25.05.2008   07:40   +Feedback

Byzanz lebt!

Den Beweis gab es gestern Abend beim Grand Prix Eurovision. Pardon, Eurovision Song Contest. Das ist die Wochenendausgabe der OSZE. Wenn plötzlich beim Monitoring alle Beteiligten zu singen anfangen. Und zwar auf englisch.

Um es gleich zu sagen: Der Sieger kommt diesmal aus Russland, und so wird der nächste Contest in Moskau stattfinden. Warum auch nicht? Wenn die Olympischen Spiele in Peking ausgetragen werden, kann das europäische Gassenhauertreffen auch am Heimatort der lupenreinen Demokraten über die Bühne gehen. Der russische Star hat übrigens englisch gesungen und eine entfernte Ähnlichkeit mit Wladimir Kaminer ist ohnehin nicht von der Hand zu weisen..

Und Deutschland? Die für Deutschland angetretenen „No Angels“ kamen auf Platz 23 von insgesamt 25, die das Finale zu bieten hatte, und auch das offenbar nur, weil die Band 12 Punkte aus Bulgarien verbuchen konnte. Aus Bulgarien? Das hat mit No Angel Lucy zu tun: Sie stammt aus dem Balkanurlaubsland.

Grand Prix goes Byzanz. Im Grunde handelt es sich bei der Sache inzwischen um eine hundertprozentige Osteuropa-und-Anrainer-Show. Beim Grand Prix ging es nie um die Musik allein. Während des Kalten Kriegs, als es eine reine Westveranstaltung war, nahm es die westeuropäische Integration vorweg, es war Schaufenster. Als idealer Austragungsort galt Luxemburg, das moderationsfranzösische „doux points“ war ausgesprochen Kult.

Es ist Geschichte. Heute, wo alles über SMS und Computer auf den Weg gebracht und statistisch umgehend ausgewertet wird, kommt nur noch der Wahlbeobachter aus dem Westen, genau wie bei der OSZE. Auf der Bühne aber tobt sich der halbnackte Nachwuchs aus dem ehemaligen Ostblock, dem Balkan und den Schwarzmeeranrainern aus. Die Sternchen bemühen sich so amerikanisch wie möglich zu wirken, als könnten sie schon morgen wie Madonna auftreten, zumindest wie ein Madonna-Double. Soviel Byzanz, soviel Levante war nie.

Wenn aus Großbritannien 12 Punkte für die Türkei kommen und aus Spanien 10 für den rumänischen Beitrag, so ist das wohl auf die Immigranten und Saisonarbeiter zurückzuführen. Und wenn in diesem singenden Europa ohne Grenzen die Punkte aus der Türkei nach Aserbaidschan gehen, so ist das wiederum mit der mittelasiatischen Völkerverwandtschaft zu erklären. Es könnte uns aber auch in Erinnerung rufen, dass nicht etwa Aserbaidschan in Europa liegt, sondern die Türkei in Asien. Und wenn, beispielsweise auf dem Balkan, die Punkte aus Bosnien-Herzegowina nach Serbien gehen, so gehen sie im Grunde nach Bosnien- Herzegowina, denn auch Serbien wird sich zu revanchieren wissen. Das aber ist die byzantinische Art der Einhaltung der Spielregel. Absprache statt Wertung. Sollte so unsere Zukunft aussehen? Byzanz lebt! Es lebt auf Kosten Roms.


Permanenter Link | Druckversion

Kategorie(n): Kultur  Bunte Welt