Dr. Oliver Marc Hartwich 04.02.2008 18:36 +Feedback
Bugger it, I’m off to Adelaide
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Londons Hauspreise sind mit menschlichen Maßstäben nicht mehr zu messen. Die U-Bahn war bei ihrer Eröffnung zwar eine Weltsensation, aber das ist nun auch schon 145 Jahre her, die man der “Tube” deutlich anmerkt. Okay, neblig ist es hier nur noch selten, aber viel Positiveres kann man über das Londoner Wetter auch nicht sagen. Und natürlich traut man sich abends kaum noch auf die Straße, wenn man nicht in die Schusslinie rivalisierender Jugendgangs geraten möchte.
London ist eine Stadt für Masochisten und solche, die es werden wollen. Und das spricht sich langsam herum. Bis nach Südaustralien.
Die südaustralische Staatsregierung schaltet gerade eine große Anzeigenkampagne in den Zeitungen der britischen Hauptstadt, mit der sie die Pommies zum Auswandern bewegen will. In typisch australischer Direktheit wird geworben mit Sprüchen wie ‘Screw working in Staines’, ‘Stuff London traffic’, ‘Sod London house prices’ oder ‘Bugger it, I’m off to Adelaide’. Und damit die Londoner auch gleich wissen, was sie in Adelaide alles erwartet, wird darunter mit hübscher Redundanz erklärt: “"Fine weather, fine wine, fine houses, fine jobs, fine beaches and fine universities, fine weather, fine food, fine houses, oh, and did I mention fine weather and fine wine. Adelaide, South Australia. The world’s finest blend.”
Nun gut, Bescheidenheit gehörte noch nie zu den Stärken der Australier, die sich immer schon sicher waren, “the best address on earth” zu bewohnen. Legendär ist etwa die Foster’s Werbekampagne “I believe”, in der die Welt auf den Kopf gestellt wird, damit Australien endlich “on top” ist - wo es eben auch hingehört. Wahrscheinlich stimmte in diesem Werbespot alles außer der Behauptung, dass in Australien das beste Bier der Welt gebraut wird. Aber wer gute australische Weine vor der Haustür hat, braucht eigentlich auch kein Bier mehr (erst recht kein Foster’s).
Eigentlich großzügig, dass die Südaustralier nun ihr kleines Paradies mit uns bemitleidenswerten Londonern teilen wollen. Aber irgendwie auch konsequent, denn der Bundessstaat hat sich in den letzten Jahren wirtschaftlich so gut entwickelt, dass der Arbeitsmarkt leergefegt ist. Es gibt offene Stellen für alle möglichen Berufsgruppen. Warum also nicht den Engländern vor Augen führen, was ihnen entgeht, wenn sie zu Hause bleiben?
Ich habe es vor kurzem für den Sunday Telegraph selbst verglichen: Für den Preis einer typischen 2-bedroom-Wohnung in London erhält man in Adelaide nicht weniger als ein freistehendes Einfamilienhaus mit sechs Schlafzimmern, drei Bädern, vier Garagen und Swimmingpool. Das bessere Wetter gibt es kostenlos dazu. Und das Barossa Valley mit seinen Weinbergen liegt nur ein paar Kilometer von der Stadt entfernt. Nicht zu vergessen der Strand von Glenelg und das Naturparadies von Kangaroo Island. Auch die Fleurieu-Halbinsel mit ihrer Pinguin-Kolonie lohnt einen Besuch.
Die südaustralische Staatsregierung hat daher noch nicht einmal zu dick in ihren Anzeigen aufgetragen. Es ist sogar eher noch besser da unten, als es die Werbung verspricht. Im Gegensatz zu London gibt es in Adelaide immerhin saubere Krankenhäuser und dafür keine verstopften Straßen. Alles für geplagte Londoner kaum vorstellbare Dinge, die man nur noch aus australischen Soaps kennt.
Aber musste diese Anzeigenkampagne wirklich sein? Reicht es nicht, dass wir Londoner still in der Gewissheit leiden, dass es sich fast überall besser leben lässt als hier? Ich bekomme das sowieso jeden Abend von meiner Frau gesagt, wie grauenhaft die Londoner Lebensqualität ist. Kein Wunder, schließlich kommt sie aus Adelaide. Und ja, Darling, wir bleiben bestimmt nicht für immer hier.
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Kategorie(n): Ausland


