Rainer Bonhorst 11.05.2012 16:07 +Feedback
Das Leben im Jahr 2092
Der Club of Rome hat unser Leben im Jahr 2052 beschrieben. Wie es scheint, müssen wir dann alle Fahrrad fahren. Und das Fliegen wird so teuer, dass sich nur noch Ölscheichs und Mitglieder des Club of Rome Flugreisen leisten können. Das sind düstere Aussichten. Aber ist der Blick auf das Jahr 2052 nicht zu kurz? Das ist ja praktisch schon übermorgen. Im Grunde kann man heute schon anfangen, das Auto zu entsorgen und das Fahrrad zu putzen und aufzupumpen. Wäre es nicht lohnender, einen Blick auf das etwas fernere 2092 zu werfen?
Natürlich. Und es geschieht auch, nur wird die Analyse des Jahres 2092 noch nicht veröffentlicht. Offenbar will man abwarten, ob die Sache mit dem Fahrrad im Jahr 2052 auch klappt. Es zeichnet sich ein Problem ab: Da in 40 Jahren die Eiskappen der Pole weitgehend abgeschmolzen sind und der Meeresspiegel dramatisch angestiegen ist, gibt es praktisch kein Flachland mehr, auf dem es sich angenehm radeln ließe. Nur noch die Berge ragen aus den Fluten heraus. Die schafft nur eine durchtrainierte Elite mit dem Fahrrad. Also Vorsicht mit vorschnellen Investitionen in die Fahrrad-Industrie. Wird der Rest womöglich dauerhaft zu Fuß gehen müssen?
Mitnichten. Spätestens 2092, so die unveröffentlichte Studie, haben wir unseren gesamten Verkehr auf Segelschiffe und Pferdekutschen umgestellt. Beim Schiffsverkehr wird es auch Hybridmodelle geben, also Schiffe mit Segeln und Ruderern. Hier kann man auf alte spanische Modelle zurückgreifen. Notorische Klimaleugner, ehemalige SUV-Fahrer und sonstige Ungläubige können sich als Galeerensklaven nachträglich und nachhaltig nützlich machen.
An Land hat die Rückkehr zur Kutsche den Vorteil, dass sie die Produktion nachhaltiger Pferdeäpfel fördert. Wir werden im Winter also nicht in allen Zimmern frieren müssen müssen. Wir versammeln uns einfach um den mit Pferdemist geheizten Kachelofen in der Küche, kuscheln oder/und spielen Mensch ärgere dich nicht. Die Umstellung von elektrischem Licht auf Öllampen wird vergleichsweise reibungslos erfolgen, da wir große Teile unserer Nahrungsmittelproduktion auf die Ölproduktion für unsere Funzeln umwidmen. So wirken wir auch der Überbevölkerung entgegen, da Nahrungsmittel nur noch ausgewählten Bevölkerungsgruppen zur Verfügung gestellt werden können. Da Fahrräder auch zur Gewinnung von Strampelenergie genutzt werden können, lässt sich für die Überlebenden der Betrieb in Krankenhäusern durchaus aufrecht erhalten. Die eine oder andere Operation wird zwar ohne Narkose ausgeführt werden müssen, andererseits werden viele Operationen überflüssig, da die Krankentransporte mit Postkutsche oder Segelschiff die meisten Herzinfarkte so gestalten, dass sie vor Erreichen der Klinik abgebrochen werden können.
Die allgemeine Verlangsamung wird zur Folge haben, dass die Schattenseiten der Globalisierung, vor allem die überstürzte Information, verschwinden. Das Internet, das weder mit Kerzenenergie noch mit Fahrradstrampelenergie betrieben werden kann, wird der klassischen Buschtrommel und dem romantischen Rauchzeichen weichen. Das Telefon wird durch lautes Zurufen ersetzt. Im Fernsehen wird es keine Talkshows mit Gregor Gysi mehr geben, weil es kein Fernsehen mehr gibt. Kurz: Im Jahr 2092 werden wir uns mit Riesenschritten wieder dem Paradies annähern. Um dann im Paradies bleiben zu können, müssen wir nur darauf achten, dass keiner vom Baum der Erkenntnis isst.
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Kategorie(n): Bunte Welt

