22.11.2014   18:25   Leserkommentare (0)*

1989- Tagebuch der Friedlichen Revolution

Einundzwanzigster November 1989
Die Bürgerbewegung Demokratie jetzt fordert „alle demokratischen Parteien und Bewegungen der DDR“ auf, sich an einen „Runden Tisch“ zu setzen, damit „das Bemühen um die Erneuerung der DDR koordiniert“ werden kann. Als erste Altpartei nimmt die LDPD diese Einladung an. Alle anderen sollten bald folgen. Der „Runde Tisch“ stabilisierte am Ende die letzte SED-Regierung und sicherte das Überleben der SED.

Anhaltende Demonstrationen in Prag, Bratislava und anderen Städten der Tschechoslowakei. Regierungschef Ladislav Adamec verkündet, dass künftig Demonstrationen nicht mehr unterdrückt und keine Standgerichte mehr verhängt werden sollen. Gleichzeitig beginnen Verhandlungen zwischen der Regierung und der Opposition.

In Bonn erscheint ein Emissär aus Moskau: Nikolai Portugalow, der zu den Deutschland-Experten des Zentralkomitees der KPdSU gehört, hat seine Reise vor den Genossen der DDR geheim gehalten. Aus Angst, bei der Durchreise in Ostberlin von der Staatssicherheit durchsucht zu werden, hatte Portugalow nichts Schriftliches bei sich. Was er dem Kanzleramtsminister Horst Teltschik bei ihrem Treffen übergibt, ist ein handgeschriebenes Gedächtnisprotokoll. Aber das hat es in sich. Gorbatschow hätte die Instabilität der SED-Regierung erkannt und sehe Handlungsbedarf. Der sowjetische Parteichef sehe klar über den gegenwärtigen Status quo der beiden deutschen Teilstaaten hinaus.
Wie denn die deutschlandpolitischen Pläne der Bundesregierung aussähen? Die gäbe es noch nicht, muss Teltschik eingestehen, aber das würde sich ändern. Horst Teltschik wurde im Ergebnis dieses Gesprächs spontan zum Vordenker einer fundamentalen Neuausrichtung der Deutschlandpolitik Kohls. An deren Ausarbeitung machte sich der Regierungschef allerdings selbst.

Zweiundzwanzigster November 1989
Die SED braucht nicht lange zu überlegen. Ihr Politbüro, das immer noch alle innerparteilichen Fäden fest in der Hand hält, stimmt dem Vorschlag, einen „Runden Tisch“ einzurichten, eilfertig zu. Der Sprecher des Demokratischen Aufbruchs, Rainer Eppelmann, wertet das umgehend als „gutes Zeichen“. Zustimmung kommt aber auch vom Neuen Forum und anderen Oppositionellen.

Walter Kempowski hat das Gefühl, die „Mechanik der Revolution“ in der DDR sei in „eine ruhigere Phase eingemündet“. Dabei finden so viele Demonstrationen wie nie statt, mit steigenden Teilnehmerzahlen. Es ist eher eine gewisse Ermüdung bei der Berichterstattung aufgetreten.
Die DDR-Organe registrieren dagegen den Druck von der Straße sehr genau und machen weitere Konzessionen: Das Oberste Gericht der DDR spricht sich für die Reform des politischen Strafrechts und eine Überarbeitung der Verfassung aus.
Auch die bulgarischen Kommunisten reagieren auf die anhaltenden Proteste. Sie richten eine Kommission ein, welche die „Deformationen“ der Politik untersuchen soll. Außerdem werden viele Parteiresidenzen und Jagdhäuser der Öffentlichkeit zurückgegeben.
In Prag bereichern die Demonstranten ihre friedlichen Ausdrucksmittel um gemeinsames Schlüsselklirren auf dem Wenzelsplatz. Ausgeführt von Zehntausenden gibt das einen nachdrücklichen Klang. Es ist die größte Demonstration seit 1968.

Dreiundzwanzigster November 1989
Nachdem die Akademie der Wissenschaften Robert Havemann wieder in ihre Mitgliederliste aufgenommen hat, wird er nun auch von der SED rehabilitiert und mit ihm auch Rudolf Herrnstadt, Lex Ende und Walter Janka.

Die Volkspolizei bewacht die Entfernung von Malereien auf der Ostseite der Mauer. Walter Kempowski kommentiert: „Es gehört wirklich nicht viel dazu, die Deutschen hassenswert zu finden.“

Der Leiter des Amtes für Nationale Sicherheit, Generalleutnant Wolfgang Schwanitz teilt mit, man werde die Behörde um 8.000 Mitarbeiter reduzieren. Damit soll der Unmut der Bevölkerung gegen die Staatssicherheit gedämpft werden. Dieses Ziel wird nicht erreicht.

Der frisch gebackene Ost-CDU-Chef Lothar de Maiziere spricht sich für eine Konföderation der beiden deutschen Teilstaaten aus. Auch damit ist er hinter dem zurück, was die Mehrheit der Demonstranten will: die schnelle Vereinigung ohne Wenn und Aber.

Mittlerweile kommt es zu kuriosen Parallelitäten zwischen Regierung und Teilen der Opposition.
Der Ministerrat beschließt Maßnahmen gegen „Schieber und Spekulanten“. Ab sofort soll der Verkauf bestimmter Waren nur noch an Menschen mit festem Wohnsitz in der DDR gestattet sein. Bei allen hochsubventionierten Produkten soll die Vorlage des Personalausweises gefordert werden. Das gab es seit den 50er Jahren nicht mehr.
Das Neue Forum appelliert aus diesem Anlass an alle Landsleute, die offenen Grenzen nicht für Schiebereien und Spekulationen zu missbrauchen. „Beteiligt Euch nicht am Ausverkauf unseres Landes“, werden die Bürger ermahnt. Die aber denken gar nicht daran, sich solche Belehrungen, die sie wieder zu Unmündigen degradieren, zu Herzen zu nehmen.

Eher am Rande nehmen die Menschen wahr, dass die Zentrale Parteikontrollkommission der SED den Wirtschaftsverantwortlichen des Zentralkomitees und ehemaligen Wirtschaftsminister Günter Mittag aus der Partei ausgeschlossen und gegen Erich Honecker ein Parteiverfahren eingeleitet hat.

Interessanter, jedenfalls für Berlin ist, dass am Abend im Kino International der vor über zwanzig Jahren verbotene Film Spur der Steine von Frank Beyer wiederaufgeführt wird. Hauptdarsteller Manfred Krug, der zu diesem Zweck in die DDR eingereist ist, erzählt, mit welch schlimmen Methoden der Film seinerzeit aus den Kinos verbannt wurde. Extra aufgestellte „Krawallbrigaden“ seien in die Vorstellungen geschickt worden, um den angeblichen „Volkszorn“ zu demonstrieren. Warum die SED das für nötig hielt, konnten nur wenige Zuschauer nachvollziehen, denn der Film ist ein Plädoyer für den Sozialismus.

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Kategorie(n): Inland 

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