Richard Wagner 06.03.2010 08:21 +Feedback
Das Gesetz der Levante
Die offizielle Türkei ist empört. Wieder einmal. Worum es geht? Wie in den meisten türkischen Empörungsfällen, um eine Resolution gegen den Genozid an den Armeniern. Diesmal hat es das amerikanische Unterhaus gewagt, der Geschichtsklitterung der Täter zu widersprechen.
Wieso eigentlich gibt es jedes Mal dieses Theater in Istanbul und Ankara, wenn jemand die Wahrheit über die Armenier-Verfolgung ausspricht? Diese ist schließlich ein historisches Faktum, ausgiebig dokumentiert und tausendfach belegt. Eine Nation, die sich eine solche Ungeheuerlichkeit geleistet hat, sollte in der Sache, wenn sie schon zu mehr nicht in der Lage ist, wenigstens schweigen.
Dass die Achtung der Menschenrechte auch in der gegenwärtigen Türkei zu wünschen übrig lässt, ist allseits bekannt, man muss darüber nicht extra spekulieren. Man muss auch nicht darüber spekulieren, warum das so ist, denn die Gründe liegen auf der Hand. Die Türkei hat es versäumt sich ihrer Geschichte zu stellen. Das betrifft sowohl den Staat, als auch die Gesellschaft. Es betrifft die Gesetzeslage und die öffentliche Meinung.
Dass man alles tagespolitisch bewertet, und ständig mit diplomatischen Instrumenten droht, verweist auf den desolaten Zustand der kollektiven Verantwortung, Es zeigt, dass es weder ein Bewusstsein der eigenen Verbrechen, noch einen Willen der Entlarvung und Aufarbeitung gibt. Der türkische Staatsapparat ist nach wie vor repressiv, er neigt zur Willkür. Die Öffentlichkeit aber unterliegt massiver Manipulation. Christliche Glaubensgemeinschaften sind einen wahren Terror ausgesetzt. Sie können sich dazu nicht einmal äußern. Wenn sie sich äußern würden, würde man sofort gegen sie vorgehen. Denn dafür gibt’s in der Levante ein Gesetz, worauf Sie sich verlassen können. Bei uns steht die Holocaust-Leugnung unter Strafe, in der Türkei ist allein schon die Nennung des Armenier-Genozids ein Delikt.
Mit diesem Staat, der seine Verbrechen gerne ausgeklammert sehen möchte, der jenen die diese Ausklammerung nicht akzeptieren wollen mit Sanktionen droht, verhandeln wir Europäer immer noch über einen Beitritt zur EU. Falls die Befürworter dieses Beitritts sich eines Tages durchsetzen sollten, wie wird man dann wohl mit diesen Fragen umgehen? Wird man vielleicht auch die Nennung des Armenier Genozid als Delikt annehmen und dafür die Leugnung des Holocaust für straffrei erklären?


