21.10.2012   15:09   +Feedback

Das Ende des Konservativen

An der Diskussion um die Doktorarbeit Annette Schavans zeigt sich die ganze Misere des konservativen Lagers im 21. Jahrhundert. Mit der akademischen Bildung steht hier ein Grundgut bürgerlicher Identitätsbildung zur Debatte. Die CDU hätte die Gelegenheit, vorzuführen, wie eine sich auch kulturell definierende Bürgerlichkeit dieses Gut hochhält. Sie könnte in uneingeschränktem Glauben an das wissenschaftliche System, das sie ja selbst mit geprägt hat, abwarten, was die Untersuchung der Düsseldorfer Uni ergibt, und danach wohl überlegt und ohne parteitaktische Mätzchen Konsequenzen ziehen. Doch diese Möglichkeit ist dem real existierenden Konservatismus längst verloren gegangen. Es gibt diese Form konservativer Bildungsbürgerlichkeit nicht mehr (wenn es sie denn in Deutschland jemals gegeben hat). Undenkbar, dass etwa in Großbritannien in einem ähnlichen Fall die Universität Oxford zum Objekt polittaktischer Fummeleien gemacht würde. Doch Leute wie Volker Kauder oder Baden-Württembergs CDU-Landeschef Strobl haben zum akademischen System und zu akademischen Werten keine andere als eine taktische Beziehung. Die Wissensgesellschaft ist ihnen als strategisches Endziel völlig egal. Es geht ihnen ausschließlich darum, mit möglichst wenig Kollateralschäden aus der Sache herauszukommen. Also heißt es für sie, möglichst schnell von der Diskussion über den wissenschaftlichen Wert von Annette Schavans Arbeit wegzukommen. So werfen sie recht beliebig mit Nebelkerzen um sich, klagen die Uni an, fahnden nach irgendeinem “Maulwurf”, hinterfragen Gutachter und so weiter. Substanziell tut es natürlich gar nichts zur Sache, wer wann irgendwelche Vorgutachten an irgendwelche Journalisten gegeben hat. Aber solche irrelevanten Randdebatten, auf die natürlich die deutschen Medien willfährig aufspringen, lassen die Parteitaktiker hoffen, dass irgendwann das eigentliche Thema vergessen werden könnte. Das Ganze wirkt von außen ungeheuer schmierig und würdelos, bedenkt man, dass mit dem Bildungssystem eigentlich ein konservatives Leitgut verhandelt wird. Doch ein Gefühl für dieses Leitgut haben die deutschen Konservativen scheinbar ohnehin nicht mehr.

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