Gastautor 11.01.2010 01:19 +Feedback
Das Gebrüll der Unken
Von Bernhard Lassahn
Bei diesem wunderbaren Winterwetter wie aus dem Bilderbuch fahren die S-Bahnen in Berlin nicht. Das erinnert mich an den Streik der Lokführer im Jahre 2007; ich weiß es noch, als wenn es gestern gewesen wäre: Damals war Sigmar Gabriel unser Umweltminister und hatte sich äußerst besorgt gezeigt, er hat vorgerechnet, wie viele Tonnen Schadstoff nun zusätzliche in die Umwelt gepustet werden, schließlich ist die Bahn ein bedeutender Faktor im Umweltschutz, der nicht ausfallen darf, ganz abgesehen von den zusätzlichen Verkehrstoten!
Nein, Pustekuchen, das hat er nicht gesagt, vielmehr hat er Verständnis für die Not der Streikenden gezeigt und deutlich gemacht, wie sehr ihn die Vorstellung beunruhige, dass da ein Zugführer mit Tempo „300“ durch die Republik saust und dabei von „Existenzängsten“ gequält wird. Da hat er wohl einen kleinen Seitensprung gemacht, ist seinem Umweltthema untreu geworden und hat in ein Horn getutet, das gar nicht neben seinem Notenpult lag.
Soll er doch. Mich beunruhigt an der Sache auch etwas – und zwar: der ewige Superlativ und das hohe Tempo. Können diese Herrschaften eigentlich immer nur in Extremen reden?! Man sagt ihnen ja nach, dass sie wegen der vielen kalten Platten auf Empfängen und Pressekonferenzen schon längst nichts Warmes mehr essen können. Da kann einem schon schlecht werden. Die Sprache erinnert an schwierige Jugendliche, die nur noch im Turbo-Modus kommunizieren können, sonst gibt’s was auf die Glocke. Wie sagt man heute: Ich kozze ab mit zwei Zett. Das Palaver unserer Politiker ist – wie es ein befreundeter Filmproduzent nennt – eine einzige „Pornographie der Höhepunkte“.
Doch was richten sie damit an? Das bleibt nicht ohne Wirkung. Es führt zunächst mal dazu, dass wir nicht mehr hinhören und dass die Herren ihre Glaubwürdigkeit einbüßen. Soweit so schlecht. Aber noch schlimmer ist, dass wir eigentlich gar nicht weghören können, wir können nicht die Ohren schließen und müssen eine Nebenwirkung hinnehmen. Und so haben sich leicht entzündliche Schwachstellen in unserem Nervenkostüm gebildet und es hat sich der Eindruck verfestigt, dass wir in äußerst finsteren Zeiten leben.
Was auch immer Sigmar Gabriel hauptsächlich sagen wollte, nebensächlich hat er ein vernichtendes Urteil über die aktuelle Lage gesprochen und unseren Alltag als Ausnahmezustand hingestellt. Wenn ich geahnt hätte, wie gefährlich meine Zugfahrten gewesen sind: Jedes Mal war es ein Ritt über den Bodensee; ich hatte mich da mit meiner BahnCard Comfort in Wirklichkeit einem Hasardeur anvertraut wie einem tadderigen Messerwerfer. Meinen umweltfreundlichen Zugfahrten wird damit noch im Nachhinein der exquisite Kitzel von Extremsportarten angedichtet. Na gut, wenn das so ist, muss ich nicht noch extra barfuss den Himalaya besteigen, auf Fahnenstangen bis zum Umfallen hocken, beim Fallschirmspringen heiraten und mich unter Wasser wieder scheiden lassen! Es ist sowieso alles voll krass, und mir ist es too much.
Wir müssen in wahrhaft unerträglichen Zeiten leben, wenn sogar unser guter Zugführer – nennen wir ihn Lukas – Existenzangst haben muss. Warum hat er das? Weil sein Geld nicht reicht. Seit wann weiß er das? Konnte er nicht schon bei seiner Berufswahl voraussehen, dass ihn die in Aussicht gestellte Bezahlung für seinen Traumberuf wenig später in eine tiefe Krise stürzen würde? Kann er denn gar nicht vorausschauen? Gerade ein Zugführer müsste doch einen Blick dafür haben, was auf einen zukommt. Oder ist inzwischen alles unerwartet ruckartig teurer geworden, ohne dass mir das aufgefallen ist? Aber: dann müssten alle anderen auch Existenzängste haben.
