehen, warum Menschen ohne weiteres das Recht haben sollen, Kinder in die Welt zu setzen.” Da es kein Menschenrecht auf Kinder gebe, schlug er vor, Schwangerschaften durch Zusätze in der Nahrung oder im Trinkwasser zu verhindern und davon nur eine lizenzierte Elite ausnehmen. Der ehemalige UNESCO-Generaldirektor und Biologe Sir Julian Huxley sekundierte, die Bevölkerung der Entwicklungsländer müsse, notfalls unter Drohung mit dem Entzug von Entwicklungs- und Nahrungsmittelhilfe, erst einmal auf ihre “demographische Kreditwürdigkeit”, sprich Fortpflanzungswürdigkeit, geprüft werden.
Im Hinblick darauf, dass das Sperma eines einzelnen Mannes ausreicht, um hunderttausende von Frauen zu befruchten, machte Alan S. Parkes, Professor für “Physiologie der Vermehrung” (heute würde man von Reproduktionsphysiologie sprechen) an der Cambridge-Universität, den besonders originellen Vorschlag, die Mehrzahl der Männer auf diesem Planeten abzuschaffen und nur noch ein paar Tausend Samenspender vorrätig zu halten: „Es gibt rund eine Million Tonnen überflüssiger Männer allein in diesem Land,” rechnete er seinen Kollegen vor. Und Artur Glikson, ein international bekannter Architekt und Regionalplaner (damals Direktor eines Planungskomitees des israelischen Innenministeriums), meinte: „In weiten Gebieten der Welt ist der Mensch nichts anderes als ein pathogener Keim, eine Krankheit, und wenn der Nährboden stirbt, dann stirbt natürlich auch der Krankheitserreger. “
Einig waren sich die versammelten Eliteforscher auch über die voranschreitende genetische Degeneration der Menschheit im Gefolge der stetig steigenden “genetischen Bürde”. Aber es drohe nicht nur die “biologische Entartung”, sondern auch einer immer größer werdende Schere zwischen den technologischen Fähigkeiten des Menschen und seiner biologischen Ausstattung. In einer hochtechnisierten und immer komplizierter werdenden Welt operiere der Mensch immer noch mit seinen archaischen Gefühlen und Instinkten. War der Mensch überhaupt noch in der Lage, die globalen Auswirkungen seines Tuns zu überblicken? Barg die Überforderung des Menschen nicht im Zeitalter der Atomwaffen die Gefahr, dass er sich in der nächsten politischen Krise selbst vernichten würde?
Mit Nachdruck wurde gefordert, den Menschen biologisch an diese Situation anzupassen und ihn reif zu machen für eine weltumspannende, fortschrittliche Planwirtschaft. Es sei Aufgabe der Wissenschaft, den Menschen mit Hilfe der Genetik intelligenter, kooperativer und weniger aggressiv zu machen; langlebiger und gesünder müsse er werden, mit weniger Schlaf auskommen und in der Lage sein, auch eine Fülle von komplexen Informationen rasch zu verarbeiten. Für bestimmte Anwendungen, wie etwa die Raumfahrt, könne es sogar sinnvoll sein, ihn mit Stummelbeinen und Greifschwänzen auszustatten.
Im Fall des CIBA-Symposions waren die Forscher wohl auch überzeugt, nicht nur das soziale, sondern auch das biologische Vorbild für den neuen Menschentypus zu sein, der die Gesellschaft der Zukunft bevölkern sollte: einer der Mitinitiatoren des Symposions, der Nobelpreisträger Hermann J. Muller, gründete kurz darauf eine Samenbank, um das Sperma von Nobelpreisträgern und anderen herausragenden Forschern zu sammeln und an zuchtwillige Frauen abzugeben. Fast alle seine Fachkollegen boten sich begeistert als Spender an.
Das war vor fünfzig Jahren. Heute bezeichnen manche Forscher den Menschen erneut als mental und physisch unzureichend gerüstet für das gerade aktuelle Katastrophenszenario. Musste er damals verändert werden, um Überbevölkerung, Ressourcenknappheit, den Kalten Krieg und den drohenden genetischen Verfall „in letzter Minute“ abzuwenden, muss er heute klima-kompatibler gemacht werden. Dazu braucht es Zwang (Steuern, Vorschriften, Verbote und Umerziehung) und auf lange Sicht auch biotechnische Veränderungen: kleiner muss der Mensch werden, um weniger Energieumsatz zu haben und weniger Platz und Ressourcen zu beanspruchen, und Katzenaugen sollte er haben, damit nachts weniger Licht leuchten muss. Und an den Verzehr von Insekten wird er sich auch gewöhnen müssen, sagen sogar schon Experten der Vereinten Nationen: die Welternährungsorganisation FAO wirbt schon eifrig für ihre „edible insects“-Programme. Insekten belasten nämlich das Klima wesentlich weniger als Rinder und Schweine, haben aber den gleichen Nährwert und dabei noch mehr Ballaststoffe.
Das Muster ist damals wie heute gleich: die Katastrophe hat apokalyptische Ausmaße, wird das Antlitz der Erde verändern und Millionen Opfer fordern, und selbstverständlich ist es fünf vor zwölf und keine Zeit mehr, irgendwelche Einwände zu erörtern. Es scheint, dass Wissenschaftler immer wieder in Versuchung sind, die Wichtigkeit ihres eigenen Forschungsgegenstands grotesk zu überschätzen und daraus Allmachtsfantasien zu entwickeln, die zu totalitären Menschen- und Gesellschaftsbildern führen. In diesen Vorstellungen regiert zumeist eine Elite nach „vernünftigen“, weil „wissenschaftlichen“ Gesichtspunkten.
Die Reaktionen darauf sind allerdings unterschiedlich: während vor fünfzig Jahren die Pläne der versammelten Forscher belächelt, mit viel Sarkasmus in Grund und Boden kritisiert wurden und die Antwort auf die „Überbevölkerung“ in der Grünen Revolution und in Wirtschaftswachstum bestand, wird die Apokalypse heute für bare Münze genommen, und ihre Verhinderung ist zum erklärten Ziel der Politik von linksaußen bis rechtsaußen geworden.
Dazwischen liegt die Geburt der Ökobewegung und der Grünen. Der richtige Ansatz, Natur und Umwelt vor allzu schädlichen Eingriffen zu schützen, ist überhöht worden zu einer Naturreligion, die lehrt, dass Mutter Natur („Gaia“) uns Menschen für unser angeblich frevelhaftes Tun in Form von Katastrophen schwer bestrafen wird.
Die Ironie der Geschichte ist, dass die Anhänger dieser Religion sich als Atheisten begreifen, obwohl sie selbst ernannten Propheten hinterherlaufen, um eingebildete Katastrophen zu verhindern, und dass sie dabei auf abweichende Meinungen nicht minder dogmatisch reagieren wie die katholische Kirche auf “Ketzer” wie Galileo Galilei.
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Kategorie(n): Klima-Debatte Wissen

