21.06.2008 16:03 +Feedback
Das kommunistische Westfrühstück
Der Abstand zum Kommunismus als Nagelprobe für den Liberalen. Sie, Raymond Aron und Salvador de Madariaga, hätten es noch so gesehen. Wer aber, außer ihnen, und zwar heute, zumal in Deutschland? An die Stelle der Prinzipientreue sind längst die Syllogismen des Guten getreten, die lässige Verweigerung der Ausgrenzung, das grundsätzliche Verstehen des Anderen. Die politisch korrekte Selbstdarstellung macht auch vor der Geschichte nicht Halt. Auch die Historiker sind bemüht, als gute Menschen zu erscheinen. Einer von ihnen ist Hans Mommsen, der sich neuerdings wieder (in der FAZ), ganz im Stil der Nachkriegsmoralisierung, die es fertig gebracht hat, sogar noch die Stalinisten der verbotenen KPD zu Opfern zu erklären, freundlich positioniert. Wie im Bonhoeffer-Zitat: „Von guten Mächten treu und still umgeben“.
Fromme Wünsche aus dem Kalten Krieg? Im Gedächtnis all dieser Menschen, auch in dem von Hans Mommsen, vermisst man gelegentlich eine Kleinigkeit, die Wahrheit, und sei es nur die historische. So, die antidemokratische Ausrichtung der Kommunisten, deren Hauptfeind in der Weimarer Republik keineswegs die Nazis waren. Sie waren die Konkurrenz, mit der man nicht zuletzt den Klassenkampf organisierte, so auch den legendären BVG-Streik 1932 in Berlin.
Als Hauptfeind galt den Kommunisten vielmehr die Sozialdemokratie, von Komintern und KPD als „Sozialfaschismus“ bezeichnet. Wohl, weil sie die Gerechtigkeitsfrage mit der Demokratie verbinden wollte. Müssen wir noch an den Hitler-Stalin-Pakt erinnern, der des Anstreichers Kriegsführung erst möglich machte oder an die Zerstörung des Pluralismus und der Marktwirtschaft, an die Verbannung der Meinungsfreiheit in der SBZ und in ganz Ostmitteleuropa? Wie kann man eine Organisation, mit einem solchen kollektiven Vorstrafenregister, als „bunte Truppe“ ansehen?
In den 90ern hieß es noch schlicht, auch die Kommunisten hätten das Recht, an der politischen Arbeit teilzunehmen. Man war mit größter Anstrengung darauf bedacht, ihre Normalität hervor zu kehren. Anwalt Gysi saß im Öffentlich-Rechtlichen und bewies, dass er sich mit einem Westfrühstück bestens auskannte und Punkfrau Angela Marquardt wurde unentwegt zur Frisurträgerin gemacht, so als hätte die Partei ein neues Logo, den Hahnenkamm.
Inzwischen haben wir uns erlebnistechnisch gesteigert. Man will die Partei der ehemaligen Statthalter des Sowjetkommunismus auch an der Macht beteiligen. Schritt für Schritt. Zunächst waren die Duldungen auf Länderebene kein Tabu mehr und danach auch die Koalitionen nicht. Und das im Osten. Als sei der Kommunismus Ländersache, wie Bildung und Nahverkehr. Das Beitrittsgebiet als Pilotprojekt für die Machtbeteiligung einer Partei, die 40 Jahre Diktatur zu verantworten hat? Und die auch heute bei demokratischen Wahlen im Beitrittsgebiet keine 20% erreicht? Was wiederum bedeutet, dass 80 % der Ostdeutschen, sich nicht von einer solchen Partei vertreten lassen wollen. Sie ist also nicht mehrheitsfähig, sie ist Mehrheitsbeschafferin, und das ist das Peinliche, nicht für sie, sondern für die Demokraten.
Frau Schwan, die Präsidentschaftskandidatin aus der Wundertüte, die ihre neue Liebe für das „Opium der Intellektuellen“, wie Raymond Aron es nannte, entdeckt hat, sieht bekanntlich kein Problem darin, sich mit den Stimmen der Linkspartei wählen zu lassen. Und die nächste Bundesregierung? So weit sind wir noch nicht, es ist ja noch ein bisschen Zeit für den Westen, der wieder einmal ohne Banner ist. So hat es seinerzeit, Salvador de Madariaga formuliert.
Zeit, sich in Erinnerung zu rufen, dass der Kalte Krieg nicht eine sportive Auseinandersetzung zwischen den Großmächten war, sondern letzten Endes die geglückte Abwehr des totalitären Angriffs auf unsere Freiheit. Sollte diese sich nun damit begnügen, statt Koalitionen Zählgemeinschaften zu bilden? Zählgemeinschaften mit Kommunisten?