Haben sie auch. Im Grunde sind wir nämlich alle Lokführer und hetzen, getrieben von Existenzängsten, in Höchstgeschwindigkeit durchs Leben. Dabei hat unser Lukas noch eine vergleichsweise gute Alterssicherung. Man wagt ja gar nicht, daran zu denken, was aus den anderen werden soll. Rast da nicht unser gesamtes Prekariat mit Tempo 500 dem Unglück entgegen? Dicht gefolgt von den Herscharen von Arbeitslosen, Harzern und Ausländern? Taxis sind leider auch keine Alternative. Die sind nicht nur teurer, sondern angesichts der heiklen Lebenssituation der Fahrer ein noch größeres Risiko. Ganz abgesehen von der höheren Umweltbelastung.
Es sieht schlecht aus. Die Overkill-Rhetorik malt ein dermaßen schwarzes Bild von den gegenwärtigen Zuständen, dass sich daraus keine Hoffnungen für eine bessere Zukunft ergeben. Wir können uns gleich die Kugel geben. Werden etwa ein paar Prozente Lohnerhöhung unserem Lukas die Existenzangst nehmen und ihn diesmal in die Lage versetzen, angstfrei seine Finanzen zu planen (diesmal aber wirklich) und damit das Zugfahren sicherer machen? Wohl kaum. Und was soll aus den vielen Rasern werden, denen nicht mit verständnisvollen Worten eines Ministers geholfen wird? Wir können uns eigentlich nur noch in einen Panikraum zurückziehen: Da wird ein viel zu großes Unglück heraufbeschworen - und es gibt viel zu geringe Aussichten auf Linderung.
Wenn wir eine Unverhältnismäßigkeit ausdrücken wollen, sagen wir gerne, dass „mit Kanonen auf Spatzen geschossen“ wird. Aber, oh weh: Wir sind in der Defensive, in diesem waffentechnisch veralteten Bild sind wir die Spatzen, die beschossen werden. Um es etwas moderner auszudrücken und dabei möglichst viele Flugobjekte in den Himmel zu jagen, kann man vielleicht so sagen: Da wird eine gigantische Bedrohung durch ein feindliches Bombengeschwader an die Wand gemalt, und dann wird zur Verteidigung ein letztes Aufgebot von mutigen Brieftauben losgeschickt.
Wenn es beispielsweise wieder mal heißt, dass es 5 vor 12 ist, dann können wir getrost alle Hoffnungen fahren lassen. Dann ist eh nichts mehr zu machen. Denn dass innerhalb von 5 Minuten die Versäumnisse von 55 Minuten aufgearbeitet werden können, ist nur in gewissen Nischen sozialistischer Planwirtschaft möglich. Sollen wir etwa 55 Minuten lang alles falsch gemacht haben? Möglich wäre es ja. Aber woher sollen wir dann die Zuversicht nehmen, dass der neue Plan für die letzten 5 Minuten der richtige ist? In so einem Modell sind nicht mal Überstunden und Sonderleistungen drin.
Doch gerade daran scheinen viele zu glauben. Ich nicht. Wer immer noch hofft, dass eine Sondereinheit im letzten Moment die Wende bringt, hat offenbar zu viele James-Bond-Filme gesehen und konnte auch durch den letzten Bond, der wirklich das Allerletzte war, nicht davon abgebracht werden. Oder er hat diese berühmte Redewendung falsch verstanden, in der es heißt, dass „ein Tropfen ein Fass zum Überlaufen“ bringt. Doch da läuft auch nicht viel. Denn das, was da überläuft, ist nur das kleine bisschen Wasser, das durch die Spannung in einem Berg oberhalb des Randes gehalten wird und auch durch ein leichtes Ruckeln ablaufen würde. In jedem Fall bleibt das Fass bis zum Rand gestrichen voll.
Doch viele glauben geradezu verzweifelt an eine qualitativ hochwertige Minderheit, die letztlich die Entscheidung bringt. Wie sonst sollen wir annehmen, dass es just auf die 3% Kohlendioxid, die angeblich von Menschen verschuldet werden, ankommt, und dass eine gewisse Reduzierung langfristig der Rettung der gesamten Welt und mittelfristig dem Überleben von immerhin 42 Nationen dient? Man kann sich das so vorstellen: Da ziehen 100 Schwarzenegger an einem Seil – aber, Halt! Wenn sie noch weiter so ziehen, geschieht ein großes Unglück. Also – Gefahr erkannt, Gefahr gebannt - wir sagen dreien dieser Schwarzenegger, dass sie – bitte, bitte - nicht mehr so kräftig ziehen sollen.
