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  22.06.2011   22:20   +Feedback

Das Kino als Erziehungsanstalt

Die entscheidende Antwort auf die Frage, warum deutsche Unterhaltung so häufig keinen Spaß macht, hing in diesem Frühjahr in monumentalen Lettern an Hamburgs Deutschem Schauspielhaus:

Mit Politik kann man keine Kultur machen, aber vielleicht kann man mit Kultur Politik machen. Dieser Ausspruch des ansonsten eher selten zitierten ersten deutschen Bundespräsidenten sagt alles. Wir sollen nicht unterhalten, sondern belehrt werden.

Da kann man diesem sympathischen jungen Freund ( http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/deutsches_theater/ ) nur beipflichten.

Kürzlich habe ich einen meiner obersten Grundsätze außer Kraft gesetzt und einen deutschen Spielfilm angesehen:
Free Rainer aus dem Jahre 2008, verbrochen vom österreichischen Regisseur Hans Weingartner
(http://www.amazon.de/Free-Rainer-Dein-Fernseher-Directors/dp/B0016APX5K/ref=sr_1_1?s=dvd&ie=UTF8&qid=1298552284&sr=1-1)

Ich will den deutschen Film auch nicht in Bausch und Bogen verdammen.

Dafür sind und waren Zur Sache, Schätzchen von May Spils, Tadellöser & Wolff von Eberhard Fechner, Nordsee ist Mordsee von Hark Bohm, Ödipussi von Loriot, Theo gegen den Rest der Welt von Peter Bringmann oder Sonnenallee von Leander Haußmann viel zu schön. Von letzterem habe ich auch vor zehn Jahren eine Inszenierung von Der eingebildete Kranke im Hamburger Thalia Theater gesehen. Die hätte sogar Molière gefallen.

Und von etlichen weiteren deutschen Filmproduktionen, die hier ungenannt bleiben, gar nicht zu reden

Wie in vielen deutschen Filmen castet man auch für Free Rainer einen, höchstens zwei gute Schauspieler (in diesem Fall Moritz Bleibtreu) und besetzt sämtliche Nebenrollen mit zu Recht unbekannten Darstellern. Vermutlich, weil es so preiswerter ist.

Dass diese Rechnung letztendlich nicht aufgeht, haben Altmeister wie Hitchcock, Wilder und auch Spielberg vorgemacht:

Jede noch so kleine Rolle sollte mit absoluten Könnern besetzt werden. Wer genau hinsieht, entdeckt in Schindlers Liste in einem SS-Mann mit einem ganzen Satz Text Martin Semmelrogge.

Woher mag nur die Manie deutscher Schauspieler kommen, in emotionalen Szenen wahlweise heiser zu flüstern oder überlaut zu schreien? Der entnervte Zuschauer ist ständig gezwungen, einen nervösen Finger auf der Lautstärketaste in höchster Bereitschaft zu halten, damit im Nebenzimmer niemand vor Schreck vom Stuhl fällt.

Aber all das ist sind nur Kollateralschäden, denn erst die Handlung gibt einem den Rest:

Ein abgedrehter, koksender Fernsehproduzent (Bleibtreu) wird nach einem Angriff auf sein Leben dahingehend geläutert, dass er, unter anderem mit Hilfe mehrerer Dauerarbeitsloser, auf technischem Wege die Einschaltquoten manipuliert.
Das wars.

Und siehe da, auf einmal wollen alle Deutschen landauf, landab im Bügelfernsehen nur noch Fassbinderfilme, Literaturveranstaltungen und Klassikerverfilmungen sehen.

Sie fangen auch prompt an zu lesen wie die Süchtigen. Und dem rivalisierenden Programmdirektor, der unbedingt wieder die seichte Unterhaltung einführen will, die das deutsche Publikum gewohnt ist, darf Bleibtreu aus Herzensgrund Faschist! ins Gesicht brüllen. Doch damit nicht genug der Umerziehung:

Anschließend schmuggelt sich die revolutionäre Quotenbrigade in den – tatsächlich existierenden – Testsupermarkt Haßloch, um als nächstes Projekt das deutsche Esskonsumverhalten zu manipulieren.

Den Mitmenschen vorschreiben, was sie zu gucken, zu lesen, zu denken und schlussendlich zu essen haben – selten sind deutsche Gutmenschenträume so schön in Erfüllung gegangen wie in Free Rainer. Von solchen Allmachtsfantasien müssen grüne Politiker im Opiumrausch träumen.

Da guck ich lieber Germany’s next Topmodel. Zusammen mit den anderen Faschisten.

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Kategorie(n): Kultur 

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