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  05.12.2011   12:47   +Feedback

Complicate your life. Die Bahn macht „mobil“

Wenn ich schon mal Bahn fahre - und ich vermeide das nach Kräften -, geht garantiert was schief. Im Sommer erwische ich einen Zug, dessen Klimaanlage verreckt ist. Im Winter einen, der vor Schnee kapituliert. Neulich wollte ich auf Schienen einigermaßen kommod nach Gießen gelangen, aber schon im Bahnhof Harburg war Schluss mit bequem. Der ICE aus Hamburg hatte soviel Verspätung, dass mein Anschluss in Kassel nicht geklappt hätte. Daher lernte ich ein IC-Abteil von innen kennen. Ein unfassbar muffiges, runtergerammeltes, spackiges, abgeschabtes, durchgesessenes Kompartment, wo man auch ohne Mikroskop die Milben und Maden und Schaben und-was-weiß-ich-für-Tierchen in den Polstern nur so herumkrabbeln wähnte.

Das Klappbrett am Fensterplatz ließ sich nicht arretieren, so dass es als Ablage ausfiel. Das Abfallfach: proppenvoll. Zudem war das sechssitzige Abteil hoffnungslos überheizt, wie weiland die Grenzerhäuschen in der DDR. Und das war nun die 1. Klasse! Wie es wohl in der zweiten aussehen mochte?

Offenbar zum Ausgleich für derlei Schrott überschüttet einen die Bahn mit einem Schwall grünideologischen Geschwurbels. Ihr Bordmagazin „mobil“, das fällt sogar sporadischen Lesern auf, druckt mit Vorliebe Porträts von Öko-Eiferern wie der Schauspieler Hannes Jaenicke, der sich als „Anwalt der Natur“ geriert und Eisbären, Orang-Utans und Haie ungebeten mit seiner von hochnotpeinlichem PR-Tamtam begleiteten Fürsorge überzieht. Auch in der aktuellen „mobil“-Ausgabe las ich, während ein wohl psychologisch bedingter Juck- und Kratzreiz sich meiner bemächtigte, allerhand Guttuerisches. Etwa das überschwängliche Lob von Elektroautos, die man an Bahnhöfen mieten kann. Ein 40 000 Euro teures Vehikel Marke Peugeot Flinkster, das mutmaßlich eher den Namen Lahmster verdient, verlost die Bahn unter ihren Passagieren - dafür ist Geld da.

Als Highlight wirbt das Magazin der Bahn für eine Reise in den Nationalpark Hohe Tauern Kärnten, wo „sanfte Mobilität, regionale Küche und nachhaltiger Wintersport“ locken. Dort indoktrinieren Ranger einer „mobilen Wasser- und Klimaschule“ wehrlose Kinder und Jugendliche mit Nachhaltigkeitsgedöhns. Schüler können sich ihr Lieblingsessen als „Klimamenü“ zusammenstellen, bei dem dann der CO2-Ausstoß für den „Transport der Zutaten“ errechnet wird. Bis zu 33000 Kilometer, so erfuhren schreckensbleiche Kids, mussten für ein einziges Essen zurückgelegt werden! Das schlechte Gewissen, wichtigstes Herrschaftsinstrument aller Priesterkasten, hier wird es bereits in die Seelen der Pimpfe implantiert. Räder müssen rollen für den Sieg der Ökokratie.

Natürlich entblödet sich das Bahn-Magazin auch nicht, seinen Lesern mal wieder das alte Ammenmärchen aufzutischen, die Bahn fahre mit ganz wenig Atom- und ganz viel „sauberem“ Strom. Was technisch bekanntlich unmöglich ist – die Bahn fährt exakt mit dem Mix, der in den aktuell genutzten Netzen ist, und mit nichts anderem. Die Mär von der mit ganz viel Solar- und Windstrom angetriebenen Bahn birgt für Letztere freilich eine reizvolle Ausredemöglichkeit. Sie könnte den Kunden auf die grüne Tour erklären, warum die Züge permanent Verspätung haben. „Sorry, es herrscht gerade Flaute, und viel Sonne scheint auch nicht.“

Damit Bahn-Passagiere nicht so schnell merken, wie groß die Verspätungen wirklich sind, offeriert eine Anzeige in „mobil“ ein „Festtags-Angebot für alle Bahnreisenden“. Es handelt sich um die Uhr „Neolog“ zum Preis von 168 Euro (reduziert von 280 Euro), welche die Zeit in drei Kolumnen anzeigt. Und zwar jeweils als übereinanderliegende Balken, ähnlich den Empfangsstärkeanzeigen bei Handys. Das Ganze muss man nun nur noch zusammenrechnen. Ein Foto in der Anzeige zeigt ein Rechenbeispiel: sieben Balken plus drei Balken plus fünf Balken (abgelesen von links nach rechts) ergibt die Zeit: 7:35 Uhr.

Unschlagbar praktisch, nicht wahr?

Bittesehr, wer so etwas in seinem hochglänzenden Kundenmagazin abdruckt, und sei es nur als Inserat, der hat einen kapitalen Oberleitungsschaden. Und der ist natürlich auch zu doof, um einen ordentlichen Job zu machen. Seit ich „mobil“ kenne, wundere ich mich über nichts mehr. Und steige erst recht, wann immer es geht, ins Auto oder Flugzeug. Danke, liebe Bahn!

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Kategorie(n): Bunte Welt 

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