Ohnmacht und Größenwahn bis zum Rand gestrichen voll. Unsere Vorstellungskraft ist längst überfordert. Wir haben keine passende Metaphorik mehr, keine angemessene Sprache. Und wenn schon: Die würde kein Gehör finden im Trommelfeuer von dem Mix aus Werbegeschrei und den größten Megahits aller Zeiten. Wir haben es mit einem „Verbal-Terrorismus“ zu tun – das klingt jetzt so, als wäre der Ausdruck selber ein Teil von dem, was er bezeichnen will, aber unter Terrorismus verstehen wir ja auch die Unverhältnismäßigkeit der Mittel. Diesmal ist es ganz dumm gelaufen: Erst wurden die Geiseln erschossen, dann folgten Verhandlungen um das Lösegeld.
Uhrenvergleich: Es ist inzwischen 16 Uhr 30. High Noon war schon. Und die Welt ist wieder mal nicht untergegangen. Halloween ist auch vorbei. Nun muss keiner mehr als Schreckgespenst verkleidet herumlaufen. Es stimmte doch nicht, dass bisher alle unrecht hatten, alle Wissenschaftler gepfuscht und alle Politiker gelogen haben, dass wir alle Versager waren, die auf dünnem Eis gelaufen sind und dabei die Augen vor den drängenden Problemen verschlossen hatten. Natürlich war früher nicht alles besser. Aber als es noch 5 vor 12 war, war es auch nicht so schlecht, wie wir uns fühlen sollten.
„Gut gebrüllt, Löwe“, heißt es in dem bekannten Kinderbuch von Max Kruse (und bei Shakespeare im ‚Sommernachtstraum’). Schlecht gebrüllt, ihr Löwen! So möchte man heute sagen - wenn diese hemmungslosen Brüller wirklich Löwen wären und nicht doch eher Unken. Man sollte sie alle auf den Mond schießen, sollte sie drei Meter unangespitzt in den Boden rammen und dann in der Pfeife rauchen. Und zwar in der Reihenfolge. Nein, Halt, doch nicht: Rauchverbot.
Damit haben wir gleich das nächste Fass aufgemacht, das uns mit Karacho um die Ohren fliegt. Rauchen kann nämlich tödlich sein! Schreck lass nach! In Australien gab es sogar den Slogan „Every cigarette kills“, womit man einen Raucher mit voller Packung zu einem schießwütigen Amokläufer mit MG stilisierte. Bei sagenhaften 5 000 000 Opfern pro Jahr sollte Australien eigentlich in absehbarer Zeit entvölkert sein. Man musste sich da schon ernsthaft fragen, warum down under überhaupt noch Zigaretten verkauft wurden. Und von wem - wenn nicht von mitschuldigen Helfenshelfern am Massenmord?
Rückblickend erscheint mir die Anti-Raucher-Kampagne wie eine Generalprobe für die Klimahysterie: Man konnte es sich auch da gar nicht leisten, den Warnungen zu glauben und den Angstmachern auch nur den kleinen Finger zu reichen. Plötzlich war ein Raucher jemand, der seiner Umgebung „erheblichen“ Schaden zufügte – und was das Schlimme daran war: Das hatte er schon jahrelang getan. Der Schaden war also schon da und war so groß, dass man ihn in diesem Leben nicht mehr beheben konnte. Zwar könnten wir noch eine gemeinsame Kraftanstrengungen unternehmen, um zukünftige Generationen etwas besser zu schützen und die (rein rechnerischen) jährlichen 3000 Opfer des Passiv-Rauchens vor dem Tod zu bewahren, aber was wurde uns (noch!) Lebenden damit für eine Prognose gegeben? Wie lange hatte uns der Arzt noch gegeben?
Auf dem Bahnsteig der Zigarrenstadt Bünde ist inzwischen mit gelben Strichen ein Feld markiert, in dem sich nun die Raucher tummeln dürfen. Damit sind zumindest alle Reisenden außerhalb des gelben Quadrats in Sicherheit und können erleichtert durchatmen. Sie sehen allerdings auch nicht glücklich aus. Vielleicht machen sie sich immer noch Sorge um Lukas und haben irgendwie das Gefühl, dass ihnen die Gegenwart komplett verleidet wurde: Alles total scheiße. Und um aus dem Jammertal heraus in eine bessere Zukunft zu gelangen, muss man durch ein Nadelöhr, durch das nur Kamele passen, die dem Gebrüll der Unken folgen, und die jetzt schon durchblicken lassen, dass sie auch in Zukunft weiterhin so rumbrüllen werden, womöglich noch lauter.
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Kategorie(n): Kultur


