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  03.07.2009   07:28   +Feedback

Das Erlebnis-Tribunal

Ein Springer-Tribunal im Hause Springer? Ja, natürlich. Man wundert sich bestenfalls darüber, dass die Beteiligten erst jetzt auf diese Idee gekommen sind. Ein öffentlich wirksames Event lässt sich daraus jederzeit machen, ein Kommunikationsgipfel der Erlebnisgesellschaft. Das Markenzeichen BILD trifft auf das Markenzeichen 68.

Peter Schneider, der unermüdliche Updater der Bewegung, könnte bei der Gelegenheit seine Tribunal-Rede vom Februar 1968 zu Einstimmung vortragen. Darin heißt es. „Reden wir heute davon, welche Verbrechen an der Gesellschaft die Springerpresse begeht, und warum Springer, den wir ja nicht eigentlich aufhängen, noch nicht einmal ins Gefängnis stecken, den wir ja nur in irgendeinem produktiven Beruf, beispielsweise als Herrenschneider, beschäftigt sehen möchten, warum Springer enteignet wenden muss.“

Sollen wir jetzt fragen, was mit „nicht eigentlich aufhängen“ gemeint war oder doch bei den „Verbrechen“ der Springerpresse bleiben?  Worin könnten diese bestehen? Jetzt, nachdem feststeht, dass Kurras nicht vom ewig gestrigen Boulevard sondern von der im Dienst des Antifaschismus stehenden Stasi munitioniert wurde? Auch in diesem Fall gilt: Jede Geschichte hat ihre Kehrseite, um nicht zu sagen, ihren Treppenwitz.

Allgemeiner gesprochen: Es gibt die einen Institutionen, und es gibt auch die anderen. Die rechtsstaatlichen und die gewohnheitsrechtlichen. Es gibt den Bundestag, und es gibt BILD. Angeblich hat BILD einen schlechten Ruf, der Bundestag wahrscheinlich auch. Beide aber werden von einer Mehrheit getragen. Der Bundestag durch seine Wahl, BILD mit dem täglichen Volksabstimmungsergebnis am Kiosk. Soll man fragen, wessen Mehrheit stabiler ist?

Keine Panik auf der Titanic, möchte man Springer-Chef Döpfner raten, der neuerdings die Imageverbesserung betreibt. Der schlechte Ruf aber, den BILD angeblich hat, ist letzten Endes teil seines Images und damit auch seines Erfolgs. Die Zeitung wird trotz ihres Images gekauft und womöglich sogar wegen des zweifelhaften Rufs, der ihr vorauseilt.

BILD spielt schon seit einer ganzen Weile werbemäßig mit diesem Umstand. Zu der aktuellen, hauseigenen Werbekampagne gehört ein Spot mit Kerner, Nazan Eckes und Philip Lahm. Kerner, der den Intellektuellen gibt, wünscht sich mehr Bildung und weniger Meinung. Nazan Eckes, die RTL-Moderatorin, spricht das Dilemma der B-Prominnz aus. BILD kann zwar nicht auf diese verzichten, es kann aber gegebenenfalls Nazan Eckes ignorieren. Darin besteht die Schieflage, oder freundlicher ausgedrückt die Asymmetrie. Philip Lahm hingegen, von dem man Schlichtheit durchaus erwartet, sagt, seine Meinung sei sehr positiv, weil er diese Zeitung täglich lese. Ist Philipp Lahm das Volk? Kann sein.

In einem Blog las ich, er hätte sein Statement ironisch gemeint. Wie er es wirklich gemeint hat, ist, scheint mir, für den Gesamtvorgang egal. Wer BILD liest, kennt den Grund dafür. Die politische Klasse erhofft sich bei der Lektüre Aufschluss über die Stimmung draußen im Land. Die Prominenz will im Gespräch bleiben. Und die Kulturwissenschaften brauchen sie als Gegenstand ihrer Exegesen zu Lebensgefühl und Zeitgeist. Die Enteignung findet längst statt. Sie beruht auf Gegenseitigkeit.

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Kategorie(n): Inland  Kultur 

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